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Multidisziplinäre Verbundforschung zur Verbesserung der Milchwirtschaft

Wellness für die Kuh

Schmeckt die Butter besser, wenn sich die Kuh wohlfühlt? Was hat ein Glas Milch mit Umweltschutz zu tun? Stehen Kühe auch in Zukunft auf der Weide? Nach Antworten auf diese Fragen sucht das neue Zentrum für Integrierte Milchwirtschaftliche Forschung (Center of Integrated Dairy Research) – kurz „CIDRe“.

Stark gestiegene Milchleistung führt zu Problemen

Seit mehr als 10.000 Jahren nutzt der Mensch Kühe für die Milch- und Fleischgewinnung. Die Produktionsbedingungen haben sich allerdings im Lauf der Zeit stark gewandelt: Aktuell werden in Deutschland ca. 4,2 Mio. Milchkühe gehalten, die insgesamt etwa 29,2 Mio. Tonnen Milch im Jahr produzieren. In den letzten zwei Jahrzehnten stieg die Milchleistung deutscher Kühe um 28,6 % auf durchschnittlich 6977 kg jährlich [12]. Diese Entwicklung ist auch in den USA überdeutlich: Hier kam es nahezu zu einer Vervierfachung der Milchleistung seit den 50er-Jahren [8]. Demgegenüber steht eine verminderte Nutzungsdauer der Milchkühe, die mit zunehmender Leistung in den letzten Jahrzehnten stetig abnimmt. Moderne Hochleistungskühe erreichen derzeit ein durchschnittliches Alter von etwa fünf Jahren und nur 2,7 Laktationen, wobei über 40 % der MLP (Milchleistungsprüfung)-Kühe nicht einmal vier Jahre alt werden [13]. Das physiologische Milchleistungsmaximum einer Milchkuh der Rasse Deutsche Holstein liegt jedoch etwa in der vierten Laktationsperiode [13] und damit jenseits der Lebenserwartung der durchschnittlichen Kuh. Die Grenze der Belastbarkeit ist vielfach für landwirtschaftliche Nutztiere erreicht, sodass Fehler in der Umweltgestaltung (Fütterung, Haltung, Management) leicht zu gesundheitlichen Störungen führen können [14]. Wegen der stark gestiegenen Milchleistung brauchen Kühe in den ersten 100 Tagen nach der Kalbung häufig deutlich mehr Energie, als sie mit dem Futter aufnehmen können. Dieses Ungleichgewicht kann zu Fett- und Muskelabbau führen sowie Stoffwechselkrankheiten auslösen. Die Hochleistungsmilchkühe sind dann anfälliger für Fruchtbarkeitsstörungen oder Infektionen an Klauen und Euter. Die häufigsten Abgangsursachen sind in Abbildung 1 dargestellt [7]. Die Analyse der Gesundheits- und Leistungsdaten von insgesamt 6910 Erstkalbinnen und Kühen aus 98 schleswig-holsteinischen Betrieben ergab, dass sowohl die individuelle als auch die Bestandsmilchleistung positiv mit der Krankheitsinzidenz korreliert [11]. Abbildung 2 verdeutlicht diesen Zusammenhang. Ein Ausweg aus der sowohl aus tierschützerischer bzw. ethischer sowie ökonomischer Sicht bedenklichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte kann langfristig nur über gesunde, konstitutionsstarke und leistungsfähige Tiere führen.

Milchkuh = Klimasünder?

Das Dilemma zwischen hoher Leistungsintensität und dem Gesundheitsstatus von Milchkühen wird auch an einem weiteren Beispiel deutlich: Berücksichtigt man die aktuelle Diskussion um die Klimarelevanz der Milchviehhaltung, bedingt durch den natürlichen Ausstoß von Methan mit der Atemluft der Kühe, so haben Untersuchungen ergeben, dass sich mit steigender Milchleistung die Menge des ausgestoßenen Methans nur wenig erhöht und somit die Methanbilanz bei Milchkühen mit hoher Milchleistung günstiger ist [5]. Je mehr Milch die Kuh gibt, desto geringer wird der pro Liter anzurechnende Anteil des so genannten Erhaltungsbedarfs und umso besser fällt damit die Methanbilanz aus. Leistungssteigerungen durch Verbesserungen in Zucht und Haltung können damit einen kleinen Beitrag zur Verringerung des Treibhauseffekts leisten: je höher die Leistung, desto besser fürs Klima [1].

Status quo in der Milchviehhaltung

In den letzten Jahren konnten ein deutlicher Abwärtstrend der Erzeugerpreise und ein drastischer Anstieg der Futter- und Energiekosten beobachtet werden. Ein rückläufiger Trend in der Milchpreisentwicklung sowie der in 2015 bevorstehende Wegfall der Milchquotenregelung lassen auf betrieblicher, aber auch auf regionaler Ebene strukturelle Anpassungen erwarten. Renommierte Experten aus Forschung und landwirtschaftlicher Praxis bewerten die Zukunftsaussichten für deutsche Milchproduzenten durchaus günstig. Sie gehen davon aus, dass bis zum Jahre 2025 die globale Milcherzeugung um zusätzliche 200 Millionen Tonnen angehoben werden muss, um dem starken Nachfrageschub auf den internationalen Märkten gerecht werden zu können, sodass effizient und professionell wirtschaftende Milchviehbetriebe in Westeuropa von der starken Dynamik auf den Rohstoff- und Nahrungsmittelmärkten deutlich profitieren könnten [6]. Obwohl die Preisentwicklungen vom Landwirt direkt nur eingeschränkt beeinflusst werden können, steckt in jedem Betrieb, auch in gut geführten, verborgenes Potenzial zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit. Dabei kann der bestandsbetreuende Tierarzt als externer Betriebsberater durchaus steuernd in die Betriebsabläufe eingreifen, denn die Voraussetzung für eine hohe Lebensleistung, verbunden mit langer Nutzungsdauer, ist eine stabile Herdengesundheit [9].

Vom Feuerwehrtierarzt zum Herdenmanager

In den letzten Jahrzehnten hat es auch in der Veterinärmedizin ein Umdenken gegeben. Bereits 1953 wurde auf einem Tierärztekongress in Stockholm der beginnende Strukturwandel des tierärztlichen Berufes hin zur präventiven Veterinärmedizin deutlich, wobei mehr und mehr die Gesunderhaltung des Tierbestands zum Zweck der menschlichen Ernährung und nicht nur das Einzeltier im Fokus steht [10]. Erst etwa 40 Jahre später, im November 1994, wurde die Fachgruppe Bestandsbetreuung Rind als „Interessengemeinschaft Integrierte Tierärztliche Bestandsbetreuung – Rind“ im Bundesverband Praktizierender Tierärzte (BPT) gegründet. Ihr gehören derzeit bundesweit ca. 280 Tierärzte an, die Bestandsbetreuung beim Rind bereits durchführen oder ein wissenschaftliches Interesse an der integrierten tierärztlichen Betreuung von Rinderbeständen haben [4]. Gemäß den Leitlinien des BPT erreicht die tierärztliche Bestandsbetreuung dann ihre höchste Effizienz, wenn der bestandsbetreuende Tierarzt gemeinsam mit dem Landwirt, gegebenenfalls mit den zuständigen Gesundheitsdiensten, sowie mit den weiteren, für den jeweiligen Betrieb tätigen Beratern im Sinn der betrieblichen Ziele so eng wie möglich kooperiert [2]. Die tierärztliche Bestandsbetreuung folgt einem ganzheitlichen Ansatz, sodass sowohl Gesundheit und Leistung der Tiere an sich als auch die diese beeinflussenden Faktoren berücksichtigt werden [2]. Dieser Ansatz ist für moderne Milchviehhalter mit Herdengrößen von über 200 Rindern sowie deren Hoftierärzte nicht neu und unterstützt diese bei der enormen Anforderung, die die großen Tierzahlen an sie stellen. Ohne den Einsatz modernster Technik sowie EDV-Lösungen sind solche Betriebe nicht zu managen. Obwohl die meisten Rinder (39 %) in Großbetrieben (> 200 Rinder) gehalten werden, halten nach wie vor 73 % der Betriebe weniger als 50 Rinder [3]. Leider ist es bis heute gängige Praxis, dass vor allem in kleinen Milchviehhaltungen der Tierarzt häufig erst dann hinzugezogen wird, wenn bereits Gesundheitsprobleme im Bestand bestehen. Die tierärztliche Bestandsbetreuung erfährt eine permanente Weiterentwicklung, die nach wie vor ein Umdenken bei den praktizierenden Tierärzten erfordert. Neben dem Erwerb rhetorischer Fähigkeiten und der Bereitschaft zuzuhören, muss der moderne Hoftierarzt ebenso bereit sein, neue Techniken, wie beispielsweise spezielle Software, Laptop oder Handhelds zu nutzen. Somit wird der Tierarzt zum Dienstleister, dessen Rat wertvoll ist und bezahlt werden muss, da er langfristig das Betriebsergebnis verbessert [9].

Wissenschaftler suchen Lösungen

An der Universität Bonn werden milchwirtschaftliche Forschungsthemen im Zentrum für Integrierte Milchwirtschaftliche Forschung in wissenschaftlichen Verbundprojekten unter Beteiligung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen (Agrarwissenschaften, Informatik, Physik, Veterinärmedizin, Ökonomie und Sozialwissenschaften) nachhaltig bearbeitet: 26 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten an der Fragestellung, wie sich das komplexe System der Milchwirtschaft (Abb. 3) in eine ausgewogene Balance führen lässt. Sie wollen das System der Milchwirtschaft möglichst vollständig mithilfe von Messdaten erfassen und darauf aufbauend Modelle entwickeln, um solch komplexe Fragestellungen beantworten zu können.

Literatur:

[1] AHO (2009): Umweltfreundliche „Turbokühe“: Bei höherer Milchleistung steigt Methanausstoß aus Pansen nur wenig an. Pressemeldung vom 28.05.2009. http://www.animal-health-online.de/gross/2009/05/28/umweltfreundliche-turbokuehe-bei-hoeherer-milchleistung-steigt-methanausstosz-aus-pansen-nur-wenig-an/10871/ [30.04.2012]

[2] Bundesverband Praktizierender Tierärzte e.V. (2011):Leitlinien für die Durchführung einer „Tierärztlichen Bestandsbetreuung“ in Rinderbeständen. 10. Februar 2011

[3] Deutscher Bauernverband (2012): Situationsbericht 2011/2012. http://www.situations-bericht.de/index.asp?seite=3&kapitel=3 [20.05.2012]

[4] Fachgruppe Bestandsbetreuung Rind. http://www.tieraerzteverband.de/bpt/berufspolitik/fachgruppen/fgb-rind/index.php [20.05.2012]

[5] Flachowsky, G. & Brade, W. (2007): Potenziale zur Reduzierung der Methan-Emissionen bei Wiederkäuern. Züchtungskunde 79 (6), 417 – 465

[6] Hemme T. (2012): Pressemitteilung des IFCN Dairy Research Center.

[7] Hörning, B. (2011): Auswirkungen der Hochleistungszucht auf Nutztiere, insbesondere Geflügel. „Wenn Zucht zur Qual wird“ Fachgespräch Bündnis 90 / Die Grünen am 23.5.2011, Berlin

[8] Knaus, W. (2008): Milchkühe zwischen Leistungsanforderungen und Anpassungsvermögen. 35. Viehwirtschaftliche Fachtagung, LFZ Raumberg-Gumpenstein 2008

[9] Moder, S. & Bosch, G. (2009): Interpretation und Verwertung der Informationskomplexe: Fütterungs- und Stoffwechselkontrolle, Fruchtbarkeit, Reproduktion und Tiergesundheit. Vortrag im Rahmen des Anwenderseminars für die Nutzung des EDV-Systems „Integrierte tierärztliche Bestandsbetreuung (ITB)“ für Tierärzte. Donaueschingen am 18. Februar 2009.

[10] Osburg A. (2010): Die Weiterbildung zum Fachtierarzt / zur Fachtierärztin in Deutschland – Ursprung, Entwicklung, Zukunft. Diss. Med. vet., Hannover 2010

[11] Prien, K. (2006): Tierspezifische, betriebsspezifische und saisonale Faktoren der Gesundheit von Milchkühen. Diss. Med. vet., Tierärztliche Hochschule Hannover

[12] Statistisches Bundesamt (2010): Land- und Forstwirtschaft, Fischerei Milcherzeugung und –verwendung. Fachserie 3 Reihe 4.2.2. Erschienen am 15.09.2010, Artikelnummer: 2030422097004. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/LandForstwirtschaft/ViehbestandTierischeErzeugung/MilcherzeugungVerwendung2030422097004.pdf?__blob=publicationFile [25.04.2012]

[13] Wangler, A. (2006): Untersuchungen zur Lebensleistung und Nutzungsdauer von Milchkühen. Nutztierpraxis aktuell. http://ava1.de/pdf/artikel/rinder/2006_19_wangler.pdf [25.04.2012]

[14] Zollitsch, W. & Knaus, W. (2002): Leistungsgrenzen bei Nutztieren: was ist möglich? In: ZAR (Hrsg.): Leistungszucht und Leistungsgrenzen beim Rind. Seminar des genetischen Ausschusses der ZAR Salzburg, 2002. http://cgi.zar.at/download/seminar02.pdf [25.04.2012]

Foto: © Dr. Susanne Plattes

HKP 5 / 2012

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 5 / 2012.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
Prof. Dr. Arwid Daugschies, Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät – VMF
„hundkatzepferd serviert dem Leser den aktuellen Wissensstand in leicht verdaulicher Form. In Zeiten einer erdrückenden Informationsflut tut es gut, wenn solides Wissen auch in erfrischend entspannter Art angeboten wird.“
Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.