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Hardwicke-Wollfledermäuse schlafen in fleischfressenden Pflanzen

Symbiotischer Untermieter gesucht

Viele wildlebende Tiere benötigen sichere Quartiere – zum Schlafen, für die Aufzucht ihrer Jungen oder als Schutz vor widrigen Einflüssen wie Regen, Hitze, aber auch Parasiten. Innerhalb der Säugetiergruppe gehören Fledermäuse sicherlich zu den einfallreichsten und innovativsten Quartiersuchern. Manche schlafen sogar in fleischfressenden Pflanzen.

Eine Hardwicke-Wollfledermaus beim Anflug an eine Nepenthes hemsleyana-Kanne.
Foto: © Ch’ien C. Lee, wildborneo.com.my

Quartierwahl von Fledermäusen

Die Ordnung der Chiroptera (Fledertiere) ist hinter den Nagern die artenreichste Ordnung innerhalb der Säugetiere. So vielfältig Fledermäuse sind, so unterschiedlich sind auch die Plätze, an denen sie den Tag verbringen, bevor sie bei Einbruch der Dämmerung zu jagen beginnen [1, 2, 3]. Während manche sich damit begnügen, einzeln oder grüppchenweise offen unter Ästen zu hängen, ziehen andere Höhlen vor, die sie sich teilweise mit Millionen anderer Indi­viduen teilen. Häufig treten Fledermäuse auch als Kulturfolger auf, indem sie Hangplätze beziehen, die andere für sie geschaffen haben, etwa von Spechten verlassene Baumhöhlen oder Kirchtürme. Manche Flughunde beziehen sogar bewohnte Termitennester. Andere Fledermausarten dagegen schaffen sich zeltähnliche Strukturen aus Blättern oder schlüpfen in gerollte Blätter [1]. Die Hardwicke-Wollfledermaus auf der Insel Borneo hat ein völlig neuartiges Quartier gefunden: Sie schläft in den ­kannenförmigen Insektenfallen fleischfressender Pflanzen [4, 5].

Fledermäuse in fleischfressenden Pflanzen?

Fleischfressende Pflanzen wachsen in der Regel auf nährstoffarmen Böden. So fehlt es ihnen vor allem an Stickstoff, der essenziell für das Wachstum von Pflanzen ist. Um den so entstehenden Mangel aus­zugleichen, haben diese Pflanzen eine besondere Strategie entwickelt: Sie ernähren sich von Insekten und anderen Glieder­füßern. Die Gattung Nepenthes hat dafür spezielle Strukturen aus ihren Blättern entwickelt, die Kannen gleichen und mit enzym­reicher Verdauungsflüssigkeit gefüllt sind [6]. In solchen Kannen verbringen die ­Fledermäuse die Zeit zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Dabei nutzen die Tiere zwei Arten: Nepenthes hemsleyana und Nepenthes bicalcarata.

Jedem das Seine

Nepenthes hemsleyana galt unter Kannenpflanzenforschern lange Zeit als Rätsel der Natur. Verglichen mit anderen nah verwandten Arten weist sie nicht nur einen äußerst geringen Flüssigkeitsstand, sondern auch eine bis zu siebenfach geringere Insektenfangquote auf [7, 8, 9]. Wie sie sich ausreichend mit Nährstoffen versorgen kann, fand ein internationales Biologenteam aus Brunei, Würzburg und Greifswald vor zwei Jahren heraus. Regelmäßig konnten nicht nur Hardwicke-Wollfledermäuse, sondern auch deren Kot in den Kannen ­dieser Pflanzenart nachgewiesen werden. Fledermauskot ist so nitratreich, dass er auch kommerziell als Pflanzendünger verkauft wird. Mit einer Stickstoffisotopanalyse konnte gezeigt werden, dass die Pflanzen mehr als ein Drittel ihres Bedarfs aus dem nährstoffreichen Kot gewinnen. Offensichtlich handelt es sich um eine Symbiose, bei der die Tiere von einer Herberge, die Pflanzen von den Hinterlassenschaften der Tiere profitieren [4].


a)


b)

Die Kannen von Nepenthes hemsleyana beherbergen die Fledermäuse nicht nur, sie können auch deren nährstoffreichen Kot verwenden. a) zeigt die Sicht auf eine bewohnte Kanne von oben. b) Die Sicht von unten: Wie nahezu alle ihrer Verwandten hängt auch die Hardwicke Wollfledermaus mit dem Kopf nach unten
Foto: © Ch’ien C. Lee, wildborneo.com.my

Fledermäuse als Hausbesetzer?

Ganz anders verhält es sich bei Nepenthes bicalcarata. In ihrem eigentlichen Zustand enthalten die Kannen so viel Flüssigkeit, dass für die Fledermäuse schlichtweg kein Platz wäre. Tatsächlich aber enthalten alle Kannen dieser Art, in denen Fledermäuse gefunden wurden, kleine Löcher in ihrem Boden, durch die die Verdauungsflüssigkeit abgelaufen war. So entleerte Kannen können daher von den Tieren genutzt werden, bringen jedoch den Pflanzen keinen Nährstoffeintrag mehr, weder durch gefangene Insekten noch durch Fledermauskot. Unklar ist bislang, ob die Löcher Begleiterscheinungen eines natürlichen Verfallsprozesses der Kannen sind, ob sie aktiv durch Pflanzenparasiten verursacht werden oder ob die Fledermäuse selbst mit ihren Zähnen die Kannenwände durchbeißen, um sie sich als Quartier nutzbar zu machen [5, 10, 11].

Wer die Wahl hat…

Im Zuge weiterer Nachforschungen stellte sich die Frage, ob die Tiere den Symbiosepartner Nepenthes hemsleyana der anderen Kannenpflanzenart Nepenthes bicalcarata vorziehen könnten. Tatsächlich bestätigte sich der Verdacht: die Hardwicke-Woll­fledermäuse waren insgesamt häufiger in Nepenthes hemsleyana zu finden, selbst in Gebieten, in denen Nepenthes bicalcarata vermehrt vorzufinden war. Nur in einem der untersuchten Gebiete, in dem nahezu keine Nepenthes hemsleyana vorhanden war, nutzen die Tiere ausschließlich die andere Art. Offen blieb, worin die Gründe für das Auswahlverhalten der Tiere liegen könnten.

Kannenwahl beeinflusst Gesundheit

Um dies herauszufinden, wurden die Fledermäuse in zwei Gruppen eingeteilt: Tiere, die ausschließlich in Nepenthes hemsleyana-Kannen geschlafen hatten, wurden Gruppe 1 zugeordnet. Zur Vergleichsgruppe 2 gehörten entsprechend Tiere, die vorwiegend oder ausschließlich Kannen von Nepenthes bicalcarata genutzt hatten. Wie sich herausstellte, hatten die Tiere der Gruppe 1 bei gleicher Körper­größe ein erhöhtes Körpergewicht und insgesamt weniger Parasiten. Es lag nahe, dass die Gründe dafür in der unterschiedlichen Beschaffenheit der Kannenpflanzen selbst zu suchen waren.

Vergleich des Parasitenbefalls

Bei Fledermausparasiten lassen sich grundsätzlich zwei Typen unterscheiden. Parasiten, die ihren gesamten Lebenszyklus ausschließlich auf ihrem Wirt verbringen, und solche, die Teile ihres Entwicklungs­zyklus (Ei- und/ oder Larvenstadien) nicht auf der Fledermaus selbst, sondern in deren Quartier verbringen, um später den Wirt zu befallen. Die erstgenannten Parasiten wurden bei beiden Gruppen gefunden. Dagegen waren ausschließlich Fledermäuse, die bevorzugt Nepenthes bicalcarata nutzten, zusätzlich von Parasiten befallen, welche auf deren Tagesquartier angewiesen sind. Im Gegensatz zu dieser Kannenpflanzenart weist Nepenthes hemsleyana eine Wachsschicht an ihrer inneren Kannenwand auf, die es Insekten nicht erlaubt, sich daran anzuhaften, sodass auch die Larven der Fledermausparasiten sich nicht ­daran festhalten können und in die Verdauungsflüssigkeit rutschen. Dies zeigt, wie wichtig die Wahl der richtigen Umgebung und insbesondere der Quartiere für die Vermeidung von Parasitenbefall sein kann.

Vergleich klimatischer Bedingungen

Die mikroklimatischen Untersuchungen zeigten, dass in Nepenthes hemsleyana sehr stabile Temperaturen und Feuchtigkeitsverhältnisse herrschen. Die von den Fledermäusen verwendeten Nepenthes bicalcarata-Kannen dagegen zeigen ähnlich starke Schwankungen wie das Umgebungsklima außerhalb der Kannen, was sich durch die nicht mehr vorhandene Verdauungsflüssigkeit erklären lässt. Das stabile und feuchte Klima der Nepenthes hems­leyana-Kannen trägt so dazu bei, ihre Bewohner vor Überhitzung und Austrocknung zu schützen.

Qualität oder Quantität?

So stellte sich abschließend die Frage, ­warum die Fledermäuse trotz all ihrer Nachteile auch die Nepenthes bicalcarata-Kannen nutzen. Die Antwort liegt in der Häufigkeit der beiden verschiedenen Kannenarten. Nepenthes bicalcarata kommt nicht nur in größeren Mengen als ihre Verwandte vor, sondern hat auch das größere Verbreitungsgebiet. Indem sich die Hardwicke-Wollfledermaus auch die qualitativ schlechtere Pflanzenart zu Nutze macht, kann sie ihr eigenes Verbreitungsgebiet erhöhen [5].

Ein gefährdetes Paradies

Beide Kannenarten finden sich in den Sumpfwäldern Borneos. Diese Wälder ­haben in den letzten Jahren eine gewaltige Abholzung erfahren, unter anderem, um Gebiete zum Anbau von Palmölplantagen zu schaffen. Dieses wird bei uns in Lebensmitteln, als Pflanzenfett, in Kerzen oder als so genannter „Biosprit“ verkauft, ohne viel mit dem Schlagwort „Bio“ zu tun zu haben. Da die Fledermäuse auf die Kannenpflanzen angewiesen sind, bedeutet die Abholzung der Sumpfwälder eine Zerstörung dieses einzigartigen Lebensraumes und ­aller darin vorkommender Organismen einschließlich der Hardwicke-Wollfledermaus [10]. Unser Konsumentenverhalten wird darüber entscheiden, wie viele dieser Plantagen in Zukunft geschaffen werden.

take home

In den gefährdeten Sumpfwäldern Borneos nutzt die Hardwicke-Woll­fledermaus zwei Arten von fleischfressenden Kannenpflanzen als Schlafplatz. Mit einer dieser Pflanzen unterhält sie eine symbiontische Beziehung, da die Kannen den nährstoffreichen Kot der Fledermäuse verwenden. Diese Pflanze bietet das qualitativ hochwertigere Quartier, kommt aber seltener vor.

Literatur bei den Autoren

Stichwörter:
Quartierwahl, Nepenthes bicalcarata, Nepenthes hemsleyana,

HKP 6 / 2013

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 6 / 2013.
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