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Evidenzbasierte Veterinärmedizin am Beispiel der Mastitis von Milchkühen

Eine Fehlanzeige lässt grüßen!

Mastitiden verursachen bei Kühen in Deutschland schätzungsweise jährlich Umsatzeinbußen und Kosten in Höhe von mehr als 1 Milliarde Euro. Demgegenüber nehmen die Einnahmen der Landwirte trotz des miserablen Milchpreises mit Abstand weiterhin den 1. Platz ein (Abb. 1). So macht das Milchgeld 45 % der Produktionswerte aus tierischer Erzeugung aus, nämlich fast 10 Mrd. Euro [1]. Der kontinuierlichen Leistungssteigerung der Tiere, dem erhöhten Infektionsdruck durch die stetige Vergrößerung der Herden und vielen weiteren Ursachen geschuldet, erkrankt statistisch gesehen bei uns jede Kuh durchschnittlich einmal während der Laktation, einem nicht gerade zum Vorzeigen geeigneten Fakt für kritische Verbraucher.

Da es sich bei Euterentzündungen überwiegend um bakteriell bedingte Infektionen handelt, steht die systemische und intramammäre Anwendung von Antibiotika und Chemotherapeutika bei der Therapie und Metaphylaxe im Vordergrund. Gegen einen ungezügelten Antibiotika verbrauch sind, vielfach mit Pseudosachverstand ausgestattet, Verbraucher und deren Interessenverbände sensibilisiert. Hinzu kommen zahlreiche weitere Medikamente (Vakzinen, Vitamin, Enzympräparate, Probiotika, Antiseptika, Immunstimulanzien, Antiphlogistika, Zitzenversiegler etc.), die für sich oder kombiniert mit Antibiotika im Mastitisgeschehen zur Anwendung kommen. Dies müsste die logische Konsequenz haben, dass, wie in der Humanmedizin, konkrete, wissenschaftlich belegte Anwendungsempfehlungen, evidenzbasiert für die praktizierenden Kolleginnen und Kollegen, existieren müssten.

Wissenschaftliche Studien

Wissenschaftlich hoch angesiedelte Veröffentlichungen, die in der evidenzbasierten Veterinärmedizin (EBVM) das Kriterium von Klasse-Ia-Studien erfüllen, nämlich Metaanalysen aus mehreren randomisierten, kontrollierten Studien, oder solche der Klasse Ib anhand mindestens einer randomisierten, kontrollierten Studie sind in der gesamten Veterinärmedizin bis dato nur sporadisch verfügbar. EBVM-Kriterien befolgende Mastitisstudien der Qualität IIb oder III – basierend auf mindestens einer, vorzugsweise mehreren gut angelegte quasiexperimentellen Studien (IIb) bzw. anhand von Vergleichs- und Fallkontrollstudien (Kategorie III) –
werden in den Fachzeitschriften sowie auf Fachtagungen und -kongressen publiziert und vorgetragen (Tab. 1). Aber wie soll die praktizierende Tierärztin, soll der praktizierende Tierarzt wissen, ob es sich bei der gelesenen Studie um eine gut angelegte, durchgeführte und ausgewertete Untersuchung handelte, sodass die Ergebnisse mit den daraus resultierenden Therapieempfehlungen für die eigene Praxis übernommen werden können?

Feldstudien

Für die Planung von wissenschaftlichen Studien unter Feldbedingungen, die sich mit der intramammären Therapie mit antimikrobiell wirksamen Inhaltsstoffen bei Kühen mit subklinischen und milden klinischen Mastitiden befassen, gibt es immerhin bei der europäischen Zulassungsbehörde für Arzneimittel, European Medicines Agency (EMA), detaillierte Richtlinien, wie solche Wirksamkeitsstudien aussehen müssen [2, 3]. Natürlich orientieren sich viele Wissenschaftler bei der Planung und Durchführung von Feldstudien hieran und befolgen diese Richtlinien, sie sind jedoch dazu nicht gezwungen. Auch lassen begrenzt verfügbare Sachmittel oft nur ein eingeschränktes Studiendesign zu. Es kommt hinzu, dass es bei der EMA für die Therapie mit Antibiotika bei schwerwiegenden klinischen Mastitiden sowie für Begleittherapien mit nicht antimikrobiell wirksamen Medikamenten keine Richtlinien gibt. Außerdem hat gerade beim Mastitis geschehen nicht nur die Therapie des Einzeltieres einen Stellenwert, sondern parallel dazu nehmen Störgrößen auf Bestands ebene wie die Haltung und Fütterung, die Melktechnik und hygiene auf die Eutergesundheit erheblichen Einfluss [4]. Zusammenfassend gibt es weder national noch international derzeit für den Bereich der Mastitistherapie und Metaphylaxe bei Kühen den Qualitätsanspruch gehobener EBVM-Konditionen erfüllende Veröffentlichungen. Eine aktuelle Literaturrecherche mit dem bekannten Suchprogramm „PubMed“ belegt es eindrucksvoll (Tab. 2).

Um die Abbildung und Tabellen sehen zu können, laden Sie bitte das PDF (oben rechts) runter.

Literatur
[1] Anonym (2011): Rinderproduktion in Deutschland 2010 Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter e.V. (ADR).
[2] Anonym (2011): Concept paper on the revision of the CVMP guideline for the demonstration of efficacy for veterinary medicinal products containing antimicrobial substances. European Medicine Agency (EMA), Committee for Medicinal Products for Veterinary Use (CVMP) >http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/ document_library/Scientific_guideline/2010/09/WC500097082.pdf<
[3] Anonym (2003): Guideline for the conduct of efficacy studies for intramammary products for use in cattle. Euro pean Agency for the Evaluation of Medicinal Products (EMEA), Committee for Medicinal Products for Veterinary Use (CVMP) >http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Scientific_guideline/2009/10/WC500004501.pdf <
[4] Fehlings K. et al., Hrsg. (2012): Leitlinien Bekämpfung der Mastitis des Rindes als Bestandsproblem, unter Mitarbeit der Arbeitsgruppe des SV-Ausschusses „Subklinische Mastitis“ des AK Eutergesundheit der DVGFachgruppe „Milchhygiene“ 5. Auflage, Verlag der DVG e.V., Gießen, 2012.

HKP 6 / 2012

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 6 / 2012.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
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