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Ödemkrankheit der Schweine - Interview mit Dr. Andreas Becker

Immer erwischt es die Besten

Die Ödemkrankheit der Schweine ist eine weltweit verbreitete, lebensgefährliche Infektionskrankheit, die vorzugsweise bei Ferkeln nach dem Absetzen von der Muttersau auftritt. Besonders die schweren und am besten entwickelten Tiere einer Gruppe sind betroffen. Nur vereinzelt erkranken auch ältere Tiere. Die Ödemkrankheit wird durch eine starke Erregervermehrung von Shigatoxin-bildenden E. coli-Bakterien – kurz STEC – verursacht.

Für Schweine gelten die Serotypen O138, O139 und O141 mit typischen F-18ab Fimbrien als pathogen. Das von den STEC gebildete Shigatoxin zählt zu den potentesten, natürlich vorkommenden Giften. Es zerstört die feinen Blutkapillargefäße und verursacht Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe. Besonders betroffen sind Darm, Unterhaut und Gehirn. Daher finden sich bei Tieren, die nicht an einem perakuten Krankheitsgeschehen plötzlich versterben, Ödeme an Augenlidern, Nasenrücken und Darm. Weiterhin zeigen die Tiere Krämpfe, Lähmungen, Ruderbewegungen in Seitenlage infolge neurologischer Ausfallerscheinungen. Zusätzlich können Durchfall und Dehydratation beobachtet werden, wenn neben dem Shigatoxin auch weitere Enterotoxine (LT und ST) gebildet werden. Als markantes Zeichen von Kehlkopfschwellungen sind schrille, untypische Schreie der Schweine zu hören. Es ist eine Frage der Giftdosis, ob die Schweine innerhalb von Stunden verenden oder in der weiteren Aufzucht als Kümmerer hinter den Leistungen ihrer Buchtengenossen zurückbleiben. Die Bekämpfung der Ödemkrankheit baut bislang auf so genannten Vermeidungsstrategien auf wie restriktivem, wohl dosiertem Anfüttern nach dem Absetzen, dem Einsatz von hochwertigen, aber teuren Futterkomponenten sowie dem oralen, metaphylaktischen Einsatz von E.coli-wirksamen Substanzen. Deutsche Forscher haben in jüngster Zeit erhebliche Fortschritte in der Entwicklung eines praxistauglichen Impfstoffes gemacht. Die Impfung könnte in naher Zukunft vor Aufzuchtverlusten durch das Shigatoxin und die damit ausgelöste Ödemkrankheit beim Schwein schützen. hundkatzepferd sprach über dieses Thema mit Dr. Andreas Becker, der sich bei der IDT Biologika GmbH um die Prophylaxe im Hinblick auf die Ödemkrankheit im In- und Ausland kümmert.

Herr Dr. Becker, wodurch wird die Erregervermehrung mit einhergehender Shigatoxins Stx2e-Synthese im Absetz alter begünstigt?

Ein abrupter Futterwechsel von Muttermilch auf Ferkelaufzuchtfutter wirkt sich ungünstig aus. Der Futterbrei wird im Magen zu schlecht durchsäuert, sodass pathogene E.coli in den Dünndarm gelangen. Weitere Risikofaktoren sind:

// Hohe Energie- und Proteingehalte im Futter

// Mineralstoffkomponenten mit hoher pH-Wert-Pufferkapazität

// Ungünstiges Tier- zu Fressplatz-Verhältnis bzw. unregelmäßige Futterversorgung

// Wasserversorgung nicht optimal (Wasserdurchfluss zu gering, Tränkenippel/-schalen defekt oder in zu geringer Anzahl)

Wie groß ist die Bedeutung der Ödemkrankheit für den Landwirt?

In den betroffenen Betrieben verursacht STEC enorm hohe Verluste. Verlustraten von 10 – 15 % in einzelnen Durchgängen werden beobachtet. Ferkel, die diese Erkrankung überleben, fallen in der Folgezeit durch verzögertes Wachstum auf. Neben den hohen wirtschaftlichen Schäden ist es vor allem der psychologische Druck aufgrund der hohen Tierverluste, die den Tierbetreuern arg zusetzen.

Ist die Ödemkrankheit in Deutschland weit verbreitet?

Valide Zahlen zur Prävalenz in der Schweinepopulation liegen kaum vor. In Untersuchungen an klinisch erkrankten Ferkeln mit dem Vorbericht „Absetzerdiarrhoe bzw. Ödemkrankheit“ von Sting und Stermann (2008) wurden bei 34 % der Fälle Shigatoxin- produzierende E.coli nachgewiesen.

Wie können Landwirt und Tierarzt vorbeugen?

Treten die klinischen Anzeichen der Ödemkrankheit bei Schweinen auf, sind die Organschäden häufig so weit fortgeschritten und irreparabel, dass eine therapeutische Behandlung meist zu spät kommt. Derzeit konzentriert man sich auf eine „Vermeidungsstrategie“, die auch den metaphylaktischen Einsatz von E.coli-wirksamen Antibiotika einschließt. Der Tierhalter beugt vor, indem er die Saugferkel bereits früh an neue Futterquellen gewöhnt. In Risikobetrieben ist die restriktive und wohl dosierte Futtervorlage nach dem Absetzen wichtig. Häufig kommen hier energie- und proteinreduzierte Futtermischungen zum Einsatz, die aber das natürliche Wachstumspotenzial der Ferkel nicht ausschöpfen können.

In Zukunft Impfung statt Therapie?

Nach einem Impfstoff gegen das Shigatoxin Stx2e wird schon seit vielen Jahren intensiv geforscht. Die Forscher der IDT-Biologika GmbH haben in jüngster Zeit erhebliche Fortschritte in der Bekämpfung der Ödemkrankheit gemacht. Eine Impfung könnte in Zukunft vor Aufzuchtverlusten durch das Shigatoxin und die Ödemkrankheit schützen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Andreas Becker hat Agrarwissenschaften in Bonn studiert. Seit 1996 ist er in der veterinärpharmazeutischen Industrie im Produktmanagement und in der Vertriebsleitung tätig. Im Jahr 2010 wechselte er als Schweinexperte zur IDT Biologika GmbH, wo er sich um die Prophylaxe im Hinblick auf die Ödemkrankheit im In- und Ausland kümmert.

Foto: © Andreas Becker

HKP 8 / 2012

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 8 / 2012.
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