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Virale Erkrankungen auf dem Vormarsch

Schlangen in Gefahr

Zu den bekanntesten viralen Erkrankungen bei Schlangen gehören die Paramyxovirusinfektion und die Einschlusskörperchenkrankheit (Inclusion body disease, IBD). Daneben gibt es aber auch noch weiter Virusinfektionen, die in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Krankheits- oder Todesfällen bei Schlangen nachgewiesen werden.

Paramyxovirusinfektion

Eine schon vor fast 40 Jahren entdeckte und vor allem bei Klapperschlangen zu großen Verlusten führende Virusinfektion ist die Paramyxovirusinfek­tion. Sie wird auch bei giftigen und ungiftigen Nattern und Riesenschlangen nachgewiesen. Mittlerweile sind verschiedene Viren aus dem Genus Ferlavirus der Familie Paramyxo­viridae mit unterschiedlich stark pathogener Wirkung bekannt. Erst vor Kurzem wurde noch ein neues Paramyxovirus aus einem neuen Genus dieser Virusfamilie entdeckt (Sunshine-Virus), das ähnliche Symptome hervorruft. Die Übertragung erfolgt horizontal über die Luft und über Kontakt. Über eine vertikale Übertragung ist nichts bekannt.

Symptome Bei empfänglichen Schlangen kann es zu plötzlichen symptomlosen Todesfällen kommen. Meist sind respiratorische Symptome wie Schleimansammlung im Maul und Atemgeräusche und/oder zentralnervöse Symptome wie Koordina­tionsstörungen zu beobachten.

Diagnose und Prophylaxe Der Nachweis des Virus ist aus Organen eines Sektionstieres oder aus einem Rachentupfer in der akuten Krankheitsphase mittels PCR zu führen. Das Virus kann auch in Schlangenzellkulturen angezüchtet werden.

Überlebende Schlangen können auf Antikörper getestet werden. Dabei sollten mindestens zwei unterschiedliche Virusstämme verwendet werden, damit nicht falsch negative Ergebnisse ermittelt werden, denn die verschiedenen Paramyxovirus­stämme rufen unterschiedliche serologische Reaktionen hervor. Strikte Quarantänemaß­nahmen sind bei Neuerwerb von Tieren vor allem in Giftschlangenbeständen zu empfehlen. Da das Virus über die Luft übertragen wird, sollten diese in separaten Räumen gehalten werden. Während der mehrwöchigen Quarantäne sollten die Schlangen klinisch untersucht und auf Antikörper getestet werden. Eine Impfung ist nicht vorhanden. Der Versuch, eine Vaccine aus einem inaktivierten Virus herzustellen, verlief nicht erfolgreich. Die geimpften Schlangen serokonvertierten erst nach Wochen und die Antikörper verschwanden schnell wieder.

Therapie Es gibt keine spezifische Therapie. Um die Ausbreitung der Erkrankung einzugrenzen, sollten alle klinisch auffälligen Tiere sofort aus dem Terrarienraum entfernt werden. Ein Therapieversuch kann nur unterstützend mit Infusionen und Antibiotika gegen Sekundärinfektionen erfolgen.


Abb.1 Diese Boa constrictor zeigt zentralnervöse Störungen, wie sie bei IBD auftreten können.

Inclusion Body Disease (IBD, Einschlusskörperchenkrankheit)

IBD ist bei Haltern von Riesenschlangen ­eine gefürchtete Erkrankung. Nachweise bei Pythons sind eher selten, der Schwerpunkt liegt eindeutig bei Boa constrictor mit ihren Unterarten. Als Ursache wurde lange Zeit ein Retrovirus vermutet, mittlerweile gibt es neuere Untersuchungen, nach ­denen Arenaviren am Krankheitsbild beteiligt sein könnten. Die Übertragung erfolgt horizontal, allerdings nicht über die Luft, und vertikal vom Muttertier auf die Jungschlangen.

Symptome Die Symptome sind sehr unterschiedlich, es gibt ­also nicht die typische IBD-Symptomatik. Es könnten zentralnervöse Symptome wie Koordinationsstörungen, verringerter Muskeltonus, verlangsamtes Züngeln oder Kopfschiefhaltung auftreten; oft sind die Krankheitsanzeichen aber unspezifisch. Die Schlangen zeigen therapieresistente Pneumonien, Häutungsprobleme, Futterregur­gitation oder Enteritiden.


Abb.2 Histologisch lassen sich im Schnitt zahlreiche für IBD typische große intrazytoplasmatische Einschlusskörperchen nachweisen.


Abb.3 Auch in anderen Organen, wie hier im Magen, sind häufig Einschlusskörperchen bei IBD festzustellen.

Diagnose und Prophylaxe Die sichere Diag­nose ist zurzeit nur über den histo­logischen Nachweis der namensgebenden großen intrazytoplasmatischen Einschlusskörperchen im Gewebe möglich. Das kann durch die Untersuchung der Organe eines Sektionstieres erfolgen, wobei hier häufig Pankreas, ­Leber und Gehirn Einschluss­körperchen aufweisen. Am ­lebenden Tier können Leber­biopsien oder Blutausstriche untersucht werden. Negative Befunde schließen dabei die Erkrankung nicht vollständig aus. Sollten sich die Arenaviren als Krankheitsursache bestätigen, kann auch eine PCR entwickelt werden. Zur Prophy­laxe sollten vor allem neu hinzugekaufte Riesenschlangen mehrere Monate in Quarantäne gehalten und in dieser Zeit beobachtet sowie wiederholt mittels Blutausstrichen untersucht werden. Da die Erkrankung vertikal weitergegeben wird, können bei Boas tot geborene Jungtiere histologisch überprüft werden. Lassen sich bei ihnen Einschlusskörperchen feststellen, ist das Muttertier ebenfalls infiziert.

Therapie Eine Therapie ist nicht möglich. Treten deutliche zentralnervöse Symptome auf, die es dem Tier nicht mehr ­ermöglichen, Futter aufzu­neh­men oder sich normal zu bewegen, sollte die Schlange euthanasiert werden. Ebenso, wenn begleitende bakterielle Infek­tionen nicht mehr ausreichend therapiert werden können (z.B. Pneumonie, Enteritis).


Abb.4 Zur IBD-Diagnostik am lebenden Tier können Blutausstriche untersucht werden. In diesem nach Giemsa gefärbten Blutausstrich sind intrazytoplasmatische bläuliche Einschlusskörperchen in den Lymphozyten zu erkennen.

Adenovirusinfektion

Adenoviren werden nicht nur bei Echsen, sondern auch bei Schlangen immer häufiger gefunden. Die Viren sind in das Genus der Atadenoviren ein­zuordnen. Zu den infizierten Schlangen gehörten vor allem Natternarten wie z.B. Erdnattern, Kiefernnattern, Königs­nattern oder Riesenschlangen wie z.B. Boa constrictor, Königspythons oder Baumpythons. Die Übertragung des Virus von Tier zu Tier ist über Kot oder Speichel möglich. Ob eine vertikale Übertragung möglich ist, ist bis jetzt unbekannt.

Symptome Adenoviren können zu Darm-, Leber- oder zu Gehirnentzündungen mit entsprechender Symptomatik führen. Häufig sind Begleitinfek­tionen durch Parasiten, bak­terielle Sekundärinfektionen oder weitere Virusinfektionen vorhanden.

Diagnose und Prophylaxe Das Virus lässt sich mittels PCR aus Organmaterial oder Tupferproben nachweisen und in der Zellkultur anzüchten. Antikörper werden im Neutralisationstest dargestellt und können im Rahmen einer Quarantäneunter­suchung bei Neuzugängen über­prüft werden.

Therapie Wie bei den anderen Virusinfektionen gibt es auch hier keine spezifische Therapie. Die Begleitinfektionen sollten gezielt bekämpft werden. Infusionen (Ringerlösung, 5%-Glukose) können den Zustand der erkrankten Schlangen verbessern.

Aber auch andere Viruserkrankungen sind auf dem Vormarsch. So lassen sich Reo­viren (Fam. Reoviridae) bei verschiedenen Nattern und Riesenschlangen im Zusammenhang mit Bestands­erkrankungen nachweisen. Meist liegen noch weitere Stressfaktoren vor (Import, Parasiten­befall u.Ä.), die diesen Viren die Chance zu Vermehrung und Schädigung geben. Nachweise können beim akut kranken Tier über PCR bzw. Zellkultur und bei klinisch unauffälligen Schlangen über Antikörperunter­su­chu­gen (Neutralisationstest) erfolgen. Rana­viren aus der Familie der Iridoviridae, die bei Schildkröten ein größeres Problem darstellen, können auch Schlangen infizieren. Betroffen waren bis jetzt Bestände von Baum-, Blut- und Königspythons, die Stomatitiden und Hepatitiden zeigten. Dieses Virus lässt sich ebenfalls gut in der PCR oder Zellkultur darstellen. Antikörpernachweise können auch in der Zellkultur über den Neutralisationstest erfolgen, allerdings gibt es hier noch nicht viele ­Erfahrungen. Nachweise von Herpesviren sind bei Schlangen im Gegensatz zu Schildkröten selten.

take home

Aus diesem Überblick über virale Erkrankungen bei Schlangen lässt sich schließen, dass viele verschiedene Infektionen vorkommen können. Besonders häufig sind die Inclusion ­Body Disease bei Riesenschlangen und die Paramyxovirus­infektion, aber auch Reo- oder Adenovirusinfektionen treten nicht selten auf. Dementsprechend sollte man eine Virus­infektion als Differenzialdiagnose bei unklaren Krankheits­bildern und Bestandserkrankungen im Kopf haben. Zum ersten Nachweis ist bei noch wenig deutlichen Symptomen die Sektion und virologische Untersuchung eines verstorbenen Tieres zu empfehlen.

Literatur bei der Autorin
Foto: © istockphoto.com, LoriSkelton

Stichwörter:
Paramyxovirusinfektion, Paramyxovirus, Antikörper, intrazytoplasmatisch, Therapie, Adenovirusinfektion, Symptome, Prophylaxe, Diagnose, Viruserkrankungen

HKP 8 / 2013

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 8 / 2013.
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