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Epidemiologie, Klinik und Behandlung der Weidemyoglobinurie

Tödlich in jedem Alter

Mit der bevorstehenden kalten Jahreszeit steigt auch wieder das Risiko der Weidemyoglobinurie der Pferde. Die Weidemyoglobinurie (auch atypische Myopathie oder saisonale Weidemyopathie) ist ein akutes Rhabdomyolysesyndrom, das ohne vorhergehende Belastung bei weidenden Pferden auftritt. Klinisch manifestiert sich die Weidemyoglobinurie durch Muskelschwäche und -steifheit, Festliegen und Myoglobinurie. Die Mortalitätsrate liegt bei rund 80 %. Obwohl diese Krankheit schon seit Langem bekannt ist, scheint sich die Anzahl der Ausbrüche in den letzten Jahren zu häufen.

Epidemiologie

Typischerweise tritt die Weidemyoglobinurie im Herbst und in dem darauffolgenden Frühjahr auf. Vereinzelt wurden Fälle im Winter, jedoch nicht im Sommer berichtet. Häufig erkranken mehrere Pferde derselben Weide innerhalb eines kurzen Zeitraumes. Die klimatischen Verhältnisse, die die Weidemyoglobinurie- Ausbrüche begünstigen, lassen sich als kalt und feucht ohne langanhaltenden Frost zusammenfassen. Auch feuchte Stellen und Bäume auf der Wiese, die Nähe zu Fließgewässern, ein ausgeprägtes Gefälle und die Ansammlung von Laub wurden als weidebezogene Risikofaktoren beschrieben.
Obwohl die Krankheit in allen Altersgruppen außer bei Saugfohlen beschrieben wurde, erkranken meist junge, noch nicht eingerittene Pferde. Pferdebezogene Faktoren, die das Risiko einer Erkrankung an Weidemyoglobinurie mindern, beinhalten regelmäßige Arbeit, Impfungen, Entwurmungen und ein guter Fütterungszustand. Das Zufüttern von Heu auf der Wiese stellt keinen Schutz vor Erkrankung dar.

Ätiologie

Die Ätiologie der Weidemyoglobinurie ist nach wie vor unbekannt. Die Ausscheidungsprofile bestimmter organischer Säuren im Urin und ein gleichzeitiger Mangel an Dehydrogenasen in den Muskeln erkrankter Pferde ließen einen erworbenen multiplen Acyl-CoA Dehydrogenasemangel nachweisen. Allerdings weist die Ursache dieses Enzymmangels weiterhin Rätsel auf. Sowohl das Lethaltoxin von Clostridium sordelli als auch das Mycotoxin der so genannten Teerfleckenkrankheit des Ahornbaumes (Rhytisma acerinum auf Ahornlaub) stehen als Auslöser in Verdacht.

Klinik

Das klinische Bild der Weidemyoglobinurie ist uneinheitlich und beginnt meist mit Muskelschwäche, steifem Gang, Abgeschlagenheit, Kolik oder gar Schlundverstopfung. Im weiteren Verlauf kann es zum Festliegen der Pferde kommen. Pferde, die in der Lage sind aufzustehen, legen sich meist nach kurzer Zeit wieder hin. Eine Verhärtung der Rumpf- und Gliedmaßenmuskulatur, typisches Symptom anderer Rhabdomyolyseformen, ist dabei nicht festzustellen. Der Appetit bleibt häufig erhalten. Hypothermie wird typischerweise bei den betroffenen Pferden festgestellt, die längere Zeit auf der Weide liegen. Andere Pferde weisen eine normale oder manchmal erhöhte Körpertemperatur auf. Die Herzfrequenz ist normal oder erhöht, gelegentlich können Arrhythmien und Herznebengeräusche festgestellt werden. Rektal lässt sich häufig eine stark gefüllte Blase palpieren. Der Urin ist charakteristisch dunkelbraun gefärbt. Festliegen und Dyspnoe sind Symptome, die häufiger bei Pferden beobachtet wurden, die die Krankheit nicht überlebten.

Diagnose

Die Diagnose basiert in der Regel auf charakteristischen Elementen der Anamnese (z.B. Jahreszeit, Weidehaltung, Pferde, die nicht geritten wurden) und dem Vorhandensein typischer klinischer Symptome (z.B. Schwäche, Festliegen, Myoglobinurie). Der spezifischste Laborparameter ist die Kreatininphosphokinase-Aktivität (CK) im Serum oder im Plasma. Innerhalb weniger Stunden steigt der Wert auf über 10.000 IE./L und meist sogar auf über 100.000 IE./L an. Pferde, die mit erkrankten Pferden auf der Weide standen, können ebenfalls erhöhte CK-Aktivitäten aufweisen und das unabhängig davon, ob die Erkrankung bei ihnen zum klinischen Ausbruch kommt oder nicht. Das heißt, dass erhöhte CK-Werte sowohl Vorboten der Krankheit als auch Ausdruck einer subklinischen Erkrankung sein können. Der CK-Wert hat wenig prognostische Aussagekraft. Bei erkrankten Pferden, die im Rahmen des Ausbruchs im Herbst 2009 erfasst wurden, lagen die CK-Werte zwischen 2.036 – 793.000 I.E./L und es bestand kein signifikanter Unterschied zwischen den überlebenden und den verstorbenen Pferden. Eine größere Studie berichtet CK-Werte zwischen 99 und 7.059.880 I.E./L und erklärt die fehlende prognostische Aussagekraft der CK-Werte mit der Tatsache, dass die Werte zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Verlauf der Krankheit gemessen wurden. Auch kann es durch das mehrmalige Verdünnen der Proben zu Messfehlern kommen. Andere Muskelenzyme wie die Aspartataminotransferase (AST) und die Laktatdehydrogenase (LDH) weisen einen ähnlichen Verlauf wie die CK auf.
Hyponatriämie, Hypokaliämie und Hyperchlorämie, die häufig bei belastungsinduzierten Rhabdomyolyseformen vorgefundenen werden, werden bei der Weidemyoglobinurie nicht beobachtet. Auch deuten normale Kreatin in und Harnstoffwerte auf eine weitgehend ungestörte Nierenfunktion hin. Typischerweise liegt jedoch eine Hypokalziämie vor. Ebenso sind Hyperglykämie und erhöhte Triglyzeridspiegel gängige Laborbefunde. Diese können in den Zusammenhang mit dem gestörten Lipidmetabolismus und dem erhaltenen Kohlenhydrat-Metabolismus der Muskelmitochondrien in Verbindung gebracht werden. Erhöhte Werte an kardialem Troponin I deuten darauf hin, dass neben der quergestreiften Muskulatur auch das Myokard betroffen ist. Die häufig diagnostizierte neutrophile Leukozytose ist eher unspezifisch und hat kaum klinische Aussagekraft.
Obwohl die klinische Diagnose meist eindeutig ist, können in Zweifelsfällen die Messung des Serum-Acylcarnitingehaltes und die Bestimmung des Ausscheidungsprofils organischer Säuren im Harn den Verdacht der Weidemyoglobinurie bestätigen. Ferner sind die Art und die Verteilung der histologischen Läsionen charakteristisch und beinhalten hyalinschollige Degeneration und Lipidansammlungen in Typ-I Faser-reicher Skeletmuskulatur, der Atemmuskulatur und dem Myokard.

Behandlung

Da bisher weder die Ätiologie der Weidemyoglobinurie noch eine spezifische Behandlung bekannt sind, gilt der Vorbeugung besondere Beachtung. Risikoweiden sprich Weiden, auf denen schon Pferde in den Jahren zuvor erkrankt waren, sollten in der kalten Jahreszeit vermieden werden. Auch treten häufiger Fälle im Frühjahr auf, wenn es schon Erkrankungen im Herbst zuvor gab. Es wird ferner angeraten, Pferde von der Weide zu nehmen, wenn ein Pferd erkrankt oder verdächtige Symptome aufweist. Wenn Stellplätze begrenzt sind, sollte den jüngeren Pferden Vorrang gewährt werden.
Die Behandlung der erkrankten Pferde ist in erster Linie symptomatisch. Neben der Infusionstherapie stehen sedierende, schmerzmindernde und muskelrelaxierende Medikamente im Vordergrund. Da betroffene Pferde meist eine Hyperlipämie aufweisen, ist es sinnvoll, diese Pferde mit Insulin und Glukoseinfusionen zu behandeln. Bei bestehender Insulinresistenz könnte die Gabe von Metformin sinnvoll sein. Vitamine und Antioxidantien wie zum Beispiel Vitamin E, Vitamin B1 und B2, Selen und Carnitin wurden gelegentlich verabreicht und wurden mit einer erhöhten Überlebenschance in Verbindung gebracht.

Literatur bei der Autorin

Foto: © Charlotte Sandersen

HKP 7 / 2012

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 7 / 2012.
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