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HKP-5-2015 > Veränderungen an Schnabel und Wachshaut bei Wellensittichen

Veränderungen an Schnabel und Wachshaut bei Wellensittichen

Halt den Schnabel!

Der Wellensittich (Melopsittacus undulatus) ist der am häufigsten in Deutschland gehaltene Vogel. Trotz unterschiedlicher Farb- und Gestaltmorphen ist der Wellensittich nach wie vor ein Wildtier, was sich unter anderem darin äußert, dass die Tiere Krankheitssymptome lange Zeit gut kaschieren können. Der häufigste Vorstellungsgrund sind daher optisch sichtbare Veränderungen, die sich in der Regel an Schnabel oder Wachshaut manifestieren.

Grundsätzlich wird zwischen angeborenen und erworbenen Veränderungen am Schnabel unterschieden. Angeborene Veränderungen sind Missbildungen, wie eine lateral abweichende Maxilla (Scherenschnabel) oder mandibulärer Prognathismus. Sie sind häufig auf Brutfehler oder mangelernährte Elterntiere zurück zu führen. Ähnliche Missbildungen können auch erworben werden und sind dann in der Regel auf Aufzuchtfehler (vor allem bei Handaufzucht) zurückzuführen. Bei frühzeitiger Vorstellung können entsprechende Veränderungen im Wachstum beeinflusst werden. Bereits ausgewachsenen Tieren kann oft nur mit regel­mäßigen Korrekturen des Schnabelhorns geholfen werden. Dabei sollten alle Korrekturen mit Schleifwerkzeugen und keinesfalls mit Schneide­werkzeugen durchgeführt werden, um feine Haarrisse zu vermeiden. Gegebenenfalls muss der Eingriff unter Allgemeinanästhesie erfolgen.

Therapieoptionen

Die weit verbreitete Körnerfütterung von Wellensittichen zieht zahlreiche Hepatopathien nach sich, die auf Grund von fehlerhafter Blutgerinnung, immer wieder auch zu Veränderungen am Schnabel führen. Initial zeigen sich vor allem kleine Hämatome in der Lederhaut des Oberschnabels, die durch das helle Schnabelhorn deutlich zu erkennen sind. In der Langzeitfolge kommt es zum vermehrten Schnabelwachstum des Oberschnabels. Hier ist neben regelmäßigen Schnabelkorrekturen eine gründliche Abklärung der Leber zwingend erforderlich. Auch bei Therapie und Korrekturen der Fütterungsfehler bleibt das vermehrte Schnabelwachstum bestehen und muss regelmäßig korrigiert werden. Frakturen und z.?T. der Abriss von Unter- oder Oberschnabel können traumabedingt auftreten. Neben einem Anflugtrauma sind hier auch Vergesellschaftungen mit größeren Sitticharten ursächlich zu nennen. Während Frakturen teilweise mit Drahtzerklagen oder Kunstharz reponiert werden können, müssen Vögel mit Schnabelverlusten dauerhaft mit leicht aufzunehmendem Futter (Aufzuchtbrei) versorgt werden und das übermäßige Hornwachstum des verbleibenden Schnabelteiles ­regelmäßig gekürzt werden. Bissverletzungen treten in der Regel bei Vergesellschaftung mit größeren Psittaziden auf und betreffen normalerweise den Oberschnabel. Die Veränderungen am Horn können dauerhaft zum Rillenwachstum führen, auch sekundäre Infektionen sind möglich. Neben einer ausreichenden Analgesie sind daher auch Begleitinfektionen abzudecken.


Gerinnungsstörungen in der Lederhaut unterhalb des Schnabelhorns führen zu deutlich sichtbaren Hämatomen. Diese können erste Hinweise auf Hepatopathien sein.


Knemidocoptes-Milben hinterlassen Bohrgänge in der Wachshaut und in anderen unbefiederten Stellen, wie dem Schnabelwinkel oder rund um die Augen. Es können auch Bohrgänge im Schnabelhorn auftreten. Bei diesem Vogel hat das veränderte Hornwachstum auch zu einem sogenannten Scherenschnabel geführt.

Gelegentlich treten beim Wellensittich auch Schnabelmykosen auf, die sich in der Regel in sehr brüchigem Schnabelhorn äußern. Eine Behandlung kann hier mit Terbinafin-Hydrochlorid-Nagellacke oder auch durch das topische Auftragen einer oralen Amphotericin-B-Lösung erfolgen. Auch eine systemische Pilztherapie kann gelegentlich notwendig sein. Da auch bakterielle Infektionen am Schnabel ein ähnliches klinisches Bild hervorrufen können, sollte vor Therapiebeginn ein Erregernachweis erfolgen. Die häufigste infektiöse Veränderung an Wachshaut und Schnabel entsteht durch eine Infektion mit Knemidocoptes-Milben, die deutlich an den schwammartigen Bohrgängen in der Wachshaut, im Schnabelhorn aber auch an den unbefiederten Stellen rund um die Augen und an den Beinen zu erkennen sind. Hautgeschabsel sind häufig nicht zielführend. Eine Therapie kann mittels verdünntem Ivermectin oder besser mit Selamectin als Spot-on im Nacken­bereich erfolgen. Da der Milbenbefall häufig Folge einer Immunsuppression ist, sollte der Vogel einer gründlichen Allgemeinuntersuchung unterzogen werden. Unterschiedlich große Nasenlöcher sind die Folge einer chronischen Sinusitis, deren Ursachen bakteriell oder parasitär (Trichomonaden) sein können. Auch nach erfolgreicher Therapie bleibt der Größenunterschied deutlich sichtbar. Circo- und Poloymaviren lösen bei Wellensittichen Befiederungsstörungen und eine vermehrte Jungtiersterblichkeit aus, haben aber keinen Einfluss auf das Schnabelhorn. Gelegentlich treten Neoplasien am Schnabel auf. Beschrieben sind Fibrosarkome, Plattenepithelkarzinome, Liposarkome und Keratocanthome. Eine Differenzierung kann mittels Biopsie erfolgen. Trotz erster Therapieversuche mit Bestrahlung und Chemo­therapie, ist die Prognose hier als äußerst ungünstig einzustufen.


Bei chronischer Sinusitis treten asymmetrische Nasenöffnungen auf. Zum Teil ist auch die Wachstumsfuge des Schnabelhornsbetroffen.

Die Farbe der Wachshaut ist beim Wellen­sittich in der Nominatform (grün mit gelbem Kopf) geschlechtsspezifisch. Die Männchen ­haben eine blaue Wachshaut, bei den Weibchen ist sie rosa-braun. Bei abweichenden Farbschlägen ist diese Zuordnung häufig nicht eindeutig. In der Regel haben allerdings weibliche Tiere einen weißen Ring um die Nares. Bei Veränderungen des Hormonhaushaltes kommt es auch häufig zu Veränderungen der Wachshautfärbung. Männliche Tiere mit Sertolizelltumor färben häufig auf braun-schwarz um. Da eine ­Kastration beim Wellensittich äußerst diffizil und risikobehaftet ist, wird hier heute zur ­Hormontherapie geraten. Deslorilin-Implantate können das Wachstum des Tumors zum Teil über Jahre eindämmen, müssen aber regel­mäßig gesetzt werden. Bei weiblichen Tieren äußert sich ein Hyperöstrogenismus in einer Hyperkeratose der Wachshaut. Diese hornartigen Gebilde können zum Teil die Atmung behindern und können leicht mechanisch abgetragen werden. Noch leichter geht es, wenn man die Wachshaut über einige Tage mit fettenden oder keratolytischen Salben behandelt. Der ­Hyperöstrogenismus ist häufig die Folge von Kleingruppenhaltung ohne Zuchtanspruch und führt nicht selten zur dauerhaften Aktivierung von Ovar und Legedarm. In der Folge treten Dyspnoe, Massenkot, Polyurie, Pendelkropf und Befiederungsstörungen auf. Neben einer Haltungsumstellung sind auch hier Hormontherapien nachhaltig wirksam. Deshalb sollten Wellensittiche mit Umfärbungen und Hyperkeratosen der Wachshaut gründlich untersucht und gegebenenfalls therapiert werden. Farbveränderungen der Wachshaut sind auch für Veränderungen der Schilddrüse beschrieben. Hier sind Diagnose und Therapie nur sehr eingeschränkt möglich.

take home

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle Veränderungen am Schnabel auch ­einer weitergehenden klinischen Untersuchung des Patienten bedürfen. Die in der Regel notwendigen regelmäßigen Schnabelkorrekturen müssen mit Schleifwerkzeugen erfolgen. Eine Allgemeinanästhesie ermöglicht präziseres Arbeiten und führt zu einem besseren Langzeitergebnis. Für weitergehende Informationen wird auf das Kapitel 8 in der neuen deutschsprachigen Übersetzung des Buches von Bob Doneley, Vogelmedizin und Chirurgie in der tierärztlichen Praxis – Haustier- und Volierenhaltung, Edition Chimaira, verwiesen.

Foto © istockphoto.com, RobHainer

HKP 5 / 2015

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