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Usutu-Virus

Usutu-Virus

Die Ausbreitung von Viren und das Massensterben der Vögel

Vor allem zum Ende hin erscheint der Winter immer viel zu lang. Alle hoffen auf Sonne und wärmere Temperaturen, sowohl Mensch als auch Tier. Am 20. März war kalendarischer Frühlingsanfang und bereits einige Wochen zuvor konnte man das Zwitschern und Trällern der zurückkehrenden Zugvögel hören, aber auch die heimischen Überwinterer meldeten sich wieder lauter. Dazu gehören neben den Blau- und Haubenmeisen unter anderem die Amseln. Sie sind mit ihrem spezifischen Gesang und Aussehen eine der am leichtesten zu erkennenden deutschen Vogelarten.

In den letzten beiden Jahren war dieser Singvogel in den Sommermonaten plötzlich wie vom Erdboden verschluckt und die Nachricht vom Usutu-Virus kursierte. Mittlerweile weiß man mehr über dieses afrikanische Virus, das von Stechmücken übertragen wird und auch, dass es schon viel früher in Europa auftrat, als zunächst angenommen. Hundkatzepferd sprach mit dem Leiter der virologischen Diagnostik des Bernhard-Nocht-Instituts in Hamburg, Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, über die Ausbreitung von Viren und das Massensterben der Vögel.

hundkatzepferd: Herr Dr. Schmidt-Chanasit, das Massensterben der Amseln, das klingt etwas dramatisch. Sind die Vögel tatsächlich so massenhaft gestorben? Wie viele waren es in den letzten zwei Jahren?

Chanasit: In den letzten zwei Jahren sind jeweils etwa 100.000 Amseln im beobachteten Raum des Dreiländerecks Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz am Usutu-Virus gestorben. Vielleicht hat es auch noch andere Vogelarten betroffen, die Amsel ist jedoch die, die am häufigsten in der Bevölkerung erkannt wird. Deshalb haben wir keine Daten über andere Vögel. Aber man kann auf jeden Fall von einem Massensterben sprechen.

Wieso kam dieses Massensterben so plötzlich?

Chanasit: So plötzlich war das nicht. In Österreich gab es 2001 ein ähnliches Amselsterben. Die Beobachtung ist nicht neu, dass auch schon vor vielen Jahren Stechmücken Viren übertragen haben. So ein Amselsterben hat es in Deutschland allerdings noch nicht gegeben.

Wie kommen die Viren nach Deutschland und generell nach Europa?

Chanasit: Der Hauptgrund ist in der Globalisierung zu sehen. Der Warentransport über Autobahnen, Seehäfen und Flughäfen bietet die beste Möglichkeit zum Einwandern. Die Klimaveränderung spielt da eine eher geringe Rolle.

In Südwestdeutschland ist die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage (KABS) aktiv. Was kann man deutschlandweit gegen die Stechmücken und damit gegen die Virenübertragung unternehmen?

Chanasit: Die KABS wird in Südwestdeutschland über die Kommunen finanziert. Die Arbeit war dringend notwendig, weil sich regelrechte Mückenplagen entwickelten und die Menschen im Sommer nicht mehr vor die Tür konnten. Auf Gesetzesseite fühlt sich jedoch niemand verantwortlich. Es gibt kein verantwortliches Ministerium und so schieben die Ministerien für Umwelt, ­Gesundheit oder Agrar die Verantwortung und vor allem die Finanzierung von sich. Dazu kommt, dass die Bekämpfungsmittel gegen die Mücken oft nicht zugelassen sind. Bislang wurde eine Gesetzeslücke ­genutzt, um diese Mittel einzusetzen. Nun müssen erst neue Gesetze geschaffen werden.

Gibt es denn einen Notfallplan oder eine Zusammenarbeit auf europäischer Ebene?

Chanasit: Nein, es gibt keinen Notfallplan. Bis vor etwa fünf Jahren gab es keine invasiven Stechmückenarten in Deutschland. Die Asia­tische Tigermücke beispielsweise ist 2011 erstmals in Deutschland gesichtet worden. Bislang gab es Projektstudien zum Monitoring zoonotischer Erreger. Sie untersuchen, wie sich die invasiven Arten und Viren ausbreiten. Das Friedrich-Loeffler-Institut und Bernhard-Nocht-Institut arbeiten hierfür sehr eng zusammen und untersuchen eingesendete Proben von toten Amseln, die vom Naturschutzbund oder Privatpersonen, Blutproben, die vom Deutschen Roten Kreuz und Patientenproben, die von Hausärzten und Neurologen ein­geschickt werden. Auf europäischer Ebene ist eine Zusammenarbeit zurzeit jedoch nicht möglich. In Italien etwa gibt es kein Monitoring, obwohl z.B. die Asiatische ­Tigermücke weit verbreitet ist. Man kann momentan nur überwachen, wie sich die Stechmücken und Viren ausbreiten und versuchen, Regeln daraus abzuleiten. Noch gibt es kein übergreifendes Konzept.

Welche Regeln konnten Sie bislang ableiten?

Chanasit:Wir wissen, dass sich das Usutu-Virus auf Menschen übertragen kann. Eine Infektion kann dann mit den Symptomen einer Grippe ablaufen. Bei immun­geschwächten Menschen kann es unter Umständen zu einer Hirnhautentzündung kommen. Insgesamt ist die humanmedizinische Relevanz jedoch gering, ebenso sieht es für die Nutztiere aus. Es handelt sich bei Usutu nicht um einen Tierseuchenvirus. Wir betrachten die Forschungen zum Usutu-Virus als Lehrbeispiel zum Beispiel für weit schlimmere ­Viren wie das West-Nil-Virus, das zur gleichen Familie, den Flaviviren, gehört. Das ist wichtig, da das West-­Nil-Virus gefährlich ist und bereits in den Anrainerstaaten kursiert.

Wie sieht es dieses Jahr für die Amseln aus? Werden sie wieder massenhaft sterben oder besteht die Chance auf Immunität?

Chanasit: Die Monate von Juni bis September werden wieder kritisch. Bei vereinzelten Tieren bilden sich langsam Antikörper. Jedes Tier muss jedoch eigene Memoryzellen bilden. Bei jeder neuen Generation muss dieser Prozess durchlaufen werden. Es wird allerdings noch etwas dauern, bis sich der Bestand erholt hat. Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass Mutationen des Virus auftreten, wodurch die Todesfälle wieder zunehmen könnten. Das ist aber ein natürlicher Vorgang.

Herr Dr. Schmidt-Chanasit, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Foto: © panthermedia.net, Günter Escher

HKP 3 / 2013

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 3 / 2013.
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