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Perakute Vergiftung: PTFE und Intoxikationen bei Kleinvögeln

Perakute Vergiftung: PTFE und Intoxikationen bei Kleinvögeln

Racletteparty mit Folgen

Haushaltsgeräte mit Antihaftbeschichtung aus PTFE (Polytetrafluorethylen) erfreuen sich zunehmender Beliebtheit und werden immer preisgünstiger angeboten. Die besonderen Eigenschaften von PTFE wurden bereits 1938 im Rahmen der Kühlmittelforschung von Plunkett entdeckt und ab 1941 nach Patentierung von DuPont genutzt, seit 1954 findet es sich auf Bratpfannen.

Zur Arbeitserleichterung im privaten Gebrauch wird PTFE seither insbesondere bei Kochgeschirr (Bratpfannen, Milchkocher usw.) und Elektrogeräten (Toaster, Bügeleisen, Fön, Raclettepfannen usw.) nach­gefragt und angeboten. Eine hohe Er- oder eine Überhitzung (Pyrolyse) von PTFE ­führen temperaturabhängig jedoch u.a. zu Ents­tehung von Fluorpolymeren, z.B. Car-bonyl­fluorid oder „Fluorphosgen“. Carbonyl­fluorid ist stark hygroskopisch und reagiert mit Wasser zu Kohlendioxid und Flusssäure (Fluorwasserstoff, HF). Bei kleinen Zier­vögeln kann die Inhalation des Gases so zu massiven Schäden des Lungenepithels mit hochgradigen Ödemen und Blutungen bis zum perakuten Verenden führen. In zwei Fallberichten beschrieb Ehrsam bereits 1969 diese schweren pathologischen Veränderungen im Atemtrakt bei kleinen Sittichen und Finken (u.a. ausgeprägte hämorrhagische Lungenödeme) und konnte diese in drei Studien mit unterschiedlichen Temperaturen (kleine Gasflamme bis 400°C, Herdplatte über 500°C) an verschiedenen Kleinvögeln reproduzieren, während größere Hühner und Kleinsäuger zunächst keine akuten Veränderungen zeigten. In einem vergleichbaren Versuch an Wellensittichen, erweitert um unterschiedlich lange Perioden der Pyrolyse, bestätigen Wells et al. 1982 die Ergebnisse und konnten sogar schon drei Minuten nach der Pyrolyse Todesfälle aufgrund massiver Lungenkongestionen bei Sittichen finden. Beide Arbeiten bestätigen damit zweifelsfrei die dramatischen Berichte von Vogelhaltern (z.B. in Internetforen). Diese dramatischen Situationen haben sogar Eingang in die öffentlichen Medien gefunden (NDR, Sendung „Markt“ v. 26.08.13) und stellen dar, wie die in der Küche gehaltenen oder im Esszimmer lebenden Kanarien, Wellen-und Nymphensittiche aufgrund kurzzeitig erhitzter PTFE-Pfannen oder Raclettegeräte plötzlich tot im Käfig liegen.

Fälle und eigene Ergebnisse

Die beiden aktuellen PTFE-Fälle, in denen unsere Klinik 2013 kontaktiert wurde, schildern „klassische“ Szenarien. Im Januar verendeten drei mehrjährige und bis dahin in einer Zimmervoliere ­lebende Agapor­niden in kurzen Zeitabständen plötzlich im Esszimmer während einer Racletteparty. Bei allen drei Vögeln wurden vom Haustierarzt blutige Lungenveränderungen gesehen. Mikro­biologische Untersuchungen verliefen negativ. In der Umgebung der Agaporniden sowie im Futterangebot ergaben sich keine Veränderungen. Das Raclettegerät war eine Neuanschaffung, Pfännchen und Heizabdeckung waren mit PTFE beschichtet. Im zweiten Fall im Juli handelte es sich um einen Kanarienvogel, der mit schwerer Atemnot vorgestellt wurde (Abb.1+2). ­Wegen einer vorhergehenden Therapie gegen Trichomonaden stand der Vogel zur besseren Beobachtung in der Küche. Nachdem eine PTFE-Pfanne intensiv zum Braten genutzt wurde, trat die schwere Dyspnoe auf, die schließlich letal endete. In der Sektion des gut ernährten Vogels zeigte sich auch hier als Hauptbefund ein hochgradiges sowie beidseitiges, etwa 90?% des Gewebes betreffendes hämor­rhagisches Ödem. Infektionserreger waren nicht zu ­finden.


Abb.1 Kanarienvogel mit Atemnot und Nasenbluten infolge ­PTFE (Teflon)Vergiftung


Abb.2 Blutiges Lungenoedem dieses Kanarienvogels als Todesursache

Diskussion

Durch Erhitzen von PTFE werden wenigstens ab 280°C stark hygroskopische Fluorpolymere oder ätzender Fluorwasserstoff frei, sodass nach Inhalation massive (z.T. akut letale) Gewebsveränderungen resultieren, abhängig vom Lungenvolumen und der Expositionszeit. Die Vergiftungen können in Fällen von Pyrolyse jedoch nicht nur Kleintiere, sondern auch Menschen als „Teflon- oder Polymerfieber“ betreffen. PTFE beschichtete Haushaltsgeräte sind seit langer Zeit als Ursachen des Polymerfiebers bekannt (siehe Warnungen auf Gebrauchsanweisungen), die beiden eigenen Fälle bestätigen jedoch die unveränderte Gefährdung von Kleinvögeln in der Küche. Vor wenigen Jahren wurden dann neue Quellen in Form von PTFE beschichteter Heizbirnen bekannt, die sogar zu Verlusten bei größeren Vögeln wie Beizfalken oder Hühnern führten. Mit Heizbirnen haben sich die PTFE-Vergiftungen aus der Küche in die Vogelvolieren verlagert. Dort ergeben sich für Vogelbestände bei ähnlicher akuter Klinik weitere Differenzialdiag­nosen, z.B. Lungenpocken oder CO-Vergiftungen, die zu beachten sind. Eine Chance zur Therapie gibt es für Tierärzte praktisch nicht, da der Verlauf im Bestand/Haushalt zumeist perakut letal ist. Eine erhebliche Dunkel­ziffer ist sogar zu befürchten. Daher kommt der Prophylaxe eine sehr große Bedeutung zu, weil nur in der Vermeidung potenzieller zu erhitzender PTFE-Quellen der höchste Effekt liegt.

take home

Mit dem wachsenden internationalen Markt für „neue“ Elektrogeräte im 21. Jahrhundert wird für die (Haus)Tierärzte in der Rolle als informative Schnittstelle im Bereich neue Technik-Umgebung-Haustier Mensch die Aufgabe als „Gesundheitsberater“ für ihre Klientel immer dringlicher.

Literatur beim Autor

Foto: © istockphoto.com, fotojagodka| Alina555

HKP 7 / 2014

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 7 / 2014.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
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Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.