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Strategische Bekämpfung der Lahmheit bei Milchkühen

Klauenkrankheiten

Lahmheit ist ein Symptom und wird als „das Unvermögen zur funktionsgerechten Benutzung einer oder mehrerer Gliedmaßen“ definiert. Lahmheiten treten vor allem bei Milchkühen auf und werden in der Regel durch Klauenerkrankungen hervorgerufen. In der Statistik der Gesundheitsstörungen auf Milchkuh haltenden Betrieben stehen Lahmheiten hinter den Fruchtbarkeitsstörungen und den Euterentzündungen auf Rang drei. Prof. Dr. Kerstin E. Müller zeigt im Folgenden, wie es zur Lahmheit kommt, wie man eine solche behandeln kann und wie Vorbeugemaßnahmen aussehen.

Studien belegen, dass lahme Kühe unter Schmerzen leiden (Abb.1). Deshalb verringern Maßnahmen zur Bekämpfung von Lahmheit beim Rind nicht nur die wirtschaftlichen Verluste, sondern erfüllen eine wichtige Funktion im Rahmen des angewandten Tierschutzes. In den letzten Jahren haben gemeinsame Anstrengungen von Wissenschaftlern, Landwirten, der Deutschen Landwirtschaftlichen Gesellschaft (DLG), Tierärzten, professionellen Klauenpflegern, Bauunternehmern und Ausstattern von Ställen sowie Softwareentwicklern dazu beigetragen, Konzepte zur Bekämpfung von Klauenkrankheiten zu entwickeln, die die Komplexität des Geschehens berücksichtigen. Inzwischen stehen Bewertungssysteme zur Beurteilung der Haltungsbedingungen von Milchkühen sowie ein Bewertungssystem für Lahmheit, Hard- und Software für die Erfassung und Dokumentation von Klauenkrankheiten mit Anbindung an gängige Herdenmanagementprogramme zur Verfügung.

Tiergerechtheitsindex (TGI-200) und Lahmheitsbewertung

In der Vergangenheit beruhte die Konzeption eines Stalles für Milchkühe vor allem auf arbeitswirtschaftlichen Überlegungen. Die Bedürfnisse der Milchkuh als Weichbodengänger, der die meiste Zeit des Tages liegend verbringt, wurden kaum berücksichtigt. Neue Konzepte stellen die Tiergerechtheit in den Vordergrund. Ausgangspunkt ist dabei, dass man bestrebt ist, den Bedürfnissen der Tiere so weit wie möglich zu entsprechen. Zur Beurteilung der Tiergerechtheit in der Milchkuhhaltung hat sich das Bewertungssystem TGI-200 bewährt. Verschiedene Aspekte der Tierhaltung werden innerhalb festgelegter Funktionskreise (z.B. Bewegungsverhalten) untersucht und an einem Standard gemessen. Die Methode ermöglicht mit vertretbarem Aufwand eine Schwachstellenanalyse im landwirtschaftlichen Betrieb. Vor allem ungünstig gestaltete Lauf- und Liegeflächen sowie lange Stehzeiten und Hygienemängel begünstigen das Auftreten von Klauenerkrankungen. Zur Lahmheitsbewertung von Rindern auf Herdenebene hat sich das System nach Sprecher et al. bewährt. Neben der Schonung von Gliedmaßen berücksichtigt das Bewertungsschema die Verspannung der langen Rückenmuskulatur, indem die Krümmung des Rückens in Ruhe und in der Bewegung beurteilt wird. Zu Gunsten einer praxisnahen Anwendung wurde das ursprünglich auf fünf Lahmheitsgraden beruhende System auf drei Grade reduziert: Grad I = nicht lahm; Grad II = unregelmäßiger Bewegungsablauf – aufgekrümmter Rücken in der Bewegung, leicht unregelmäßige Fußung, Grad III (lahm) – aufgekrümmter Rücken beim Stehen und in der Bewegung und/oder Schonung eines oder mehrerer Gliedmaßen. Eine in regelmäßigen Abständen bei allen Tieren durchgeführte Lahmheitsbewertung ermöglicht die frühzeitige Behandlung lahmer Kühe und erlaubt Rückschlüsse auf die Effizienz ergriffener Maßnahmen.

Klauenkrankheiten und deren Ursachen

Lahmheiten bei Milchkühen beruhen hauptsächlich auf Erkrankungen der Klauen und der Zehenhaut. Die relevanten Klauenkrankheiten sind entweder nichtinfektiöser oder infektiöser Natur (Tab. 1, Tab. 2). Sie entstehen durch das Zusammenspiel mehrerer Risikofaktoren, weshalb man auch von Faktorenkrankheiten spricht (Abb. 2). Die nichtinfektiösen Klauenkrankheiten treten vor allem infolge Schädigung der sehr empfindlichen Lederhaut auf, von der die Hornproduktion ausgeht. Aus den Gefäßen der Lederhaut gelangen die Nährstoffe über Diffusionsprozesse zur Horn bildenden Schicht. Störungen der Durchblutung oder des Gewebedrucks können die Hornproduktion beeinträchtigen und zur Bildung von Geschwüren führen. Gefährdet sind vor allem Schwachstellen der Klaue wie die weiße Linie, die Klauenspitze und der „Druckpunkt“, d.h. der Bezirk unterhalb der Anheftungsstelle der tiefen Beugesehne am Klauenbein (Abb.3). Eine besondere Gefährdung der Klauengesundheit geht von der Reheerkrankung aus, in deren Verlauf die Lösung der innigen Verbindung zwischen der Wandlederhaut und dem Wandsegment des Hornschuhs zu einem allmählichen Absinken des Klauenbeins führt, wodurch die empfindliche Sohlenlederhaut gequetscht wird. Die Folgen der Rehe werden erst nach etwa sechs Wochen an der Sohlenfläche der Klaue in Form der so genannten Einblutungen sichtbar. Infektiös bedingte Klauenkrankheiten (Tab. 2, Abb. 4) entstehen durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren wie der Anwesenheit anaerober Bakterien, gepaart mit Staunässe in den Laufgängen bei hoher Luftfeuchtigkeit. Die infektiösen Klauenkrankheiten befallen bevorzugt die Haut der Zehe am Übergang zum Hornschuh sowie das weiche Ballenhorn.

Funktionelle Klauenpflege und Dokumentation

Eine regelmäßige Klauenpflege durch einen professionellen Klauenpfleger zählt zu den wichtigsten Maßnahmen zur Verbesserung der Klauengesundheit. Die funktionelle Klauenpflege hat zum Ziel, die normalen Belastungsverhältnisse an den Klauen wiederherzustellen. Negative Umwelteinflüsse in der Ballenregion und am Zwischenzehenspalt sollen vermindert und krankheitsbedingte Schäden korrigiert werden. Die Verfügbarkeit geeigneter Hardware (Touchpad, Abb. 5) und Software (Klaue mobil, Klaue stationär, dsp Agrosoft, Paretz) ermöglicht eine schnelle Datenerfassung sowie den Transfer der generierten Daten Klauin das Herdenmanagementprogramm des Betriebes. Ziel- führend ist ein solches System jedoch nur dann, wenn Tierarzt, Landwirt und Klauenpfleger einen gemeinsamen Diagnoseschlüssel verwenden und in ihren Diagnosen übereinstimmen. Zu diesem Zweck wurden über eine Kooperation zwischen DLG, AID, Tierärzten, professionellen Klauenpflegern und der Klinik für Klauentiere ein Klauenleitfaden sowie eine Informationsbroschüre erstellt, die neben einer treffenden Beschreibung der Krankheiten, eine Kurzbezeichnung, einen Diagnoseschlüssel und Abbildungen enthalten, wodurch die Erfassung und Interpretation von Daten vereinheitlicht wird. Die Vorkommen von Klauenkrankheiten können somit erfasst und der Erfolg von Maßnahmen zur Verbesserung der Klauengesundheit anhand der Daten des Klauenpflegers überprüft werden. Je nachdem, ob die infektiösen oder nichtinfektiösen Klauenkrankheiten überwiegen, lassen sich unter Zuhilfenahme der Information aus dem TGI-200 auf das jeweilige Bestandsproblem zugeschnittene Maßnahmenkataloge erarbeiten. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass eine erfolgreiche Bekämpfung von Klauenkrankheiten nur über den Weg der Datenerhebung, der Einordnung des Problems, dem Setzen von Meilensteinen und der Erfolgskontrolle erfolgen kann. Dabei hängt der Erfolg in hohem Maße von der Bereitschaft des mit dieser Problematik befassten „Expertenteams“, bestehend aus Landwirt, Tierarzt, Fütterungsberater und Klauenpfleger, ab, sich an einen Tisch zu setzen und die Problematik gemeinsam zu bearbeiten sowie von der Konsequenz, mit der Maßnahmen im Betrieb anschließend umgesetzt werden.

Literatur
Archer S, Bell N & Huxley J (2010): Lameness in UK dairy cows. A review of the current status. In Practice 32, 492 – 504.
Sundrum A, Andersson R & Postler G (1994) Animal needs index 200 – a guide for the assessment of housing systems, Köllen-Verlag, Bonn, Germany.
Sprecher DJ, Hostelter DE & Kaneene, JB (1997): A lameness scoring system that uses posture and gait to predict dairy cattle reproductive performance. Theriogenology 47, 1179 – 1187.
aid (2011:)Klauengesundheit beim Rind. 2.Aufl . S. 36 – 53. Toussaint-Raven, E (!993): Klauwverzorging bij het Rund. Universiteit Utrecht pp.136.

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HKP 5 / 2011

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 5 / 2011.
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