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Untersuchungen zur Fütterungsintensität und zum Wachstum bei Fleckvieh und Braunvieh

Jungrinderaufzucht

Jungrinder sind die Milchkühe von morgen. Dementsprechend hat die optimale Jungrinderaufzucht im Produktionssystem Milchviehhaltung eine hohe Bedeutung. Welche Auswirkungen unterschiedliche Fütterungsintensitäten auf die Aufzuchtleistung von Fleckvieh und Braunvieh haben, wurde in einem Versuch an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Grub untersucht.

Hintergrund

Die Jungrinderaufzucht ist einer der größten Kostenblöcke in der Milchviehhaltung. Dies wird durch Auswertungen im Rahmen des DLG-Projektes Spitzenbetriebe Milch bestätigt. Ziel der Aufzucht ist die Produktion einer gesunden, gut entwickelten und leistungsstarken Milchkuh. Dies ist nur durch eine gezielte Fütterung mit qualitativ hochwertigen Futtermitteln bei guten Haltungsbedingungen zu erreichen, so dass sich aus dieser Sicht nur wenig Potential zur Reduktion der Kosten ergibt. Die Verringerung der Anzahl aufgezogener Jungrinder, eine effiziente Maßnahme zur Kostenreduktion, wird in der Praxis kaum durchgeführt, da hierfür die erforderlichen Zuchtentscheidungen sehr frühzeitig getroffen werden müssen. Ein Ansatzpunkt, den Aufwand sowie Nährstoffausscheidungen in der Jungrinderaufzucht zu reduzieren, ist eine Verkürzung der Aufzuchtdauer.
In Bayern lag das Erstabkalbealter im Jahr 2010 in den LKV-Betrieben bei Fleckvieh, Braunvieh und Schwarzbunten bei 29, 31 und 28 Monaten. Die derzeitigen Empfehlungen für Fleckvieh und Braunvieh liegen dagegen bei 26 bis 27 Monaten, für Schwarzbunte bei 23-25 Monaten.

Biologische Grenzen

Allerdings sind einer Reduktion des Erstabkalbealters biologische Grenzen gesetzt, da für den Zeitpunkt der Erstbesamung weniger das Alter als die physiologische Reife bzw. die Lebendmasse entscheidend sind. Dementsprechend bedingt eine frühere Besamung bei gegebener angestrebter Lebendmasse höhere tägliche Zuwachsraten. Diese wiederum werden nur über Rationen mit höheren Energie- und Nährstoffkonzentrationen zu erreichen sein.
Andererseits ist eine zu intensive Fütterung mit der Gefahr der Verfettung der Tiere verbunden. Eine Überversorgung in der präpubertären Phase kann zur Euterverfettung führen, was die häufig beobachtete Reduktion der Milchleistung in den folgenden Laktationen erklären kann. Insgesamt wird deutlich, dass die Fütterungsstrategie in der Jungrinderaufzucht einerseits die Wachstumskapazität ausnutzen muss, um ein frühes und wirtschaftlich vertretbares Erstabkalbealter erreichen zu können, dass durch die Fütterung aber andererseits negative Auswirkungen auf die spätere Leistung vermieden werden müssen. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass die optimale Intensität in der Jungrinderaufzucht im deutschsprachigen Raum derzeit verstärkt Gegenstand der angewandten Forschung ist. Für Fleckvieh liegen allerdings keine neueren Daten vor, die insbesondere die Futter- und Nährstoffaufnahme aber auch die Körperentwicklung während der Aufzucht konsequent erfassen und beschreiben. Solche Daten sind jedoch die Grundlage, um Fütterungsstrategien für die Jungrinderaufzucht zu entwickeln, mit denen die Entwicklung der Tiere den Erfordernissen entsprechend gesteuert werden kann. Deshalb wurde ein Versuch angelegt, der die Auswirkungen einer unterschiedlichen Fütterungsintensität während der Aufzucht zur Erreichung eines Erstkalbealters von 24 bzw. 27 Monaten auf Aufwand und Leistung in der Aufzucht und Leistungskriterien bei der Milchkuh klären soll. Im Folgenden soll der Einfluss der Fütterungsintensität auf Futteraufnahme und Körperentwicklung bis zur ersten Abkalbung dargestellt werden.

Fütterungsversuch

Für die Untersuchungen wurden insgesamt 60 Fleckvieh- und 24 Braunviehkälber mit einem mittleren Alter von etwa einem Monat in sechs Aufstallungswellen im Kälberstall der Versuchsstation in Grub aufgestallt. Bis zu einem Lebendgewicht von etwa 150 kg (138. Lebenstag) wurden die Tiere einheitlich versorgt. Anschließend wurden die Tiere in den Tretmiststall der Versuchsstation Grub verbracht und in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Tiere der Versuchsgruppe (angestrebtes Erstkalbealter: 24 Monate) wurden bis zu einem mittleren Alter von 274 Tagen über eine TMR auf Basis Maissilage, Grassilage und Kraftfutter mit einem Gehalt von 10,6 MJ ME/kg TM versorgt. In der Kontrollgruppe (angestrebtes Erstkalbealter: 27 Monate) wurde bis zum selben Alter die gleiche TMR verdünnt mit Stroh und einem Energiegehalt von 10,2 MJ ME/kg TM gefüttert. Ab dem 274. Lebenstag erhielt die Versuchsgruppe eine TMR auf Basis Grassilage, Maissilage, Stroh und Mineralfutter mit einem ME-Gehalt von 9,7 MJ ME/kg TM, die Kontrollgruppe wiederum diese TMR, mit Stroh auf einen ME-Gehalt von 9,5 MJ ME/kg TM verdünnt. Die letztgenannte TMR wurde auch in der Versuchsgruppe ab dem 550. Lebenstag bis etwa 8-6 Wochen vor der Kalbung verabreicht. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Tiere in zwei Milchviehherden der LfL integriert. Die Nährstoff- und Energiegehalte waren an den Vorgaben der DLG zur Erreichung eines Erstkalbealters von 24 bzw. 27 Monaten ausgerichtet. Zum Zeitpunkt der ersten Besamung
mit 15 bzw. 18 Monaten sollte bei allen Tieren ein Mindestgewicht von 400 kg erreicht werden. Eine detaillierte Darstellung der Versuchsdurchführung und der Rationen findet sich in einer anderen Arbeit. Da die Jungrinder 6 – 8 Wochen vor der Kalbung in die Milchviehherden Achselschwang bzw. Grub integriert wurden, liegen für die letzten Wochen vor der ersten Kalbung keine Daten zur Futteraufnahme vor. Dementsprechend umfasst die vorliegende Auswertung den Zeitraum vom Versuchsbeginn bis zu einem Alter von 22 Monaten. Während des betrachteten Versuchszeitraums bis zur ersten Kalbung kam es in der Kontroll- und Versuchsgruppe zu drei und zwei Abgängen, so dass sich die Daten in den späteren Versuchsabschnitten auf eine reduzierte Tierzahl beziehen.

Futteraufnahme

Die differenzierte Fütterungsintensität führte in der Phase 138. bis 274. Lebenstag zu einer gesteigerten (p < 0,05) Futteraufnahme in der Versuchsgruppe (Tab. 1). Auch in anderen Untersuchungen wurde eine höhere Futteraufnahme bei Jungrindern beobachtet, wenn die Energiekonzentration in der Ration gesteigert wurde, wobei die Effekte wesentlich deutlicher waren als in vorliegendem Versuch. Nach Reduktion der Energiekonzentration ab dem 274.
Lebenstag ergab sich eine reduzierte Futteraufnahme in der Versuchsgruppe und eine zwischen Versuchs- und Kontrollgruppe vergleichbare Protein- und Energieaufnahme. Wie Abbildung 1 zeigt, wurden im unteren Lebendmassebereich höhere Futteraufnahmen gefunden, als nach Literatur angaben zu erwarten wäre. Ab einer Lebendmasse von etwa 350 kg decken sich die DLG-Angaben weitgehend mit den Futteraufnahmen der Kontrollgruppe, die Futteraufnahme der Versuchsgruppe blieb hier jedoch deutlich zurück. Insgesamt ergeben sich aus der verkürzten Aufzuchtdauer und den unterschiedlichen Futteraufnahmen günstige Auswirkungen auf Futterverbrauch und Futterkosten bei intensiverer Aufzucht (Tab. 2).

Zuwachsleistung

Die täglichen Zunahmen waren ab dem Zeitpunkt der differenzierten Fütterung in der Versuchsgruppe gegenüber der Kontrolle um ca. 100 g erhöht (p<0,05). Diese Unterschiede sind für die Phase 138. – 274. Lebenstag durch unterschiedliche Energieaufnahmen erklärbar, für die Phase 274. – 550. Lebenstag jedoch nicht. Die Braunviehtiere zeigten ab dem 274. Lebenstag deutlich geringere (p<0,05) tägliche Zunahmen als die Fleckviehtiere. Die durchschnittlichen Lebendmassen lagen bei Fleckvieh im Versuch bei einem gegebenen Lebensalter erheblich höher als Literaturdaten annehmen lassen (Abb. 2). Ähnliche Beobachtungen wurden auch bei DH und (BS x DH) Rindern gemacht. Dementsprechend kann davon ausgegangen werden, dass sich das Wachstumspotential (und auch die Gewichte der ausgewachsenen Tiere) verschiedener Rassen im Lauf der Zeit erhöht haben und dementsprechend eine Anpassung in den entsprechenden Tabellarien erfolgen sollte. Allerdings muss auch auf die hohe Streuung zwischen den Tieren verwiesen werden (Tab. 1). Andererseits zeigt Abbildung 2 auch, dass sich die Lebendmassen der Braunviehtiere (bzw. Brown-Swiss-Tiere) eher im Bereich der Orientierungswerte der DLG für Fleckviehtiere bewegen. Ein zügigeres Wachstum von Brown-Swiss-Tieren im Vergleich zu Fleckviehtieren, wie es die DLG-Orientierungswerte vermuten lassen, konnte für das im Versuch verwendete Tiermaterial nicht beobachtet werden. Für die Praxis ergibt sich insgesamt, dass die Wachstumskapazität auch innerhalb der Rasse stark vom Typus abhängig ist und erheblichen Variationen unterliegt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines konsequenten Controllings in der Jungrinderaufzucht, wie z. B. durch regelmäßige Tierwiegungen oder alternative Verfahren der Abschätzung der körperlichen Entwicklung. Nur so besteht die Möglichkeit, Abweichungen von den angestrebten Zuwachsraten zumindest im Mittel einer Tiergruppe durch entsprechende Änderungen in der Fütterungsstrategie entgegenzuwirken. Das im Versuch realisierte Erstkalbealter in der Versuchs- und Kontrollgruppe lag unter Einbeziehung aller verfügbaren Daten bei 25,5 und 28,4 Monaten. Der Besamungsindex lag mit 1,44 und 1,55 in der Versuchs- und Kontrollgruppe in einem günstigen Bereich, ein negativer Einfluss der Fütterungsintensität ist nicht erkennbar. Gleichermaßen ergab sich bei der Beurteilung des Geburtsverlaufes zur ersten Kalbung kein ersichtlicher Unterschied zwischen den Gruppen.

Fazit

Vorliegende Arbeit stellt Daten zur Futteraufnahme und Gewichtsentwicklung von weiblichen Jungrindern der Rassen Fleckvieh und Braunvieh bis zur ersten Kalbung dar. Es ergeben sich Hinweise, dass insbesondere die Wachstumskapazität bei Fleckvieh wesentlich höher liegt, als Literaturangaben vermuten lassen. Auch die Futter - aufnahmekapazität im unteren Gewichtsbereich lag höher, als nach Literaturangaben anzunehmen wäre. Dementsprechend sind die derzeitigen Angaben zu Lebendmasseentwicklung und Futteraufnahme in der Aufzucht weiblicher Fleckvieh-Jungrinder zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Die Einflussgrößen auf die Futteraufnahme im 2. Lebensjahr (Alter, Lebendmasse etc.) sind weiter zu untersuchen.

Literatur bei den Autoren.

Foto: © Dr. Thomas Ettle

HKP 5 / 2012

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 5 / 2012.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
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