21.07.2018 12:02 - Über uns - Mediadaten - Impressum & Kontakt - succidia AG - Partner
Mit Kälte heilen

Mit Kälte heilen

Kryochirurgische Therapie der Plasmazellulären Pododermatitis der Katze

Die Plasmazelluläre Pododermatitis ist eine selten auftretende, chronische Hautkrankheit der Katze [2,8,12]. Klinisch können zwei Erscheinungsbilder unterschieden werden. Zum einen können charakteristische weiche, schmerzlose Schwellungen der metakarpalen und metatarsalen Zentralballen auftreten. Zum anderen ist die Ausbildung massiver Ulzerationen, welche mehr oder weniger den gesamten geschwollenen Zentralballen betreffen, möglich. Hierbei besteht zumeist eine ausgeprägte Schmerzsymptomatik mit Lahmheit. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass die ulzerative Form das fortgeschrittene Stadium der Schwellung darstellt [2,8].

Material und Methode

Im Zeitraum von 1993 bis 2008 wurde in der Kleintierpraxis Hamersleben bei 17 Katzen eine PPD diagnostiziert. Es konnte in keinem Fall eine gesicherte Aussage über die bisherige Krankheitsdauer gemacht werden.
Die Diagnose PPD wurde aufgrund des charakteristischen klinischen Befundes gestellt. Die Tiere wurden in allen Fällen wegen ulzerativen Veränderungen der zentralen Zehenballen in der Praxis vorgestellt. Neben der auffallenden klinischen Lokalerscheinung wiesen diese Tiere eine ausgeprägte Lahmheit und Schmerzsymptomatik auf. Die nicht ulzerativen Veränderungen wurden bei der Vorstellung aus anderen Gründen (Impfung, andere Erkrankungen, ulzerative Veränderungen an anderen Pfoten) festgestellt.
Patienten mit ausschließlich nicht ulzerierten Auftreibungen der Zentralballen (5 Tiere) verblieben ohne Therapie. Ein Kater mit ulzerativen Veränderungen der Zentralballen aller 4 Gliedmaßen wurde auf Wunsch des Besitzers mit Triamcinolon (0,5 mg/kg KGW, zweimal im Abstand von 4 Wochen subkutan) behandelt. Die anderen elf Tiere mit Erscheinungen der ulzerativen Form der PPD wurden kryochirurgisch versorgt. Wiesen die Patienten beide Ausprägungsformen der Erkrankung auf, so wurden nur die ulzerativen Veränderungen kryochirurgisch angegangen. 9 Patienten wurden einmalig, je ein Tier zwei und ein Tier dreimal kältechirurgisch behandelt.
Der kältechirurgische Eingriff wurde in Allgemeinanästhesie durchgeführt. Es kamen die Kryochirurgiegeräte IKG III und IKG III-C (Funke-Medingen, Freital) zur Anwendung. Als Kältemittel wurde flüssiger Stickstoff benutzt, welcher im Sprayverfahren appliziert wurde. Der Behandlungsmodus umfasste Doppelzyklen von etwa 30 bis 60 Sekunden Dauer. Der Schutz des angrenzenden Gewebes erfolgte mittels kryoprotektiver Schablonen. bDie Kontrolle behandelter Patienten erfolgte im Abstand von 2 Wochen bis zur Heilung. Nachuntersuchungen wurden i. d. R. einmal jährlich im Rahmen der Impfuntersuchung durchgeführt.

Ergebnisse

Die Plasmazelluläre Pododermatitis wurde von 1993 bis 2008 in unserer Praxis bei 17 Katzen diagnostiziert. Es handelte sich dabei ausschließlich um Tiere der Rasse Europäisch Kurzhaar.
Bei 7 Tieren lagen ausschließlich Veränderungen der ulzerativen Form vor. 5 Katzen wiesen nur die Veränderungen der nicht ulzerativen Form auf. Bei 4 Patienten wurden sowohl ulzerative wie auch nicht ulzerative Veränderungen an verschiedenen Pfoten zeitgleich festgestellt. Ein Patient mit Ulzera der Zentralballen aller vier Pfoten wies zudem Geschwüre an den Außenseiten beider Sprung- und Ellbogengelenke sowie eine massive Verdickung der Nase auf. 16 Tiere hatten die charakteristischen Veränderungen an zwei, drei oder allen vier Pfoten. Lediglich bei einer Katze war die Erkrankung nur an einer Pfote ausgeprägt.
Ein Tier wurde erfolglos mit Triamcinolon- Injektionen behandelt und wies danach über 36 Monate unverändert eine geschwürige Auftreibung der Zentralballen aller Pfoten auf. Die 5 Patienten mit den weichen, schmerzlosen Schwellungen der Zentralballen wurden nicht behandelt. Bei einem dieser Tiere wurde nach 30 Monaten eine spontane Remission festgestellt. In den 4 verbleibenden Fällen persistierte das Krankheitsbild unverändert. 11 Katzen mit ulzerativen Veränderungen an einer oder mehreren Pfoten wurden kryochirurgisch behandelt. Es kam in allen Fällen zur vollständigen Heilung. Bei 9 Patienten führte eine einmalige Behandlung zur Heilung, wobei die vollständige Wiederherstellung der Haut der Zentralballen nach vier Wochen festgestellt wurde. In einem Fall waren 2 und in einem weiteren 3 kältechirurgische Behandlungen bis zur vollständigen Abheilung erforderlich. Fünf Tiere wiesen neben den kryochirurgisch versorgten Erkrankungsarealen weitere Veränderungen auf, welche unbehandelt blieben. Auch an diesen Lokalisationen kam es nach kryochirurgischer Therapie an den Ballen zur Heilung oder zur deutlichen Rückbildung der Krankheitsanzeichen.

Diskussion

Die Plasmazelluläre Pododermatitis ist eine seltene feline Dermatose. Sie ist jedoch vermutlich häufiger als sie diagnostiziert wird. Ätiologie und Pathogenese sind weitestgehend unbekannt. Derzeit wird aufgrund der massiven Plasmazellanreicherung und dem Vorhandensein von Gammaglobulin im erkrankten Gewebe sowie dem Ansprechen auf immunmodulatorische Pharmaka von einer immunvermittelten Pathogenese ausgegangen [2,4,7,8]. Einige Autoren haben eine saisonale Dynamik der Erkrankung beobachtet und vermuten daher eine allergische Genese [2,3,4]. Bei sechs unserer Patienten persistierte die Erkrankung über Jahre hinweg ohne Hinweis auf eine saisonale Dynamik. Nach den Aussagen des Schrifttums besteht keine Alters-, Rassen- oder Geschlechtsdisposition [8,12]. Klinisch sind zwei Ausprägungsformen der PPD zu unterscheiden [1,4,8, 9,13].

Diagnose und Therapie

Die Erkrankung kann an allen Pfoten auftreten, scheint aber gehäuft die Vorderpfoten zu betreffen. Die Diagnosestellung erfolgt aufgrund des charakteristischen klinischen Bildes. Eine Abgrenzung zu den differentialdiagnostisch zu berücksichtigenden anderen felinen Pododermatosen ist in der Regel problemlos möglich [5]. Der klinische Verlauf ist ohne Behandlung zumeist durch ein langwieriges Persistieren der Erkrankung ohne Heilungstendenz gekennzeichnet. Da Patienten mit der nicht ulzerierten Ausprägungsform der Erkrankung in der Regel symptomfrei sind, ist in solchen Fällen eine Therapie nicht erforderlich. Die ulzerative Ausprägungsform der PPD führt zu einer deutlichen Schmerzsymptomatik, sodass eine therapeutische Intervention unumgänglich ist. Die medikamentelle Therapie basiert auf der Anwendung immunmodulatorischer Pharmaka. Die hoch dosierte, orale Kortisonapplikation führte nur in wenigen Fällen und nach langfristiger Therapie zu zufrieden stellenden Resultaten [8,12]. Die Goldtherapie (Chrysotherapie) wird von einigen Autoren empfohlen [2,7,8,9]. Aber auch hierbei sind die therapeutischen Ergebnisse teilweise unbefriedigend und die Gefahr von Nebenwirkungen (bitte aufführen) wird als relativ hoch eingeschätzt. Zuverlässige Resultate liefert die chirurgische Exzision des veränderten Gewebes allein oder in Kombination mit immunmodulatorischer Medikation [4,6,13].

Kryochirurgische Behandlung

Das Prinzip der Kryochirurgie besteht in der Beseitigung pathologisch veränderten Gewebes durch die gezielte Applikation extrem niedriger Temperaturen. Infolge des Kälteinsultes kommt es durch ein komplexes Zusammenspiel zellulärer und hämodynamischer Prozesse zur Nekrose und anschließenden Demarkation des gefrorenen Gewebes. Im Anschluss daran erfolgt eine rasche und komplikationslose Heilung. Zu den Charakteristika der Kältechirurgie zählen Schmerzarmut sowie geringes Blutungs- und Infektionsrisiko [11]. Aufgrund der spezifischen Eigenschaften der Kryochirurgie empfahl sich uns dieses Verfahren für die Behandlung der ulzerativen Form der PPD. Im Schrifttum wird auf diese Möglichkeit der Therapie bisher nicht verwiesen.
In unserer Praxis wurden 11 Tiere mit ulzerativen Veränderungen an den zentralen Sohlenballen kryochirurgisch behandelt. In allen Fällen kam es zur vollständigen Heilung. In 9 Fällen reichte eine einmalige Behandlung aus. Die Epithelisierung der Defekte war nach 4 Wochen abgeschlossen. Bei einem Patient waren 2 und bei einem Tier 3 Behandlungen bis zur vollständigen Heilung erforderlich. Das Verfahren ist schonend für die Patienten, sodass die Notwendigkeit wiederholter Behandlungen nicht als Nachteil anzusehen ist. Da es bei der Kryochirurgie zu einer Zerstörung der sensiblen Nervenfasern im Behandlungsareal kommt, war bei allen Tieren bereits 2 Tage nach dem kältechirurgischen Eingriff die Lahmheit und die ausgeprägte Schmerzsymptomatik nicht mehr vorhanden. Die Kältechirurgie wurde von allen Patienten gut toleriert. Es traten im Beobachtungszeitraum keine Rezidive auf. Bei fünf Patienten kam es nach der kryochirurgischen Behandlung einzelner Erkrankungsareale zum zeitgleichen Abheilen anderer, nicht behandelter Areale. Es ist zu vermuten, dass es durch den kälteinduzierten Gewebeuntergang zu einer Modulation der Krankheitsprozesse mit dem Ergebnis einer generalisierten Heilung gekommen ist. Ein derartiger, das Immunsystem beeinflussender Effekt wird der Kryochirurgie bereits seit langem hypothetisch unterstellt [11]. Aufgrund unserer sehr guten Behandlungsergebnisse ist die Kryochirurgie als eine wertvolle Alternative zu den im Schrifttum genannten Behandlungsverfahren der Plasmazellulären Pododermatitis der Katze anzusehen.

jensundlukas@freenet.de

Literatur beim Verfasser

HKP 2 / 2009

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 2 / 2009.
Das komplette Heft zum kostenlosen Download finden Sie hier: zum Download

Der Autor:

Weitere Artikel online lesen

Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
Prof. Dr. Arwid Daugschies, Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät – VMF
„hundkatzepferd serviert dem Leser den aktuellen Wissensstand in leicht verdaulicher Form. In Zeiten einer erdrückenden Informationsflut tut es gut, wenn solides Wissen auch in erfrischend entspannter Art angeboten wird.“
Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.