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BARF

– eine gesunde Alternative?

Der Begriff BARFEN wird bei uns gerne mit „biologisch-artgerechte Rohkostfütterung“ übersetzt, steht ursprünglich jedoch für „bone and raw food“, also sinngemäß „Knochen- und Rohfütterung“. Verfolgt man die Debatten, besonders die der Hundehalter zum Thema, werden oftmals extreme Positionen vertreten. Im vorliegenden Artikel soll versucht werden, auf neutrale Weise die Pros und Cons darzulegen, ohne sich dabei auf die eine oder andere Seite (Fertigfutter vs. selbst zubereitete Rohkost) zu schlagen.

Der oft in der Debatte zu beobachtende Extremismus ist vollkommen unnötig, da sich verschiedene Ernährungsstrategien durchaus kombinieren lassen. Der aus religiösen Gründen vegetarisch lebende amtierende Dalai Lama bekannte sich bei seinem letzten Deutschlandbesuch dazu, gelegentlich – und gerne – einmal ein (nicht gerade vegetarisches) Wiener Schnitzel zu essen. Im Praxisalltag stelle ich seit Jahren und immer wieder erstaunt fest, dass die „gebarften“ Hunde meiner Kunden erstaunlich gesund und vor allem vital erscheinen. Zudem haben diese Tiere meistens Idealgewicht. Und tatsächlich handelt es sich meines Erachtens um eine Art der Ernährung/ Fütterung, die man keinesfalls verteufeln sollte, vorausgesetzt, man beachtet einige Regeln und Fakten. Letzten Endes kommt sie zweifelsohne der Ernährung wild lebender Fleischfresser am nächsten. Ich selbst füttere meinen Hunden aus Zeitgründen ein kommerzielles Fertigfutter, runde jedoch oft die Ernährung mit Rationen ab, die ich mir bei den „Barfern“ abgeguckt habe und die meine Hunde dankbar annehmen. Dies können auch rein vegetarische Rationen (nicht unbedingt veganisch!) sein.

Was wird beim Barfen gefüttert?

„Barfer“ füttern ausschließlich rohe Zutaten. Fleisch, Fisch, zerkleinerte oder ganze rohe Futtertiere wie Küken, Kaninchen oder Fische, Knochen, Obst und Gemüse (nicht alle), Nüsse, Kräuter, Molkereiprodukte und vergorene Milchprodukte (Kefir, Buttermilch etc.), Honig und auch kalt gepresste Pflanzenöle etc. stehen unter anderem auf dem Speiseplan. Getreide wird kaum oder teilweise gefüttert, wenn, dann eingeweicht, da der Hund die im Getreide (so wie Kartoffeln oder Teigwaren) enthaltenen Kohlenhydrate (Stärke) nicht roh verdauen kann. In der Theorie der „Barfer“ tendieren rohe Knochen weniger dazu zu splittern und stellen somit zumindest keine große Gefahr dar, wenn man von einigen Ausnahmen (z.B. quer geschnittene Röhrenknochen) absieht. Besonders Knochen von Jungtieren (Kalb, Geflügel) eignen sich, da die Knochen noch biegsam und nicht vollständig verkalkt sind. Dies soll auch für Schlachtgeflügel gelten, das bereits in einem Alter geschlachtet wird, in dem die Verkalkung der Knochen nicht vollständig abgeschlossen ist.

Die Pros

Ein wesentlicher Vorteil der Rohfütterung beruht auf der Tatsache, dass viele Nährstoffe durch Erhitzen (Kochen) teilweise oder vollständig zerstört werden. Dies ist bei roh verfütterten Zutaten natürlich nicht der Fall. Eiweiße werden durch Erhitzen denaturiert, Vitamine werden teilweise oder vollständig zerstört. Auch durch sonstige Verarbeitungsprozesse sowie Lagerung nimmt ihr Gehalt in der Nahrung kontinuierlich ab. Ebenso verhält es sich mit Ölen und Fetten, insbesondere im Hinblick auf die enthaltenen essentiellen Fettsäuren. Hinzu kommt eine hohe Akzeptanz/ Schmackhaftigkeit. Für Zahnabrieb und Kauspaß sorgen Knochen (hierzu gibt es natürlich eine Vielzahl nicht-knöcherner alternativer Kauartikel).

Die Cons

Darmperforationen durch spitze Knochensplitter und Koprostasen/Obstipationen durch „Knochenkot“ sind möglich, aber in meiner Erfahrung extrem selten. Stärke ist, wie bereits erwähnt, roh so gut wie unverdaulich. Sie wird erst durch Erhitzen für den Organismus verwertbar gemacht. So sind rohe Kartoffeln ebenso unverdaulich für den Hund wie ungekochte Teigwaren (Nudeln) oder Reis. Ein Hauptargument gegen das Barfen ist die Aufnahme von Parasiten und Keimen über die Nahrung und/oder deren Übertragung auf den Menschen. Folgende Parasiten und Keime stellen eine potenzielle Gefahr auch für den Menschen dar:

Parasiten: Ascariidae, Taenia, Trichinella spiralis, Echinococcus, Toxoplasma gondi

Viren: Aujeszky-Virus

Sonstige Keime: Bacillus (anthracis, -cereus), Campylobacter jejuni, Clostridium botulinum, Clostridium perfringens, Escherichia Coli, Listeria monocytogenes, Mycobacterium bovis, Mycobacterium tuberculosis, Neospora caninum, Sarcozystis, Staphylocuccus aureus, Yersinia enterocolitica

Die meisten Fleischfresser nehmen in freier Wildbahn auch Aas auf und die Befürworter des Barfens argumentieren damit, dass durch die Magensäfte und den extrem niedrigen pH im Hundemagen besonders Bakterien weitestgehend unschädlich gemacht werden. Dem ist aber nur bedingt so. Es mag richtig sein, dass Hunde selten klinisch an Salmonellose erkranken. Jedoch können sie zu „Ausscheidern“ von Salmonellen werden, ohne selbst Krankheitszeichen zu zeigen, wie eine Studie gezeigt hat. Das bedeutet, dass sie unbemerkt Salmonellen verbreiten und auch auf den Menschen übertragen können. Einer kanadischen Studie zufolge waren 80 % aller Futterrationen, die rohes Geflügelfleisch enthielten, mit Salmonellen kontaminiert. Dies gilt auch für andere Keime und aus diesen Gründen ist dringend von dieser Art der Fütterung bzw. in jedem Fall der Fütterung von rohem Fleisch (Gemüse, Obst etc. kann problemlos gefüttert werden) abzuraten, wenn immunsupprimierte Personen (etwa AIDS- oder Krebspatienten unter Chemotherapeutika) im selben Haushalt leben. Auch während der Schwangerschaft ist Vorsicht geboten. In jedem Fall sollte gegebenenfalls in Erwägung gezogen werden, den Hundekot regelmäßig parasitologisch und unter Umständen bakteriologisch untersuchen zu lassen.

Was sollte keinesfalls roh gefüttert werden?

Kartoffeln sind roh so gut wie unverdaulich. Ei-Eiweiß sollte wegen des darin enthaltenen (thermolabilen!) Avidins (Anti-Vitamin-H) zumindest nicht in größeren Mengen gefüttert werden. Rohes oder ungenügend gekochtes Schweinefleisch birgt immer noch die Gefahr der Übertragung des Aujeszkyvirus, das zwar in Deutschland seit vielen Jahren nicht mehr aufgetreten ist, aber im Ausland noch auftritt. Einige Süßwasserfische enthalten ein ebenfalls thermolabiles Enzym, die Thiaminase, die Vitamin B1 (Thiamin) zerstört. Abschließend lässt sich sagen, dass es nicht unbedingt immer roher Knochen oder „radikale“ und ausschließliche Rohfütterung sein muss, wenn für etwas gesunde Abwechselung auf dem Speiseplan unserer Vierbeiner gesorgt werden soll – ein Gemüseshake mit beispielsweise Kefir oder Buttermilch, Nüssen, Öl, Kräutern o.Ä., evtl. einem Ei, kann eine sehr schmackhafte, gesunde Bereicherung des täglichen Futterplanes sein. Ein wichtiger Punkt ist hierbei auch zu wissen, dass Ausgewogenheit der Einzel- bzw. Tages(nahrungs)ration im Bezug auf die Nährstoffzusammensetzung oft weder in freier Wildbahn erreicht wird, noch hier oder in der Fütterungspraxis notwendig ist. Der Organismus verfügt über ausreichend Speicherfunktionen, sodass eine Ausgewogenheit der Nährstoffzusammensetzung allenfalls über Wochen und Monate nötig/wichtig ist. Was das konsequente, ausschließliche „Barfen“ betrifft, so spricht meiner persönlichen Meinung zufolge nicht viel (s.o.) dagegen, wenn einige Regeln beachtet werden. Wird auf das Füttern von Knochen oder Eierschalen (zermörsert) verzichtet, ist stets eine Kalziumsupplementierung erforderlich, da Muskelfleisch überwiegend Phosphat und kaum Kalzium enthält. Entgegen weit verbreiteter Ansicht genügt das
Zufüttern von Quark, Hüttenkäse etc. nicht, um das durch reine Fleischfütterung entstehende Kalziumdefizit hinreichend auszugleichen. Zum Ausgleich kann beispielsweise auf Kalziumzitrat oder Futterergänzungsmittel (z.B. Algenkalk), zurückgegriffen werden, die einen hohen Kalziumgehalt aufweisen. In jedem Fall ist es ratsam, sich ausreichend zu informieren und z. B. über regelmäßige Routineuntersuchungen (in diesem Fall parasitologische und bakteriologische Kotuntersuchungen) mögliche Risiken zumindest teilweise auszuschließen.

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www.hauttierarzt-hamburg.de

HKP 1 / 2009

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 1 / 2009.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
Prof. Dr. Arwid Daugschies, Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät – VMF
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Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.