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Stammzellentherapie bei Sehnenverletzungen des Pferdes

Lahmfrei dank Nabelschnurblut

Sehnen- und Banderkrankungen sind neben den Gelenkerkrankungen eine der häufigsten Ursachen für Lahmheiten bei Sport- und Freizeitpferden. Häufig entstehen diese durch Belastungen über die Elastizitätsgrenze des beanspruchten Gewebes hinaus. Sehnenerkrankungen sind meist sehr langwierig, bedürfen einer intensiven Kontrolle und sollten medikamentös, physikalisch oder chirurgisch unterstützt werden.

Abb.1: Ultraschalluntersuchung

Symptome

Bei Sehnenschäden muss unterschieden werden zwischen Schäden in der Sehnenstruktur sowie Schäden am Ansatz der Sehne am Knochen, wie es am Fesselträgerursprung der Fall ist. Auftreten können Sehnenentzündungen, -zerrungen, -zerreißungen sowie eine Sehnenscheidenentzündung. Bei der Sehnenentzündung ist die Sehne warm, geschwollen und das Pferd reagiert schmerzempfindlich auf Druck. Je nach Schwere der Erkrankung geht es kaum bis sehr stark lahm, es bildet sich der so genannte Bogen auf der Sehne. Auf tiefem Boden oder in Traversalen verstärkt sich die Lahmheit.

Erfahrungsgemäß geht ein Pferd mit Sehnenproblemen an der Longe schlechter, wenn das kranke Bein außen ist, was mit den Scherkräften zusammenhängt. Wird der Defekt zu spät entdeckt und mit dem Pferd weiter gearbeitet, kann es zu chronischen Schäden bis hin zum Abriss der Sehne kommen. Die Sehne ist wie ein Strick aus einzelnen ­Fibrillen in mehreren Bündeln aufgebaut, welche schlecht durchblutet werden. Bei einer Überlastung reißt eine Anzahl dieser Fasern, es kommt zu einer Entzündung und die Sehne schwillt an. Meist sind die Beugesehne sowie der Fesselträger betroffen. Dabei kann trotz Lahmheit äußerlich oft keine Veränderung erkannt werden. Im Gegenteil zum Sehnenabriss: Dabei lahmt das Pferd hochgradig und die Fessel drückt sich bis zum Boden. Sehnenscheidenentzündungen hingegen lösen selten Lahmheiten aus, sondern die Sehnenscheide ist durch die Entzündung verstärkt mit Synovia gefüllt, was meist die Bildung von Gallen hervorruft. Am Fesselgelenk ist dies z.B. leicht erkennbar, akut entzündet sind die kastanienförmigen Gallen warm, schmerzhaft und dick gefüllt. Im chronischen Zustand wird das Pferd in der Regel nicht beeinflusst, die Gallen sind nicht mehr warm und fühlen sich härter an.

Ursachen

Sehnenschäden entstehen meist durch eine Überlastung oder eine Verletzung. Ermüdet das Pferd während der Arbeit, hat die Muskulatur nicht mehr genügend Kraft, die ­Belastung abzufedern, sie geht voll auf die Sehne. Dies passiert oft bei jungen Pferden mit sehr viel Bewegung. Werden sie Runde um Runde im starken Trab vorgestellt, treten schnell Probleme auf. Doch auch akute traumatische Ursachen wie durch äußere Einwirkung entstandene Verletzungen oder falsches Aufstehen, „Weggrätschen“ sowie Training auf extrem tiefen oder stumpfen Böden können Sehnenprobleme auslösen.

Diagnose

Das Ausmaß eines Sehnenschadens kann per Ultraschall erkannt werden. Da Sehnen die Kraft des Muskels auf das Skelett übertragen, kann es sinnvoll sein, Röntgenbilder für eine vollständige Untersuchung anzufertigen. Auch CT oder Szintigrafie können für eine Diagnose eventuell sinnvoll sein.

Therapie

Ein Sehnenschaden muss komplett ausheilen, bevor das Pferd wieder voll belastet werden darf, was ein halbes Jahr dauern kann. Einen Fesselträgerschaden kann man sich bspw. wie einen Tennisarm vorstellen. Ohne örtliche Behandlung wird er nicht heilen. Die Behandlung setzt auf entzündungshemmende und durchblutungsfördernde Medikamente, die teilweise direkt in die Sehne injiziert werden. Bei der klassischen medikamentösen Behandlung wird der Sehnendefekt mit entzündungshemmenden Mitteln umspritzt. Die Palette dieser Medikamente ist vielfältig und reicht von Cortison bis hin zur Müller-Wohlfahrt-Mischung mit homöopathischen Bestandteilen. Gerne und häufig wird auch Hyaluronsäure genommen, welche sowohl direkt an den Defekt gespritzt als auch systemisch verabreicht werden kann. Schon seit Längerem haben biotechno­logische Verfahren Einzug in die Veterinärmedizin erhalten. Solche, auch als regenerative Medizin bezeichnete Verfahren umfassen Behandlungen mit PRP, ACP, ACS, IRAP, Orthokin sowie Stammzellen. Bei den erstgenannten Methoden wie PRP (platelet rich plasma) wird aus dem Blut des Patienten ein Konzentrat aus körper­eigenen Entzündungshemmern hergestellt, das dem Patienten in oder um den Sehnendefekt injiziert wird. Bei der Behandlung mit ACP (autologes conditioniertes plasma) wiederum werden die körpereigenen Thrombozyten angereichert, welche vermehrt Wachstumsfaktoren freisetzen. Je nachdem, welches Verfahren man einsetzt, erreicht man über eine Entzündungshemmung im Gewebe oder über die Anregung der Sehnenzellen zum Wachstum eine verbesserte Regeneration/Repa­ration des Gewebes. Bei diesen langläufig als Eigenbluttherapie titulierten Verfahren können Vorräte angelegt werden, auf die man jederzeit zurückgreifen kann. Ergänzend kann die Stoßwelle alle 8 bis 14 Tage eingesetzt werden, auch in Verbindung unmittelbar vor einer Injektion mit Stamm­zellen in die Sehne.

Als Mittel der Wahl bei klassischen Sehnenschäden gilt die Stammzelltherapie. Bei dieser nutzt man die Eigenschaften der Stammzelle, sich in das gewünschte Gewebe umzuwandeln. Die Stammzellentnahme erfolgt aus Fettgewebe, Knochenmark oder Nabelschnurblut. Sowohl bei der Entnahme von Fettgewebe als auch von Knochenmark ergibt sich der Nachteil, dass das vom Tierarzt entnommene Material häufig anteilig direkt wieder in oder an den Defekt der Sehne gespritzt wird, aber der andere Teil über ca. drei Wochen im Labor aufbereitet werden muss. Die Kultivierung der Zellen im Labor ist nötig, um eine genügend große Anzahl der Stammzellen (>10 Mio. Zellen pro Milliliter) in der Injektionslösung zu erhalten. Es entsteht ein Wettlauf mit der Zeit, da sich im geschädigten Sehnengewebe bereits eine Woche nach einer Verletzung die ersten Zellen vom Narbengewebe bilden. Diese sind nicht elastisch und genau an dieser Reparationsstelle entstehen später dann Rezidive. Um dies zu verhindern, wird ein Verfahren vorgestellt, das gemeinsam von der Pferdeklinik Mühlen und dem Zentrum für Zellkultur entwickelt wurde. Die Stammzellen werden während der ­Geburt unter hygienischen Bedingungen direkt aus dem Nabelschnurblut frisch ­geborener Fohlen in der Klinik gewonnen.

Die Stammzellen werden hieraus vermehrt, aufbereitet und können bei -196°Celsius in Stickstoff beliebig lange gelagert werden. Allergische Abstoßungsreaktionen sind nicht zu erwarten, da das Blut in der Nabelschnur keine Antikörper enthält. Sie können für jeden beliebigen Sehnenpatienten genutzt werden, unabhängig von der Blutgruppe. Das Nabelschnurblut muss folglich nicht von dem Fohlen gewonnen werden, für das die Stammzellen später genutzt werden. So kann der Sehnenpatient ohne Zeit- und Qualitätsverlust mit Stammzellen in hoher Anzahl und Qualität sofort bei der ersten Untersuchung behandelt werden. Der Vorteil der regenerativen Methoden besteht darin, dass störendes Narbengewebe verhindert und einer erneuten Verletzung der Sehne vorgebeugt werden kann, ohne gesundheitliche Nachteile für den Patienten Pferd.


Abb.2: Injektion von PRP in den Sehnendefekt unter Ultraschallkontrolle

Nachbehandlung

Es sollte so schnell wie möglich Bewegung der Pferde im Schritt erfolgen, da sich nach einer Woche bereits die ersten Zellen bilden. Diese wachsen normalerweise in Bewegungsrichtung – fehlt der mechanische Reiz wachsen sie kreuz und quer und werden nicht elastisch in Längsrichtung angelegt – und sind somit stark genug für die spätere Belastung. Sehnenerkrankungen sind meist sehr langwierig. Klassischerweise werden Sehnenpatienten ein- bis zweimal am Tag auf hartem Boden im Schritt geführt, haben ansonsten aber Boxenruhe. Die Alternative besteht darin, das Pferd für einen längeren Zeitraum auf die Weide zu stellen, bis die Verletzung ausgeheilt ist. Oft ist diese Art der Therapie aber eher unbefriedigend, da die Sehnenschäden erst nach einem längerem Zeitraum nachkontrolliert werden und eventuelle Verschlechterungen bzw. keine Besserung zu spät erkannt wird und somit wertvolle Zeit verloren geht. Sehnenerkrankungen bedürfen einer intensiven Kontrolle und sollten medikamentös, physikalisch oder chirurgisch unterstützt werden. Eine Nachuntersuchung sowohl klinisch als auch mittels Ultraschall sollte im Abstand von ca. vier Wochen bis zur endgültigen Ausheilung erfolgen. Auch der Hufschmied sollte der Verletzung Bedeutung zukommen lassen. Der orthopädische Beschlag muss darauf ausgerichtet sein, dass die Trachten nicht zu tief einsinken, was durch Rund­eisen oder lange Schenkel erreicht werden kann. Als Prophylaxe für Sehnenschäden gilt ein sinnvoll aufgebautes Ausdauertraining, wobei auf schwierige Bodenverhältnisse Rücksicht genommen werden muss.

take home

Welche Behandlung gewählt wird, kommt auf den Schweregrad und die Lokalisation der Verletzung sowie auf den Patienten im Ganzen an. Eine relativ neue Therapie neben den klassischen medikamentösen Behandlungen ist die Behandlung mit Stammzellen aus dem Nabelschnurblut von Fohlen. Die Stammzellen können für jeden beliebigen Sehnenpatienten genutzt werden, unabhängig davon, von welchem Fohlen das Nabelschnurblut gewonnen wurde. So kann die Sehnenverletzung ohne Zeit- und Qualitätsverlust mit Stammzellen in hoher Anzahl und Qualität sofort bei der ersten Untersuchung behandelt werden. Ein weiterer großer Vorteil ist, dass bei rechtzeitiger Anwendung störendes Narbengewebe verhindert werden kann und insgesamt die Zeit der Rekonvaleszenz deutlich verkürzt wird, das heißt, dass die Pferde wieder schneller im Sport einsetzbar sind.

Stichwörter:
Sehnen- und Banderkrankungen, Elastizitätsgrenze, Sehnenerkrankung, Beugesehne, Fesselträger, Sehnenabriss, Synovia, Ultraschall, CT, Szintigrafie, Hyaluronsäure,

HKP 6 / 2013

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 6 / 2013.
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