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Der Vogelpatient

Labormedizin löst viele Rätsel

Vögel stehen in dem Ruf, undankbare Patienten zu sein. Die Probleme ergeben sich jedoch weniger aus den Besonderheiten der Klasse Aves als aus der unzureichenden Kompetenz ihrer Halter. 80 % der klinisch auffälligen Vogelpatienten werden erst im Zustand fortgeschrittener Erkrankung vorgestellt. Entsprechend ungünstig ist häufig die Prognose. Dr. Veit Kostka geht auf die Möglichkeiten der Diagnostik ein. Im Krankheitsfall ist schnelle Notfallmedizin
entscheidend.

Grund für das späte Erkennen einer massiven klinischen Symptomatik ist die sprichwörtliche Symptomarmut von Vogelpatienten. Die bei uns im Haus gehaltenen Arten sind in der Natur häufig Beutetiere und schließen sich im Freiland oft zu Schwärmen zusammen, um den Zugriff von Beutegreifern zu erschweren. Die Überlebensfähigkeit sinkt dramatisch, wenn ein Schwarmvogel Verhaltensabweichungen zeigt, da er dann bevorzugtes Ziel von Angriffen wird. Sein Ziel ist also, den tatsächlichen oder scheinbaren Normalzustand solange wie möglich aufrechtzuerhalten. Das gilt auch für die Haltung in Gefangenschaft mit den entsprechenden Konsequenzen für die tierärztliche Praxis.

Welche diagnostischen Ansatzpunkte bietet der Vogelpatient?

Die Etablierung regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen inklusive Laborcheck ist sicherlich die hilfreichste Maßnahme, aufgrund mangelnder Compliance der Halter jedoch auch die schwierigste. Daneben steht im Krankheitsfall eine umfassende Diagnostik entsprechend der klinischen Symptomatik im Vordergrund, die sich im Idealfall auf die Daten der Vorsorgeuntersuchungen stützt. Da die klinische Untersuchung häufig Befunde liefert (z.B. Abmagerung, Exsikkose, vorgewölbtes Abdomen, faezesverschmierte Kloake), aber selten Diagnosen, ist eine erfolgreiche Vogelmedizin abhängig von einer kompetenten Labordiagnostik und entsprechenden bildgebenden Verfahren. Vor der klinischen Untersuchung muss der Zustand des Patienten eingeschätzt und dem Halter kommuniziert werden. Unter Berücksichtigung des Vogelverhaltens ist in der Stresssituation „Praxis“ jegliche Verhaltensabweichung als Krankheitszeichen einzustufen:
Bei geringem bis mittlerem Untersuchungsrisiko beläuft sich die maximale Untersuchungszeit für einen mittelgroßen Papagei (Amazone) auf max. 5 Minuten. In dieser Zeit bewirkt die gesteigerte Herzfrequenz eine erhöhte Stoffwechselleistung und eine Erhöhung der Körpertemperatur. Diesem Anstieg wird durch erhöhte Atemfrequenz entgegengewirkt, spätestens beim Auftreten hechelnder Atmung ist die Untersuchung zu beenden.

Welche diagnostischen Standards sind zu bearbeiten?

Das hängt in erster Linie von der Vogelart, der Symptomatik und der vermuteten Ursache ab. Die nachfolgende Übersicht fasst die häufigsten Symptomenkomplexe und ihre jeweils wahrscheinlichsten Ursachen zusammen.

Welche Proben können untersucht werden?

Parasitologie

Als labordiagnostisch aussagekräftiger Standard zum Nachweis von Nematoden (Askariden, Heterakiden, Capillaria), Kokzidien und Zestoden haben sich Einzel- oder Sammelkotproben bewährt. Einzelkotproben sind schnell zu gewinnen, können bei geringem Befall und intermittierender Ausscheidung jedoch zu falsch negativen Ergebnissen führen. Sammelkotproben sollten über einen Zeitraum von 3 Tagen gewonnen werden. Bei Wellensittichen, anderen Sittichen und Finken mit Symptomen einer Magen- Darm-Erkrankung sollten zuerst Endoparasitosen und die Macrorhabdose (landläufig „Megabakteriose“) abgeklärt werden. Für Trichomonaden und Macrorhabdus gelingen die Nachweise am besten aus frischem Material, d.h., in der Praxis unmittelbar nach Entnahme. Der Trichomonasnachweis ist in der Praxis aufgrund der einfachen Befundung (bewegliche, kreiselnde Strukturen bei 10-facher Vergrößerung) leichter zu führen als der Macrorhabdusnachweis. Es muss jedoch eine Kropfspülprobe untersucht werden. Alternativ kann eine Tupferprobe von der Kropfschleimhaut entnommen werden. Dies hat den Vorteil, dass die Perforationsgefahr geringer ist. Der Macrorhabdusnachweis gelingt vorwiegend aus Kot. Zur Einsendung ins Labor eignen sich frische Einzel- oder Sammelkotproben, die ggf. mittels Kochsalzlösung
feucht gehalten werden müssen.

Mikrobiologie

Die Untersuchung von Rachen- und Kloakenabstrichen auf pathogene Bakterien und Pilze gehört zu den Standarduntersuchungen am Vogelpatienten. Je nach Symptomatik und Lokalisation der Veränderungen
sollten auch Nasen-, Konjunktival-, Tracheal- und natürlich Wundabstricheuntersucht werden. Für den Nachweis von Chlamydophila durch die PCR ist der trockene Dreifachtupfer Goldstandard (Konjunktiva, Rachen, Kloake). Häufige mikrobiologische Befunde:

Physiologische Flora (Abb. 2)

- Vergrünende Streptokokken
- Koagulasenegative Staphylokokken
- Apathogene Sporenbildner, u.a. grampositive Bakterien
- E. coli (nur bei Tauben, Geflügel, Greifvögeln)

Pathogene und fakultativ pathogene Keime

- E. coli (bei Psittaziden, Finken, Beos)
- Klebsiella spp.
- Pseudomonas spp. Und andere gramnegative Bakterien
- Candida spp.

Die Bewertung der klinischen Relevanz der Isolate kann durch die Einbeziehung des hämatologischen Befundes erleichtert werden:

- Pathogener Keim – auffällige Klinik – Leukozytose = behandlungswürdig
- Pathogener Keim – unauffällige Klinik – Leukozytose = behandlungswürdig
- Pathogener Keim – unauffällige Klinik – keine Leukozytose = Probiotika p. o. über 2 – 3 Wochen

Für die virologische Diagnostik sind Abstriche von Rachen und Kloake Standard. Die kulturelle virologische Untersuchung erfasst ein breites Spektrum an Viren, kann aber längere Zeit benötigen. Schneller sind Nachweise von Virus-Genom mittels PCR: Aviäres Bornavirus, Zirko- und Polyomavirus sind die am häufigsten untersuchten viralen Erreger in der Ziervogelpraxis. Die beiden Letztgenannten verursachen Befiederungsstörungen in Form von Federverfärbungen, -verformungen und –verlusten (Abb. 3). Die Zirkovirusinfektion führt zusätzlich zu einer Immunsuppression, die letztlich lebensbegrenzend ist. Aufgrund der hohen Sensitivität der PCR-Untersuchungen muss bei der Federprobennahme sorgfältig darauf geachtet werden, dass es nicht zu einer Kontamination mit Fremd-DNA kommt. Daher sind Probennahmen durch den Tierhalter abzulehnen. Zudem ist die Einsendung einer Blut- und Federprobe, die im Labor zur Untersuchung gepoolt wird, der sicherste Weg, da hierbei auch Virämiker erfasst werden, bei denen das Federkleid noch nicht betroffen ist. Mischinfektionen mit Zirko- und Polyomaviren sind möglich, sodass eine Untersuchung auf beide Erreger sinnvoll ist.
Diese Infektionen sind hoch kontagiös und nicht behandelbar. Deshalb sind Vorsorgeuntersuchungen ein wichtiger Baustein zum Schutz gesunder Einzelvögel und Vogelbestände. Jeder Zukauf sollte daher eine Quarantäne durchlaufen und in dieser Zeit mindestens auf Zirko-, Polyoma- und Aviäres Bornavirus untersucht werden. Die neuropathische Drüsenmagenerweiterung ist eine progredient verlaufende Ganglioneuritis, die neben den Ganglien des MDT auch das ZNS befallen kann. Nach Jahrzehnten der Unklarheit ist mit dem Aviären Bornavirus ein Erreger identifiziert worden, der alleine oder gemeinsam mit Kofaktoren diese Krankheitsbilder auslösen kann. Bislang erfolgte die Diagnosestellung der neuropathischen Erweiterung des Drüsenmagens durch Ausschluss anderer Erkrankungen (bakterielle, mykotische und parasitäre Krankheitserreger) bzw. durch die Darstellung des vergrößerten Drüsenmagens im Röntgenbild und histologische Untersuchung von Kropfbioptaten. Mit der Untersuchung auf Aviäres Bornavirus steht seit Kurzem ein nichtinvasiver Test sowohl zur Antigen- als auch Antikörperbestimmung zur Verfügung. Die Bedeutung des Tests liegt einerseits in der Diagnostik klinisch auffälliger Einzeltiere und andererseits im Schutz Bornavirus-negativer Papageien vor Ansteckung, denn eine effektive Behandlung ist zurzeit noch nicht möglich.

Hämatologie/Serologie

Hämatologische und serologische Untersuchungen sind auch für den Vogel mittlerweile gut etablierte Verfahren. Bei den hämatologischen Befunden dominieren Leukopenien und geringgradige Anämien als Ausdruck immunsuppressiver Erkrankungen. Leukozytosen treten beim Vogel deutlich seltener auf als beim Säuger. Serologische Untersuchungen spielen vor allem im Rahmen von An- oder Verkaufsuntersuchungen eine wichtige Rolle. Großpapageien sollten auf Antikörper gegen Aviäres Bornavirus, Psittaziden-Herpesvirus, Paramyxovirus und Chlamydophila untersucht werden (Abb. 4).

Klinische Chemie

Die klinische Chemie bietet gut bewertbare Parameter für Hepatopathien sowie den Eiweiß- und Fettstoffwechsel. Die Diagnose einer Hepatopathie lässt sich gut mit folgenden
Parametern stellen:

- AST, LDH – unspezifisch, Erhöhung im Zusammenhang mit CK zu bewerten.
- CK – zur Überprüfung von AST/LDHErhöhungen.
- Gallensäuren – Erhöhung hat eine hohe Aussagekraft.
- GLDH – hochspezifisch, aber nur bei schweren Leberzellnekrosen erhöht.
- Gesamteiweiß, Albumin – Ausdruck der Syntheseleistung der Leber.
- Cholesterin, Triglyzeride – Erhöhung bei Adipositas, Hypothyreoidismus, Hepatopathie.
- Harnsäure – Erniedrigung bei fortgeschrittener Hepatopathie.

Zu beachten ist, dass physiologische Erhöhungen der Blutfett- und Eiweißwerte bei der Henne im Rahmen der Legetätigkeit auftreten. Für Cholesterin und Triglyzeride gibt es nur für wenige Vogelarten Normwerte, vorläufig ist daher von folgenden physiologischen Werten auszugehen: Cholesterin 3 – 7 mmol/L, Triglyzeride 1–2 mmol/L. Für die Diagnostik von Nierenerkrankungen steht beim Vogel lediglich die Harnsäure als valider Parameter zur Verfügung. Die Harnsäure wird aktiv über die Nierentubuli sezerniert, mit fortschreitender Einschränkung der Nierenfunktion erhöht sich daher der Harnsäurespiegel. Ist der Harnsäurespiegel im Blut deutlich erhöht, ist von einer Nierenfunktion < 30 % auszugehen. Wird das Löslichkeitsprodukt überschritten, kommt es zur kristallinen Ausfällung: Nieren-, Viszeral und Gelenksgicht. Prognostische Bedeutung des Harnsäurespiegels, bezogen auf 2 Messungen im Abstand von 1 – 2 Tagen:

- > 700 ?mol/L – Schädigung des Nierengewebes
- > 950 ?mol/L – fragliche Prognose
- > 1200 ?mol/L – ungünstige Prognose

Bei fleischfressenden Vogelarten kann die Harnsäure postprandial stark erhöht sein.

Was tun, bis die Diagnose steht?

Häufig ist es aus anfangs erwähnten Gründen nicht möglich abzuwarten, bis alle Laborergebnisse vorliegen, es muss mit einer symptomatischen Intensivtherapie begonnen werden. Dafür ist eine stationäre Aufnahme meist unumgänglich. Das A & O der Notfallmedizin beim Vogel besteht in der Durchführung folgender Maßnahmen:

- Sauerstoff: per Sauerstoffflasche am Narkosegerät. Einleitung in geschlossene Box. Flow 3 – 5 L/min.
- Wärme: Wärmelampe, -matte; Inkubator. Temperatur: 28 – 34 °C. Ausnahme: Schädel-Hirn-Trauma (< 25 °C).
- Flüssigkeit (Abb.5): Standardmischung 50 ml Ringer + 25 ml Glukose 5 % + 25 ml Amynin + 1 ml Calzium-Sandoz. Davon werden 20 – 40 ml/kg SID-BID s. c., p. o. verabreicht.
- Antibiotika: Verletzungen, Bisse, Infektionen. Enrofloxazin 10 – 30 mg/kg SID oder Cephalosporine 100 mg/kg SID-TID. Nur wässrige Lösungen injizieren! Bakteriologische Untersuchung und Antibiogramm einleiten. Bei Arten mit Prädisposition für Atemwegsmykosen gleichzeitige Antimykose (Terbinafin 10 – 15 mg/kg SID-BID p.o.).
- Zwangsfütterung (Abb. 6): Stark abgemagerte Vögel, nicht bei Erbrechen (Gefahr der Futteraspiration). Handaufzuchtfuttermittel auf Breibasis (Zoofachgeschäft). Mengen je Applikation (Kropfsonde): Wellensittich: 2 – 3 ml, Nymphensittich: 5 – 8 ml, Graupapagei/Amazone: 20–30 ml
- Schmerzmittel: Meloxicam 0,5 – 1 mg/kg BID i. m., p. o.
- Schwerer Schock, starke Dyspnoe: Prednisolon 0,5 – 2 mg/kg i. m. SID, max. 3 Tage.

Vogelmedizin ist „schnelle“ Medizin. Die Patienten sind bei der Erstvorstellung oft schwer krank, die Stoffwechselrate ist hoch und Dehydration und Abmagerung entstehen schnell. Rasches und entschlossenes Handeln ist daher wichtig. Weiter führende Diagnostik sollte umgehend eingeleitet werden, wenn klinische und eigene Laboruntersuchungen keine Diagnose ergeben (z.B. Parasitologie).

veit.kostka@synlab.com

HKP 5 / 2010

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 5 / 2010.
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Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.