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Virusinfektionen bei Landschildkröten

Todesfälle im Schildkrötengehege

Virusinfektionen bei Landschildkröten haben meistens schlimme Folgen und enden oft verlustreich. Seit über 20 Jahren sind sie nun bekannt. Die wichtigsten drei Erkrankungen werden in diesem Artikel beschrieben.

Herpesvirusinfektion

Eine Herpesvirusinfektion in einem Landschildkrötenbestand hat meist katastrophale Folgen. Viele Landschildkrötenarten wie z.B. die häufig gehaltene Griechische Landschildkröte sind hochempfänglich und werden mit der Virusinfektion nicht fertig; nicht selten wird der gesamte Bestand ausgelöscht. Gefährdet sind alle Landschildkrötenarten. Neben den europäischen Landschildkröten sind die Viren auch bei Exoten wie afrikanischen oder asiatischen Landschildkröten nachgewiesen worden. Herpesviren von Landschildkröten sind von Herpesviren bei Wasserschildkröten oder Säugetieren genetisch deutlich abzugrenzen. Eine Übertragung auf andere Tiere oder auf den Menschen ist nicht möglich. Es gibt mindestens zwei labordiagnostisch unterscheidbare Virusstämme, einer tritt vorwiegend bei Steppenschildkröten („HorsfieldiiStamm“) und einer bei Maurischen Landschildkröten („GraecaStamm“) auf. Der GraecaStamm weist eine höhere Pathogenität gegenüber den infizierten Schildkröten auf; hier ist die Mortalitätsrate höher. Die Übertragung zwischen den Schildkröten erfolgt durch direkten Kontakt, nicht über die Luft. Das bedeutet: bei strenger räumlicher Trennung und Hygiene kann ein Halter sowohl eine Gruppe gesunder als auch infizierter Tiere pflegen. Ob das Virus über Jungtiere vertikal weitergegeben wird, ist noch nicht geklärt; bis jetzt gibt es dafür keine Hinweise.

Symptome

Erkrankte Tiere fallen durch starken Speichelfluss, gelbe, fest haftende Beläge im Maul, Anschwellen des Kehlbereiches und gelegentlich durch Konjunktivitis auf. Die Schildkröten sind apathisch und inappetent. Seltener treten Diarrhoe oder zentralnervöse Symptome auf, die auch nach Überstehen einer Erkrankung verbleiben können. Bei hochempfänglichen Arten kann es innerhalb von Tagen zum Tod kommen.

Diagnostik und Prophylaxe

In einem akuten Krankheitsausbruch lässt sich die Infektion am besten über die Sektion und virologische Untersuchung eines toten Tieres feststellen. Falls das nicht möglich ist, kann auch ein Rachentupfer (nicht in Gelmedium konservieren) zur PCRUntersuchung eingesandt werden. Überlebende Schildkröten sind latente Herpesvirusträger, denn das Virus wird nicht eliminiert, sondern zieht sich in Nervenzellen zurück. Schildkröten, die die Infektion überstanden haben, verhalten sich meist völlig normal und sind äußerlich nicht als Herpesvirusträger zu identifizieren. Die Schildkröten entwickeln Antikörper, die das Virus in Schach halten. Wird die Antikörperschwelle gesenkt (z.B. durch Stress oder andere Erkrankungen), kann es jederzeit, auch nach Jahren, wieder aktiviert werden. Die Tiere zeigen typische Symptome und scheiden den Virus aus. Herpesvirusträger sind also „lebende Zeitbomben“ in einem Bestand. Nachweisen lässt sich die überstandene Infektion durch die Antikörper; allerdings frühestens vier bis sechs Wochen nach der Infektion. Deshalb besteht die wichtigste Prophylaxemaßnahme darin, alle neu erworbenen Tiere (auch Fundtiere, Pflegetiere u.a.) auf Antikörper gegen Herpesviren untersuchen zu lassen, bevor sie in den Bestand gesetzt werden. Anzuraten ist eine Quarantänezeit von mehreren Monaten, am besten über den Winterschlaf. In der Zeit vor und nach dem Winterschlaf sind die Schildkröten besonders gefährdet, da hier die Antikörperspiegel sinken bzw. erst wieder aufgebaut werden müssen. Deshalb sollte auch eine Blutuntersuchung auf Herpesvirus-Antikörper in der aktiven Zeit der Tiere, also im Zeitraum ca. vier Wochen nach bis vier Wochen vor dem Winterschlaf, durchgeführt werden.


Abb.1: Die Beläge bei einer Herpesvirusinfektion füllen den gesamten Rachenraum aus wie bei dieser Griechischen Landschildkröte.


Abb.2: In der Maulhöhle dieser Steppenschildkröte finden sich herpesvirus-typische Beläge.


Abb.3: Auch exotische Landschildkröten wie diese Strahlenschildkröte können an einer Herpesvirusinfektion sterben.

Therapie

Die Therapie besteht in erster Linie in der Unterstützung des Organismus durch Infusionen, Zwangsernährung und Antibiotikagabe. Eine gezielte Therapie mit dem Wirkstoff Acyclovir wird unterschiedlich beur- teilt. Nach einzelnen Berichten scheint eine lokale (Rachenraum) oder systemische Behandlung (z.B. 80 mg/kg 1 x täglich) der Tiere die Heilungsaussichten zu verbessern, wohingegen andere Autoren keinen Erfolg vermelden konnten. Nach einer neueren Studie ist die Bioverfügbarkeit des Mittels bei Landschildkröten sehr schlecht, sodass eventuell eine höhere Dosierung eingesetzt werden muss, um einen ausreichenden Blutspiegel zu erzielen. Studien zur Entwicklung einer Vakzine waren wenig erfolgreich, da die geimpften Schildkröten kaum Serokonversion zeigten. Hinzu käme das Problem, dass eine serologische Unterscheidung zwischen geimpften und feldvirus-infizierten Tieren nicht mehr möglich wäre. Nach einem Herpesvirusausbruch stellt sich für viele Halter die Frage, ob und nach welchen Maßnahmen ein Freigehege wieder besetzt werden kann. Nach Untersuchungen zur Stabilität von Herpesviren in der Umgebung wird deutlich, dass die Inaktivierung der untersuchten Herpesviren von der Außentemperatur und UVWirkung des Sonnenlichtes abhängt. Bei hohen Temperaturen im Sommer wird der Virusgehalt innerhalb von drei Wochen deutlich reduziert, wohingegen das Virus bei kühleren Temperaturen im Frühjahr monatelang fast unverändert infektiös bleibt. Deshalb sollte ein möglicherweise infiziertes Schildkrötengehege mindestens ein Jahr lang brachliegen, um eine deutliche Virusreduktion zu erreichen. Eine vollständige Desinfektion kann mit dem Einsatz von 20 %iger Kalkmilch, Umgraben und anschließender Neuaussaat erreicht werden.

Ranavirusinfektion

Weitaus seltener tritt eine Ranavirusinfektion in einem Schildkrötenbestand auf. Das Virus stammt aus der Familie der Iridoviren, die in verschiedenen Genera bei Insekten, Fischen, Reptilien und Amphibien vorkommen. Im Gegensatz zur Herpesvirusinfektion ist hier eine Übertragung zwischen verschiedenen Reptilien und Amphibien möglich. So sind mit Ranavirusisolaten von Landschildkröten bereits Wasserschildkröten wie z.B. RotwangenSchmuckschildkröten oder Sumpfschildkröten wie z.B. Dosenschildkröten infiziert worden. Auch eine Übertragung zwischen Fröschen und Dosenschildkröten wurde beschrieben. Innerhalb einer Landschildkrötengruppe breitet sich das Virus über direkten oder indirekten Kontakt aus; auch hier scheint eine Übertragung über die Luft nicht vorzukommen. Die bis jetzt in Deutschland festgestellten Ausbrüche konnten alle auf Importtiere zurückgeführt werden.

Symptome

Die Symptome ähneln sehr einer Herpesvirusinfektion; eine Unterscheidung ist anhand des klinischen Bildes nicht möglich. Die Schildkröten haben gelbe Beläge im Maul, zeigen Inappetenz, Apathie und bei dieser Infektion regelmäßig eine Konjunktivitis. Die Infektion kann ähnlich verheerende Folgen wie eine Herpesvirusinfektion haben, auch hier stirbt ein Großteil der infizierten Tiere.

Diagnose und Prophylaxe

Der Nachweis des Virus erfolgt durch virologische Untersuchung eines Sektionstieres oder durch Rachentupferuntersuchung mittels PCR. Bei europäischen Landschildkröten können auch Antikörper nach der Rekonvaleszenzphase in einem spezifischen ELISA nachgewiesen werden. Wahrscheinlich geht dieses Virus nicht in eine latente Infektion über. Die beste Prophylaxe ist wie bei der Herpesvirusinfektion eine möglichst lange, am besten mehrmonatige Quarantäne einschließlich einer Untersuchung auf Virus und/oder Antikörper.

Therapie

Hier gibt es kein spezifisches Virostatikum. Die Therapie kann also nur unterstützend durch Infusionen, Zwangsernährung und Antibiotika zur Verhinderung von bakteriellen Sekundärinfektionen erfolgen. Das Virus ist in der Umgebung noch stabiler als das Herpesvirus. Nach einer Ranavirusinfektion im Bestand sollte ein Freigehege also mindestens ein Jahr brachliegen oder mit 20 %iger Kalkmilch behandelt werden, bevor es wieder besetzt wird.

Virus X

Dieses Virus ist erst seit wenigen Jahren bekannt und seine Pathogenität noch nicht in Infektionsversuchen bestätigt. Es handelt sich um ein Picornavirus, das nach vorliegenden Ergebnissen in ein neues Genus innerhalb der Familie eingeordnet werden muss.

Symptome

Nach klinischen Beobachtungen scheint ein Zusammenhang zwischen der plötzlichen Panzererweichung bei Jungtieren und dieser Virusinfektion zu bestehen. Da eine Panzererweichung immer auch andere Ursachen haben kann (z.B. Fütterungsfehler, Hexamiteninfektion), müssen diese zunächst ausgeschlossen werden. Bei symptomlosen adulten Landschildkröten kann das Virus als Nebenbefund festgestellt werden.

Diagnose und Prophylaxe

Derzeit wird das Virus aus angefeuchteten Rachentupfern oder Organmaterial über die Zellkultur angezüchtet. Nach der Sequenzierung von Teilen des Genoms könnte auch eine PCR entwickelt werden. Neutralisierende Antikörper können bei Schildkröten nachgewiesen werden. Inwieweit diese vor einer weiteren Infektion schützen, ist unklar. Zur Prophylaxe sollten Jungtiere von den adulten Tieren getrennt aufgezogen werden. Therapie Bis jetzt ist keine Therapie bekannt; infizierte Tiere sterben oder werden euthanasiert. Eine symptomatische Therapie kann versucht werden.

take home

Virusinfektionen sind bei Landschildkröten nicht selten und führen zu zahlreichen Todesfällen. Die wichtigsten sind Herpesvirus-, Ranavirus- und Virus-X-Infektion. Von der Herpesvirusinfektion ist bekannt, dass sie zu persistierenden Infektionen bei Schild - kröten führt, wobei die Tiere nach Überstehen der Infektion klinisch unauffällig erscheinen. Deshalb sollten Neuzugänge grundsätzlich in eine mehrmonatige Quarantäne gesetzt und auf Antikörper gegen Herpesviren überprüft werden.

Foto: © panthermedia | Ada Beka
Abbildungen: Dr. Silvia Blahak

Stichwörter:
Landschildkröten, HorsfieldiiStamm, GraecaStamm, inappetent, PCRUntersuchung , latente Herpesvirusträger, Acyclovir, Serokonversion, Ranavirusinfektion, Konjunktivitis, ELISA, Virus X, Panzererweichung, Hexamiteninfektion

HKP 4 / 2013

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 4 / 2013.
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