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HKP-1-2011 > Tiermedizinisches Hilfsprojekt für Hunde und Katzen in Chile

Tiermedizinisches Hilfsprojekt für Hunde und Katzen in Chile

Am Ende der Welt

In der letzten Ausgabe der hundkatzepferd haben wir Sie nach Afrika mitgenommen. Der Luambe-Nationalpark in Ostsambia steiß auf großes Interesse. Dieses mal geht es nach Südamerika. In Chile, einem Land auf der anderen Seite des Globus, unterscheiden sich die Lebensbedingungen
für Hunde und Katzen teils sehr von denen ihrer Artgenossen in Deutschland. Bei näherem Hinsehen gibt es aber auch Gemeinsamkeiten - die Parasiten, unter denen sie leiden beispielsweise, kennt man auch bei uns. Die in Chile lebende deutsche Tierärztin und Journalistin Dr. Ellen Stähr beschreibt in loser Folge ihre Eindrücke und Erfahrungen in dem Andenland.

Sein Fell ist grau und struppig. Er kratzt sich mit Hingabe. Normalerweise wäre er um diese Zeit unterwegs in der kleinen Küstenstadt, um die Mülltüten am Straßenrand zu durchwühlen. Denn zuhause gibt es keinen Napf für den kleinen Rüden, seine Menschen haben genug mit sich selbst zu tun. Doch heute ist alles anders. Gleich morgens hat Frauchen die Katze fest in eine Decke gewickelt und ist losgezogen. Er hinterher. Bei der alten Schule ist bereits Betrieb. Sonst waren hier immer viele Kinder, aber seitdem sie die Toten drinnen aufgebahrt haben – nach dem großen Beben –, kommen die Kinder nicht mehr. Jetzt kampieren hier Soldaten, die neue Hütten bauen. Und heute hat eine Gruppe von Tierärzten provisorische Behandlungstische aufgebaut. Aufregung liegt in der Luft.

Tierschutz und öffentliche Gesundheit

Seitdem Chile am 27. Februar 2010 von einem Erdbeben, dem fünftstärksten Beben seit Beginn der Messungen, heimgesucht wurde und die drei nachfolgenden Flutwellen weite Küstenstriche verwüstet haben, hat sich das Problem streunender Hunde und Katzen in den betroffenen Regionen buchstäblich mit einem Schlag vervielfacht. Zwar ist es in diesem südamerikanischen Land seit jeher üblich, seine Haustiere frei laufen zu lassen – zwecks Futtersuche und um ihr Geschäft zu erledigen – und die damit verbundenen hygienischen Probleme sowie vereinzelte Angriffe werden ebenso lakonisch hingenommen wie die ungehinderte Vermehrung der Tiere. Aber zunehmend werden nun doch die Stimmen lauter, die eine Änderung dieser Zustände fordern. Vielleicht hat die Katastrophe die Sinne für Fragen der Hygiene, Seuchenvorsorge und öffentlichen Gesundheit geschärft, darüber hinaus jedoch gewinnen auch in Chile Tierschutzthemen immer mehr an Bedeutung. Hilfsaktionen wie die der Universität von Concepción, einer Stadt rund 600 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago, werden deshalb allseits begrüßt.

Aktionen gegen Überbevölkerung und Parasiten

Es sind Tierärzte und Studenten der Tiermedizinischen Fakultät, die seit Monaten in unregelmäßigen Abständen in die Orte entlang der Pazifikküste fahren und dort Hunde und Katzen gegen Parasiten behandeln bzw. nach Möglichkeit auch kastrieren. Unter einfachsten Bedingungen und mit einem Minimum an Ausstattung. Der ehemalige Pausenraum der kleinen Schule ist der OP-Saal. Der graue, struppige Hund muss nicht unters Messer. Sein Besitzer sträubt sich wie die Mehrzahl hier zu Lande gegen das Kastrieren eines männlichen Tieres. Die juckenden, veränderten Stellen an Hals, Bauch und Rücken jedoch, die sollen sich die „Doctores“ einmal anschauen. Natürlich sind die Möglichkeiten einer genauen diagnostischen Abklärung mehr als begrenzt. Es bleibt nichts anderes übrig, als das zu behandeln, was den klinischen Symptomen und äußeren Umständen zufolge am ehesten als Ursache infrage kommt. Unser struppiger Freund beispielsweise leidet vermutlich an einer Flohallergiedermatitis (FAD), denn die verschiedenen Räudeformen, die in anderen Bezirken ganze Hunderudel in Jammer gestalten verwandeln, scheinen in diesem Städtchen momentan keine Rolle zu spielen. Neben den Flöhen sind besonders Zecken der Gattung Rhipicephalus verbreitet, die in den Hütten und Hinterhöfen leben, sich bei warmfeuchten Witterungsverhältnissen explosionsartig vermehren und die befallenen Hunde oder Katzen regelrecht aussaugen. Exitus durch Anämie ist deshalb hier zu Lande keine seltene Diagnose. Die Zecken parasitieren auch auf Menschen und besonders auf Kindern, weshalb im Fall einer Invasion gern zu Benzin, Lösemitteln und Ähnlichem gegriffen wird. Damit behandelt man leider nicht nur die Umgebung, sondern auch Hund und Katze, die dann teils jämmerlich an den Vergiftungen zu Grunde gehen.

Aufklärung tut not

Deshalb hat unser grauer Freund Glück. Eine Spendenaktion von Tierärzten aus Deutschland macht es möglich, dass die Patienten des heutigen Tages adäquat behandelt werden können. Die Veterinäre verabreichen ihm ein Anthelmintikum und träufeln ihm ein Präparat mit dem insektiziden und repellierenden Wirkstoff Permethrin in den Nacken. In einigen Wochen allerdings wird das Jucken und Scheuern erneut beginnen. Gut wirksame Ektoparasitika, die z. B. Permethrin oder Fipronil enthalten, gibt es zwar in Chile, doch nur wenige Menschen können sie sich leisten. Hinzu kommt, dass kaum jemand weiß, weshalb eine regelmäßige und den Lebensumständen angepasste Behandlung gegen Parasiten beim Haustier so wichtig ist. „Aufklärung und Information“ ist deshalb ein wesentlicher Punkt der heutigen Aktion und zwei Studentinnen verbringen den ganzen Tag damit, den Männern, Frauen und Kindern zu erläutern, welche Gefahren auch für sie selbst bestehen, wenn ihre Hunde und Katzen unter Parasiten leiden.

Parasiten machen krank – Mensch und Tier!

Mit Spulwürmern (Toxocara spp.) hat der ein oder andere schon seine Erfahrungen gemacht. Dass die Larven dieser Würmer durch den Körper wandern und dabei Nerven, Gehirn und Augen schädigen können, weiß jedoch niemand. Ein Mann fragt, ob es stimmt, dass man von seinen Hunden „so große Blasen“ in der Leber oder in anderen Organen bekommen kann. Er hat in der Zeitung gelesen, dass eine Frau daran gestorben sei. Es stimmt, erfährt er, Echinokokkose heißt die Erkrankung und sie wird durch die Larven des Hundebandwurms (Echinococcus granulosus) verursacht, der in Chile aufgrund der hygienischen Verhältnisse vielerorts eine Rolle spielt. Den Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis) hingegen, der in Deutschland ein wichtiger Verursacher der Echinokokkose ist, gibt es in Chile nicht. Weitaus häufiger noch als vom Hundebandwurm sind Hunde sowie auch Katzen vom Gurkenkernbandwurm (Dipylidium caninum) befallen, in dessen Entwicklungszyklus Flöhe eine wichtige Rolle spielen. Über den Floh kann diese Bandwurmspezies auch in den Menschen gelangen. Nicht zuletzt deshalb schließt eine effiziente Bandwurmbehandlung immer auch die Bekämpfung des Flohbefalls mit ein.

Nur ein Tropfen – oder doch ein Hoffnungsschimmer?

Es geht gegen Abend und der Graue war für heute der letzte Patient. Die jungen Leute sehen ihm nach, als er davontrabt, um endlich die Mülleimer zu inspizieren. Die Gruppe ist zufrieden mit dem Tag, auch wenn sie sich keinerlei Illusionen hingibt: Die Aktion war nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein! Sie wird wirkungslos bleiben, wenn sie nicht regelmäßig wiederholt wird. Es braucht massive Verbesserungen der hygienischen Bedingungen und ein Umdenken in Bezug auf die Haltung von Hunden und Katzen. Der Weg bis dahin ist noch weit. Aber bekanntlich sind ja die ersten Schritte immer die schwersten.

estaehr@gmx.de

Literatur

[1] Alcaino H., Gorma T.: Parasitos de los animales domesticos en Chile. Parasitol. día v.23 n.1–2 Santiago ene. 1999.
[2] Eckert J., Friedhoff K.Th., Zahner H., Deplazes P.: Lehrbuch der Parasitologie für die Tiermedizin. Enke Verlag, 2. Aufl., 2008.
[3] Löscher W., Ungemach F.R., Kroker R.: Pharmakotherapie bei Haus- und Nutztieren. Parey, 7. Aufl., 2006.
[4] López J. et al.: Parásitos intestinales en caninos y felinos con cuadros digestivos en Santiago, Chile. Consideraciones en Salud Pública. Rev. med. Chile v.134 n.2 Santiago feb., 2006.
[5] Matthey C. et al.: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) bei Haus- und Nutztieren. Bericht des BVL zu UAW-Spontanmeldungen im Zeitraum 2007 bis 10/2010. DTBl. 12/2010 S. 1610.
[6] Schein E. et al.: Leitlinie. Verhinderung der Erregerübertragung durch Blut saugende Vektoren bei Hunden. Programm zum Schutz der Hunde durch Prävention. DTBl. 9/2007.
[7] Schnieder Th. et al.: Bekämpfung von Ektoparasiten (Flöhe, Zecken, Haarlinge, Läuse, Haarlinge, Sand- und Stechmücken) bei Hunden und Katzen. Deutsche Adaptation der ESCCAP-Empfehlung Nr. 3, April 2009.
[8] Schnieder Th. et al.: Bekämpfung von Würmern (Helminthen) bei Hunden und Katzen. Deutsche Adaptation der ESCCAP-Empfehlung, Oktober 2009.

HKP 1 / 2011

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 1 / 2011.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
Prof. Dr. Arwid Daugschies, Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät – VMF
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Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.