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Stress bei Pferden durch Brandzeichen und Transponderimplantation

Gebrannte Fohlen

Kaum ein Thema wird in der Pferdezucht derzeit so kontrovers diskutiert wie die Kennzeichnung von Fohlen. Die meisten Tierärzte bevorzugen das Implantieren von Mikrochips gegenüber der Kennzeichnung mit Brandzeichen und auch die Bundestierärztekammer hat sich klar gegen den Heißbrand ausgesprochen. Viele Pferdezuchtverbände bestreiten dagegen, dass das Setzen des Brandzeichens für Fohlen mit Stress und Schmerzen verbunden ist. Sie betrachten das Brennen als die zuverlässigere Kennzeichnung von Pferden und zudem als unersetzliches Marketinginstrument für deutsche Pferde. Prof. Dr. Christine Aurich und Prof. Dr. Jörg Aurich stellen eine aktuelle Studie vor.

Eine zuverlässige Identifizierbarkeit von Pferden erlaubt Identitätskontrollen bei Wettbewerben, Zuordnung gestohlener oder strittiger Pferde und ist sowohl Voraussetzung für eine effiziente Tierseuchenbekämpfung als auch Basis von Zuchtprogrammen. Zur Kennzeichnung von Pferden wurden und werden in vielen Ländern Brandzeichen verwendet (Abb. 1). Während in Teilen Preußens Brandzeichen für bestimmte Pferde bereits im 18. Jahrhundert verpflichtend vorgeschrieben waren, wurde z.B. beim Hannoveraner der Verbands- und Rassebrand erst zu Beginndes 20. Jahrhunderts eingeführt. Seit 2009 ist in Deutschland mit Umsetzung einer EU-Verordnung in nationales Recht die Kennzeichnung aller neugeborener Pferde mit Mikrochip (Transponder) vorgeschrieben. Als zusätzliche Kennzeichnung und als Markenzeichen blieb auf Drängen der Pferdezucht zunächst der Heißbrand erhalten – je nach Zuchtverband entweder optional oder für alle Züchter verpflichtend. Diese Regelung wird inzwischen zunehmend infrage gestellt. Auch in Deutschland ist die Politik bestrebt, dem Vorbild Dänemarks zu folgen, wo Brandzeichen seit 2009 verboten sind. Welche Belastung die Fohlen beim Brennen oder Chippen tatsächlich empfinden, war bis vor Kurzem jedoch kaum bekannt. Zum Teil erfolgten nur Verhaltensbeobachtungen oder die Untersuchungen wurden an älteren, den Umgang mit Menschen gewöhnten Pferden durchgeführt [1] und sind nicht im Detail auf Fohlen übertragbar.

Stressantwort auf Brandzeichen und Mikrochip

In einer aktuellen eigenen Studie wurde die Reaktion von Fohlen auf das Brennen und das Implantieren eines Mikrochiptransponders verglichen [2]. Neben dem Verhalten wurde die Herzfrequenz der Fohlen als Ausdruck einer sofortigen sympathoadrenalen Reaktion und die Freisetzung von Kortisol als Hinweis auf eine adrenokortikale Stressantwort erfasst. Kortisol kann in Speichelproben analysiert werden, sodass keine Blutentnahme, die selbst bereits einen Stressor darstellt, erforderlich ist. Weiterhin wurde mittels Infrarotthermografie die oberflächliche Körpertemperatur an der Brennstelle (rechter Hinterschenkel) bzw. Implantationsstelle (linke Halsseite) und auf der jeweils kontralateralen Seite bestimmt (Abb. 2). Das Setzen des Brandzeichens und die Implantation eines Mikrochips führten beide zu kurzzeitigen Abwehrbewegungen der Fohlen, wobei aber keines der Tiere massive Abwehrreaktionen wie z.B. Steigen oder Niederwerfen zeigte. Insgesamt unterschied sich die Verhaltensreaktionen der Fohlen auf das Brennen und die Implantation des Mikrochips nicht. Sowohl das Brennen als auch das Chippen bewirkten eine vorübergehende Zunahme der Herzfrequenz und der Kortisolfreisetzung. Auch diese physiologischen Stressparameter unterschieden sich jedoch nicht zwischen den beiden Fohlengruppen. Die Zunahme der Kortisolkonzentration im Speichel ist, verglichen mit anderen Belastungen (z.B. Transporte von Pferden), nicht extrem hoch. Sie muss aber zusammen mit der deutlichen und beim Pferd wie bei anderen Spezies physiologischen Tagesrhythmik der Kortisolfreisetzung am Tag vor dem Brennen oder Chippen gesehen werden. Zu einer zumindest ebenso starken Zunahme der Herzfrequenz wie beim Brennen oder der Implantation des Chips kam es bereits, wenn die Fohlen für die Kennzeichnung durch zwei Personen fixiert wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass beide Markierungsmethoden eine nahezu gleich akute Stressreaktion auslösen. Dabei scheint das Fixieren der Fohlen eine größere Wirkung zu haben als der kurze Moment des Chippens oder Brennens selbst. Anders als von einzelnen Zuchtverbänden behauptet [3], stellt die korrekt vorgenommene Implantation eines Mikrochips für das Fohlen selbst akut keine größere Belastung dar als das Setzen eines Brandzeichens. Tendenziell ist die Kortisolsekretion nach dem Chippen sogar geringer als nach dem Brennen [2].

Belastung durch Verbrennungsreaktion

Wie zu erwarten, führte das Setzen eines Brandzeichens zu Hautverbrennungen, die auch nach Ablauf einer Woche noch nicht wieder abgeheilt waren. Darüber hinaus bewirkte das Brennen eine allgemeine, d.h. nicht nur auf die Umgebung der Brennstelle beschränkte Erhöhung der Körperoberflächentemperatur über mehrere Tage. Dieser Temperaturanstieg trat nach Implantation eines Mikrochips nicht auf. Eine systematische Erhöhung der Körpertemperatur infolge von Brandwunden ist gleichsam vom Menschen bekannt und auch dort eine Komplikation nach großflächigeren Verbrennungen. Das Brennen von Fohlen löst demnach offenbar eine typische pathologische Verbrennungsreaktion aus, deren Bedeutung noch nicht abschließend zu bewerten ist. Die Reaktion des Organismus auf das Brennen ist auf jeden Fall langfristiger als auf die Mikrochipimplantation. Studien, die nur die akute Stressantwort betrachten, führen zu einer Unterbewertung der Auswirkung des Brennens auf das Wohlbefinden der Fohlen.

Lesbarkeit von Brandzeichen

Vonseiten der Pferdezucht wird postuliert, dass der Heißbrand eines deutschen Zuchtverbandes weltweit von jedermann erkannt werden kann. Aber ist dies wirklich der Fall? In einer Untersuchung auf einem großen Turnier haben drei mit Pferden vertraute Untersucher aus unserer Arbeitsgruppe unabhängig voneinander sowohl den Verbandsbrand als auch den in das Brandzeichen integrierten zweistelligen Nummernbrand abgelesen. Bereits der Nummernbrand wurde bei 15 % der Pferde (n=269) von mindestens einer der drei Personen gar nicht oder falsch erkannt. Auch bei Einzelbetrachtung der Untersucher lag die Fehlerquote im besten Fall bei 10 %. Bereits die Feststellung des Zuchtverbandes, der den Abstammungsnachweis für ein Pferd ausgestellt hat, ist also am lebenden Tier mit Fehlern behaftet. Noch höher war die Fehlerquote bei einem zusammen mit Alter, Farbe und Abzeichen für eine individuelle Identifizierung von Pferden herangezogenen Nummernbrand. Von jedem einzelnen Untersucher wurden etwa 55 % der Nummernbrände – von allen drei Untersuchern übereinstimmend sogar nur 40 % der Nummernbrände – richtig abgelesen. Am lebenden Tier unter den Bedingungen eines Turniers – d.h. auch für Turnierrichter oder Stewards – erlaubt der Heißbrand damit keine zuverlässige Identifizierung einzelner Pferde. Mikrochips speichern einen 15-stelligen Code und erlauben damit die eindeutige Identifikation eines Pferdes. Voraussetzung dafür ist die Ablesbarkeit des Mikrochips. In einer amerikanischen Studie an 53 Tieren konnten vier Jahre nach Implantation in das Nackenband alle Mikrochips abgelesen werden. Zudem befanden sich alle Mikrochips noch an der ursprünglichen Implantationsstelle und waren nicht gewandert [4]. Studien zur Zuverlässigkeit der Mikrochiplesbarkeit an größeren Tierzahlen und unter deutschen Bedingungen fehlen noch. Erfahrungen aus der Tiermedizin bei Kleintieren zeigen jedoch, dass dort die Fehlerquote von Mikrochips deutlich unter 0,1 % liegt [5].

Literatur

[1] Lindegaard C. et al. (2009): Evaluation of pain and inflammation associated with hot iron branding and microchip transponder injection in horses. Am. J. Vet. Res. 70, 840-847.
[2] Erber R. et al. (2011): Physiological and behavioural responses of young horses to hot iron branding and microchip implantation. Vet J, im Druck (dx.doi.
org/10.1016/j.tvjl.2011.08.008).
[3] Kennzeichnung von Pferden. http://www.hannoveraner.com (accessed 4.11.2011). [4] Stein F.J. et al. (2003): Evaluation of microchip migration in horses, donkeys, and mules. J. Am. Vet. Med. Assoc. 233, 1316-1319.
[5] American Veterinary Medical Association (2009): Microchipping of animals. http://www.avma.org/issues/microchipping/microchipping_bgnd.asp (accessed 4.11.2011).

HKP 6 / 2011

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 6 / 2011.
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