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Lyme-Borreliose: was muss man wissen – was kann man tun?

Lyme-Borreliose: was muss man wissen – was kann man tun?

„Impfung, Zeckenprophylaxe und tägliche Kontrolle“

Die Lyme-Borreliose ist eine Infektionskrankheit, die nahezu ausschließlich von infizierten Zecken übertragen wird. hundkatzepferd Vet sprach mit Prof. Dr. Reinhard Straubinger, Professor für Bakteriologie und Mykologie an der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximi­lians-Universität München, über die weit verbreitete Erkrankung des Hundes

Herr Professor Straubinger, wie viele Hunde erkranken jährlich an Borreliose?

Die Frage der Inzidenz der Lyme-Borreliose ist nicht eindeutig geklärt. Es gibt eine hohe Dunkelziffer, denn nicht jeder betroffene Hund wird zum Tierarzt gebracht. Zur Frage der Prävalenz haben wir eine Studie in einer nicht vorselektierten Population von Hunden ohne Symptomatik durchgeführt. Knapp 6.000 Blutseren, die aus anderen Gründen ins Labor eingesandt wurden, wurden auf spezifische Antikörper gegen Borrelien untersucht. Je nach Region waren zwischen 1,9 und 10,3% der Tiere positiv. Einer alten Schätzung zufolge zeigen etwa 5% der infizierten Tiere Krankheitssymptome. Das ist nach heutiger Kenntnis nicht richtig. Bei unseren experimentellen Untersuchungen mit jungen Hunden – die sehr anfällig sind für die Krankheit – zeigten drei Viertel aller Infizierten eine Lahmheit. In der Natur dürfte schätzungsweise bis zu einem Drittel der Hunde zumindest zeitweise klinische Veränderungen entwickeln. Bei etwa 5 Mio. Hunden, die es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland gibt, sind das jährlich etwa 80.000 Tiere. Die Lyme-Borreliose ist also eine weit verbreitete Erkrankung des Hundes und benötigt mehr Aufmerksamkeit.

Gibt es eine geografische Unterteilung Deutschlands nach Risikogebieten für den Hund?

Man kann natürlich eine Prävalenz der Borrelien in den Zecken bestimmen, die regional unterschiedlich ist. Es gibt Populationen mit Infektionsraten von bis zu 50%. In anderen Gebieten liegt die Durchseuchungsrate bei etwa 5 bis 10%. Unabhängig von der Durchseuchung gilt aber: Wo es zu Kontakt zwischen Zecke und Hund kommt, besteht Infektionsgefahr.

Welche Verlaufsformen einer Borreliose-Erkrankung gibt es und welche Komplikationen können erkrankte Hunde erleiden?

Zum Tierarzt kommen vor allem zwei Gruppen von Hunden. Bei der einen fällt dem Besitzer auf, dass der Hund leicht und mittelgradig humpelt oder die Vorder- oder Hinterpfote hebt oder auf drei Beinen läuft – der klassische Fall einer akuten Lyme-Borreliose. Wenn keine organi­schen Schäden festgestellt werden, wird das Tier mit Antibiotika behandelt. Bessert sich der Zustand schnell, ist die Prognose gut. In einzelnen Fällen entwickelt sich die Infektion allmählich und schleichend. Die Hunde wirken schlapp und haben keine Lust zu laufen. Hier besteht die Gefahr, eine längerfristige Behandlung anwenden zu müssen.

Eine dritte, viel diskutierte Form ist ein hochgradig akutes Geschehen im Zusammenhang mit einer Glomerulonephritis. Betroffene Hunde haben zwar keine lebenden Borrelien, aber eine große Zahl an Immunkomplexen mit spezifischen Borrelien-Antigenen in den Nieren. Das führt zu einer Entzündung der Organe und letztlich zum Nierenversagen und Tod des Tieres. Betroffen sind bestimmte Rassen, vor allem Golden Retriever und Berner Sennenhunde. Glomerulonephritiden dieser Art werden in erster Linie in Folge von pathologischen Untersuchungen identifiziert.

Wie kann die Borreliose beim Hund diagnostiziert werden?

Als Erstes muss der Tierarzt typische klinische Veränderungen feststellen: kurzfristiges Fieber, Abgeschlagenheit und in der Regel eine Lahmheit. Alle anderen Ursachen für Lahmheit, z.B. Traumen oder Gelenkschäden anderer Art, sind auszuschließen. Und natürlich muss eine ­Zeckenexposition gegeben sein. Dann erfolgt die Antikörperbestimmung in einem gut ausgestatteten Labor. Möglich ist auch ein Schnelltest in der Tierarztpraxis, um kurzfristig abzuklären, ob der Hund spezifische Antikörper gegen Borrelien hat. Neuere C6-Tests können sogar belegen, ob eine „aktive Infektion“ vorliegt – also ob sich der Hund aktiv mit den Erregern auseinandersetzt. C6 steht dabei für ein bestimmtes borrelienspezifisches Peptid. Der Antikörpernachweis bestärkt die Verdachtsdiagnose.

Ein vierter Beleg für eine Borrelioseerkrankung – neben Klinik, Exposition und positivem Antikörpertest – ist die Therapie. Werden die adäquaten Antibiotika (Doxycyclin, Amoxicillin) eingesetzt, sollte innerhalb von zwei bis drei Tagen eine Besserung eintreten.

Nicht jedes Tier, das sich mit Borrelien infiziert, erkrankt auch daran. Womit hängt das zusammen?

Die Schwere einer Borreliose hängt sicher von beiden Seiten, sprich vom Erreger und vom Wirt, ab. Dass der Wirt eine Rolle spielt, wissen wir insofern, als Hunde im Alter von acht bis zehn Wochen in unseren Experimenten anfälliger als ältere Hunde für die Krankheit waren. Der Grund dafür ist nicht bekannt. Man kann aber davon ausgehen, dass es mit dem Immunsystem des Hundes zu tun hat. Denn auch bei Hunden, die immunsuppressiv behandelt werden, kann natürlich eine Infektion schwerwiegender verlaufen. Ein weitere Frage, die wissenschaftlich verfolgt wird, ist: Welchen Einfluss haben Koinfektionen mit weiteren Erregern, die von Zecken übertragen werden, z.B. Anaplasmen oder Rickettsien? Modulieren diese zusätzlichen Organismen das Immunsystem des Hundes in solcher Weise, dass der Wirt dann klinisch krank wird?

Und welche Rolle spielt der Erregerstamm?

Die Virulenz des einzelnen Erregers ist ein wesentlicher Faktor. Borrelia burgdorferi sensu stricto ist die bekannteste Art und zugleich auch der Vertreter mit einer nachweislich krank machenden Wirkung auf den Hund. Von anderen Arten wie Borrelia afzelii, Borrelia bavariensis/garinii nimmt man an, dass sie pathogen sind, dies ist aber experimentell noch nicht belegt. Es gibt lediglich Hinweise aus der Diagnostik. Borrelia garinii ist zum Beispiel eine Art, die an Vögel angepasst ist. Die letzten Jahren haben aber gezeigt: Es ist eher Borrelia bavariensis, eine Art, die auf Säugerwirte übergeht – eine neu entdeckte Unterart von B.garinii und als Spezies erst seit Ende letzten Jahres anerkannt. Man kann aber davon ausgehen, dass die Im­pfung gegen B. garinii kreuzreaktiv ist, also schützt. Wissenschaftlich muss das allerdings noch belegt werden.

Was empfehlen Sie zum Schutz von Hunden vor Borreliose?

Um Hunde optimal zu schützen, sollten drei Maßnahmen ineinandergreifen: Impfung, Zeckenprophylaxe und tägliche Kontrolle bzw. Absammeln der Zecken. Letzteres geschieht oft nur unzureichend, obwohl es der einfachste Weg ist, um die Zeckenlast zu reduzieren. Zusätzlich sollten daher regelmäßig Zeckenschutzmittel angewendet werden. Diese Maßnahme schützt auch vor anderen zeckenübertragenen Krankheiten. Der Tierarzt sollte wissen, welches Medikament für den jeweiligen Hund am besten geeignet ist. Und als zusätzlichen Schutz vor Lyme-Borreliose empfehlen die Leitlinien der StIKo Vet. die Impfung. Der fachmännische Rat in der Tierarztpraxis sollte alle Maßnahmen berücksichtigen.

Welche Hunde sollten geimpft werden?

Die Borrelioseimpfung gehört zu den Non-Core-Impfungen. Im Impfgespräch sollte erarbeitet werden, ob der Hund eine Impfung braucht. Dafür entscheidend ist das Expositionsrisiko: Ist der Hund viel im Wald oder im Park? Sind Zecken am Tier zu beobachten? Trägt der Hund also ein Borrelioserisiko? Dann sollte man impfen.

Wie funktioniert die Impfung?

Die Antikörper, die der Hund durch eine Impfung bildet, entfalten ihre Wirkung in der Zecke. Sie gelangen während des Stichs zusammen mit dem Blut in den Darm der Zecke, dort, wo sich zu diesem Zeitpunkt die Borrelien befinden. Die Antikörper binden an die Bakterien und immobilisieren diese. Damit können die Erreger nicht in die Haut des Tiers gelangen. Um den Antikörperspiegel ausreichend hoch zu halten, sollte das empfohlene Impfschema eingehalten werden: Drei bis vier Wochen nach der ersten folgt die zweite Impfung. Sechs Monate später wird die dritte und weitere sechs Monate später die vierte Impfung verabreicht. Ab diesem Zeitpunkt muss einmal im Jahr aufgefrischt werden.

Die neuen Leitlinien zur Impfung von Kleintieren berücksichtigen den neuen trivalenten Borrelioseimpfstoff noch nicht. Müsste die Empfehlung nun anders ausfallen?

An der Impfempfehlung ändert sich im Grunde nichts, da ja diesmal schon zwei Komponenten berücksichtigt wurden – der Impfstoff gegen Borrelia burgdorferi sensu stricto und der gegen Borreliagarinii und B. afzelii. Der neue Impfstoff vereinigt diese beiden Komponenten zu einem Impfstoff. Also lässt sich die Impfempfehlung genauso auf diesen anwenden. Es ist jetzt allerdings möglich, statt zwei Impfungen nur eine zu verabreichen.

Wie gut verträglich ist die Borrelioseimpfung?

Die Verträglichkeit der Impfung ist sehr gut. Der Statistik des Paul-Ehrlich-Instituts zufolge verursacht die Borreliose-impfung seltener oder im gleichen Maße Nebenwirkungen als die gängigen Core-Komponenten. Die wenigen offi­ziellen Meldungen, die in der Statistik erfasst werden, beschreiben dann auch die bekannten klinischen Veränderungen: Schwellung an der Einstichstelle, kurzzeitiges Fieber etc.

Wie sicher schützt die Impfung?

Wenn die Antikörperspiegel regelmäßig aufgefrischt werden, ist die Schutzwirkung sehr gut. Das gilt immer für bis zu zwölf Monate. Werden die Zeiträume zu lang, fällt der Antikörperspiegel weit ab. In der anfänglichen Phase des Abfalls ist die Schutzwirkung nur reduziert, später entfällt sie manchmal ganz.

Herr Professor Straubinger, vielen Dank für das Gespräch.

Foto: © www.zecken.de

HKP 3 / 2015

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 3 / 2015.
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