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Diätetik bei Darmerkrankungen

Gutes Futter

Durchfallerkrankungen sind ein häufiger Vorstellungsgrund in der tierärztlichen Kleintierpraxis, sei es als akutes oder chronisches Problem. Die Fütterung spielt hierbei eine entscheidende Rolle, nicht nur als eine mögliche Ursache z.B. durch Fehler in der Fütterungstechnik oder der Futterzusammensetzung, sondern insbesondere auch als Therapiemaßnahme.
Im Folgenden beschreibt deshalb Dr. Julia Fritz nichtinfektiöse Ursachen für Durchfallerkrankungen und diätetische Maßnahmen.

Nutritive Ursachen für akuten Durchfall

Neben bakteriellen, viralen und parasitären Infektionen kommen für akuten Durchfall auch Fehler in der Fütterungstechnik oder der Futterzusammensetzung als Ursache infrage. Zu den Fehlern in der Fütterungstechnik gehören eine zu plötzliche Futterumstellung, ständiger Futterwechsel, verdorbene oder kontaminierte Futtermittel oder auch einfach zu hastiges Fressen durch Futterneid bzw. Stress. Gerade ein zu schneller Futterwechsel wird häufig von den Besitzern praktiziert, meist aus Unwissenheit.
Die Darmflora und die Verdauungsenzyme adaptieren sich erst nach einer gewissen Weile an eine neue Futterzusammensetzung, daher sollte man einen Futterwechsel immer über mehrere Tage vollziehen, mindestens 3–5 Tage, bei besonders empfindlichen Tieren auch über einen noch längeren Zeitraum. Dies gilt insbesondere bei einem Wechsel von einem Trocken- auf ein Feuchtfutter, da Trockenfutter üblicherweise einen deutlich höheren Anteil an Kohlehydraten enthält, während Nassfutter i.d.R. eiweißreicher ist. Das bisherige Futter sollte idealerweise mit immer größeren Anteilen des neuen Futters verschnitten werden. Fehler in der Futterzusammensetzung können durch einen insgesamt zu hohen Kohlenhydratanteil, nicht ausreichend aufgeschlossene oder unverdauliche Kohlenhydrate (z.B. Laktose), durch einen zu hohen Anteil an Bindegewebe, fermentierbarer Fasern (hierzu gehören auch Geliermittel wie z.B. Pektin) oder einfach durch verdorbene Futtermittel bedingt sein.
Ein zu hoher Anteil an Kohlenhydraten kann z.B. bei selbst gekochten Rationen oder auch bei den klassischen Eliminationsdiäten auf der Basis von meistens Kartoffeln und einer Proteinquelle vorkommen, wenn der Fleischanteil zu gering ist. Wird die Verdauungskapazität für Kohlenhydrate im Dünndarm überschritten, gelangt ein Teil der Kohlenhydrate unverdaut in den Dickdarm, wo sie dann von den Darmbakterien zu flüchtigen, kurzkettigen Fettsäuren (Acetat, Propionat, Butyrat, aber auch Laktat) abgebaut werden. Flüchtige Fettsäuren sind osmotisch wirksam und es kommt typischerweise zu der so genannten sauren osmotischen Diarrhoe. Die Verdauungskapazität für Kohlenhydrate kann auch bei einem besonders hohen Energiebedarf überschritten werden, insbesondere wenn Trockenfutter gefüttert wird. Dies ist gerade bei laktierenden Hündinnen mit vielen Welpen der Fall, die teilweise das Fünffache ihres normalen Energiebedarfs benötigen und demnach auch die fünffache Futtermenge aufnehmen müssen. Hier reicht meist ein einfacher Futterwechsel, um den Durchfall zu beheben, wobei erfahrungsgemäß viele Züchter sich dessen gar nicht bewusst sind. Ähnliches gilt auch für die Aufnahme von vielen bindegewebsreichen Komponenten (Schlachtabfälle) oder Geliermitteln. An kontaminierte Futtermittel ist vor allem auch bei den so genannten BARF-Rationen zu denken, bei denen die Fleischkomponenten roh verfüttert werden (BARF= Bone And Raw Food).

Diätetische Maßnahmen

Bei einer Durchfallerkrankung – sei es akut oder chronisch – sollten die Tiere nach Möglichkeit 12-48 Stunden fasten, damit sich der Darm erholen kann. Unzureichend verdaute Nährstoffe können außerdem osmotisch wirken und somit den Durchfall verstärken. Ausnahme hiervon sind stark geschwächte Patienten, Jungtiere mit geschwächtem Allgemeinbefinden oder stark übergewichtige Katzen. Die Tiere sollten uneingeschränkt Wasserzugang haben und Verluste an Natrium, Kalium und Chlor sollten über Elektrolytlösungen ausgeglichen werden. Anschließend können die Tiere langsam mit einer Schonkost (selbst gekocht oder Fertigfutter) angefüttert werden. Diese sollte hochverdaulich und fettarm sein und über etwa 3 bis 7 Tage gefüttert werden. Die Futtermenge sollte dabei auf drei bis vier Mahlzeiten täglich verteilt und langsam gesteigert werden.

Chronische Durchfallerkrankungen

Futtermittelallergie/-unverträglichkeit, chronische Enteritis (IBD), Antibiotika responsive Diarrhoe (Bacterial Overgrowth), Protein-Loosing Enteropathie, exokrine Pankreasinsuffizienz (EPI), chronische Colitis und Colon irritabile sind häufige Ursachen für chronische Durchfallerkrankungen. Unabhängig von der genauen Ursache umfassen die diätetischen Maßnahmen eine Futterumstellung bzw. die Fütterung einer Eliminationsdiät, da eine allergische Beteiligung in den meisten Fällen nicht ganz ausgeschlossen werden kann. Die Ration sollte insgesamt hochverdaulich sein und einen eher niedrigen bis moderaten Fettgehalt enthalten. Zusätzliche sollten noch Fasern eingesetzt werden, entweder als Ballaststoff oder als Präbiotikum (s. weiter unten). Omega-3-Fettsäuren (1 g Fischöl/5 kg KM) und ggf. Probiotika können ebenfalls ergänzt werden.
Bei selbst gekochten Rationen sind Muskelfleisch, Milchprodukte oder auch Ei als hochwertige Eiweißquellen zu empfehlen. Für Eliminationsdiäten sollte die Eiweißquelle nach Möglichkeit unbekannt sein, bzw. zumindest seit längerer Zeit nicht mehr gefüttert worden sein. Gut geeignet sind z.B. Pferdefleisch oder Straußenfleisch, die typischerweise nicht in herkömmlichem Fertigfutter oder hausgemachten Rationen vorkommen. Als Kohlenhydratquelle empfehlen sich glutenfreie Futtermittel wie Kartoffeln, Hirse, Reis, Maisstärke oder Tapioka, wobei Reis und Maisstärke häufiger in Fertigfuttern enthalten sind und daher für Eliminationsdiäten nicht an erster Stelle stehen.
Bei einer Protein-Loosing-Enteropathie sollte der Eiweißgehalt in der Ration dem anderthalb bis zweifachen des Erhaltungsbedarfs entsprechen (entspricht in etwa 7-10 % Rp bei Feuchtfutter und 27-36 % Rp bei Trockenfutter). Bei einer EPI spielt die extrakorporale Vorverdauung mittels Pankreasenzymen eine entscheidende Rolle. Das Futter sollte hierzu mind. 4 Stunden bei Zimmertemperatur oder über Nacht im Kühlschrank mit Pankreasenzymen (Pulver 1 g, frisches Rinderpankreas 20-50 g pro 100 g Feucht- bzw. 30 g Trockenfutter) versetzt werden. Werden Kapseln gefüttert, müssen diese eröffnet werden. In milden Fällen kann es ausreichend sein, die Pankreasenzyme auch nur kurz vor der Verfütterung beizumischen. Zur Aufrechterhaltung der Körpermasse bzw. für eine Gewichtszunahme sind Futtermengen bis zum Doppelten des Erhaltungsbedarfs notwendig. Die Tiere sollten in jedem Fall langsam angefüttert werden.

Einsatz von Fasern

Dem Einsatz von Fasern kommt in der Diätetik von chronischen Darmerkrankungen immer mehr Bedeutung zu. Es gibt unterschiedliche Faserarten, die man in zwei Typen unterteilen kann, die langsam bzw. kaum und die schnell bzw. leicht fermentierbaren Fasern. Zu Ersteren gehört z.B. die Zellulose. Zellulose regt die Darmperistaltik an, beschleunigt so die Darmpassage und besitzt zu dem eine relativ hohe Wasserbindungsfähigkeit (bis zum 14fachen). Bei Zellulose ist auf eine möglichst hohe Faserlänge (> 300 ?m) zu achten. Zellulose dient in erster Linie als Ballaststoff und kann sehr gut bei chronischer Colitis, Colon irritabile, weicher Kotkonsistenz, aber auch chronischer Obstipation oder als reine Ballaststoffergänzung bei rohfaserarmen Rationen eingesetzt werden. Aufgrund der wasserbindenden Eigenschaft dient Zellulose in erster Linie zur symptomatischen Therapie.
Zu den schnell/leicht fermentierbaren Fasern gehören Pektin und Guar. Diese werden von den Darmbakterien zu flüchtigen Fettsäuren abgebaut, wobei Butyrat als Nährstoff für die Mucosa dient. Weiterhin fördern sie das Wachstum der „guten“ Darmbakterien und können daher in erster Linie als Präbiotikum eingesetzt werden. Laktulose hat vergleichbare Eigenschaften und Wirkungen. Fermentierbare Fasern können ebenfalls bei chronischer Colitis und Obstipationen eingesetzt werden. Die Verträglichkeit der Fasern ist individuell. Prinzipiell muss die Dosis anfangs langsam gesteigert werden, um die Darmflora daran zu adaptieren. Von Zellulose können bis zu 1 g pro kg Körpergewicht und Tag, von Pektin/Guar oder auch Laktulose bis zu 2 g pro kg Körpergewicht und Tag gegeben werden. Die Fasern können entweder direkt ins feuchte Futter gemischt oder vorher angefeuchtet werden.

Chronische Flatulenz

Die Ursachen für chronische Flatulenz können auch fütterungsbedingt sein und lassen sich meist leicht beheben. Häufig liegt die Ursache in der Verfütterung von hohen Mengen bindegewebsreichem Eiweiß (Schlachtabfälle) oder eiweißreicher Feuchtfutter, welches dann zu Teilen im Dickdarm von der Bakterienflora u.a. zu biogenen Aminen, Schwefelwasserstoff, Kohlendioxid und Ammoniak umgesetzt wird. Das Gleiche gilt für schwer verdauliche Kohlenhydrate, die besonders in Leguminosen (Soja, Erbsen, Bohnen) vorkommen. Können keine „Übeltäter“ im Hauptfutter gefunden werden, bzw. bleibt das Problem trotz Futterwechsel bestehen, sollte man auch an die Leckerlis und Kauprodukte denken, und diese gezielt abfragen. Gerade Produkte wie getrockneter Pansen, Ochsenziemer, Schweineohren oder Sehnen führen häufig mal zu unangenehmer Gasproduktion.

jfritz@napfcheck.de

HKP 6 / 2010

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 6 / 2010.
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Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.