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Schmerzdiagnostik beim Pferd

Schmerzdiagnostik beim Pferd

Wenn es wehtut

Entscheidend für das Wohlbefinden von Pferden ist eine möglichst rechtzeitige und genaue Schmerzdiagnostik. Eine zuverlässige Erfassung von Schmerzen, etwa zur Verlaufskontrolle nach schmerzhaften chirurgischen Eingriffen, zur Erfolgskontrolle einer analgetischen Therapie oder aber auch für die tierärztliche Dokumentation ist daher anzustreben.

Schmerz ist ein subjektives Empfinden. Während der Mensch über verbale Kommunikation seine Selbsteinschätzung zur Art der Schmerzen und ihrer Intensität mitteilen kann, ist das Tier dazu nicht befähigt. Aus diesem Grund kann der Tierarzt nur anhand von ethologischen und physio­logischen Indikatoren Rückschlüsse auf das subjektive Empfinden eines Pferdes ziehen und versuchen, auf diesem Weg das Schmerzempfinden des Pferdes weitgehend zu objektivieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Ausdrucksverhalten des Pferdes. Es kann Hinweise zu folgenden Fragen geben: Hat das Pferd akute oder möglicherweise chronische Schmerzen und wie ist das Ausmaß des Schmerzes? Wie gut dies beim Pferd gelingt, hängt jedoch von zahlreichen Faktoren ab. Aktuell befassen sich Wissenschaftler auf interna­tionaler Ebene in einem von der EU-geförderten Forschungsprojekt „Animal Welfare Indicators“ (AWIN) mit der Entwicklung praktikabler Methoden zur Schmerzerkennung und -quantifizierung beim Pferd.

Voraussetzungen und Einflussfaktoren

Pferden fehlt bekanntlich ein spezifischer Schmerzlaut. Das birgt die Gefahr in sich, den Schmerz beim Pferd unterzubewerten oder nicht ausreichend wahrzunehmen. Grundvoraussetzung für eine rechtzeitige und möglichst genaue Schmerzdiagnostik ist daher eine gute Kenntnis des arttypischen Verhaltens von Pferden, insbesondere die des Ausdrucksverhaltens. Zudem sollte für den Tierarzt nur die eigene Beobachtung maßgebend sein. Mitteilungen seitens der Pferdehalter über Bilder oder mündliche Mitteilungen und Beschreibungen sind für sich alleine häufig nicht ausreichend aussagekräftig genug (subjektive Bewertung des Informanten, unzureichende Information über die Situation etc.). Hinzukommt, dass das Anzeigen von Schmerzen durch verschiedene Einflussfaktoren beeinträchtigt, völlig unterdrückt oder aber potenziert werden kann [1, 2, 3, 5]. Dazu zählen:

// Motivation und Situation (Angst, Stress, Schockzustand etc.). Angst kann Schmerzen potenzieren, aber auch völlig verdrängen. Aber auch eine positive Motivation (z.B. verletzter Hengst sieht rossige Stute) kann dazu führen, dass Schmerzen nicht oder nur wenig angezeigt werden.

// Lern- bzw. Lebenserfahrungen (negative Vorerfahrungen etc.). Nur durch Berührung des Tierarztes kann z.B. Meideverhalten ausgelöst werden, ohne dass ein schmerzhafter Prozess vorliegt.


Abb. 1 Typisches „Schmerzgesicht“ eines Pferdes mit hochgradig-akutem Schmerz: halb geschlossene Augen, aufgezogene, nach seitlich-hinten gerichtete Ohren, angespannte Kaumuskulatur, zusammengepresste Lippen und angespannte Nüstern.
(Foto: Diana Stucke)


Chronisches Schmerzgeschehen
Abb. 2a
Pferd in gesundem Zustand: wacher Blick, aufmerksame, nach vorne gerichtete Ohrenstellung und glänzendes Fell.


Abb. 2b Gleiches Pferd im kranken Zustand drei Monate später (Plattenepithelkarzinom am Zahnfleisch): eingesunkene Augen, nach innen gekehrter Blick, seitlich abgesenkte Ohren und stumpfes Fell.
(Fotos aus Zeitler-Feicht, Handbuch Pferdeverhalten,
Ulmer-Verlag)

Hinweise über Schäden

Am einfachsten lässt sich anhand sichtbarer körperlicher Schäden (z.B. Verletzungen) auf Schmerzen schließen. Nach dem „Analogieschluss von Sambraus“ [4] ist es möglich, das Schmerzempfinden des Menschen auf das höher stehende Wirbeltier zu übertragen, da große Analogien hinsichtlich Anatomie, Physiologie (u.a. nozizeptive Systeme) sowie Verhaltensreaktionen bestehen. Der Analogieschluss besagt aber lediglich, dass beim Tier ein ähnliches Schmerzempfinden wie beim Menschen vorliegt. Auf das Ausmaß bzw. die Stärke der Schmerzempfindung lässt sich jedoch nach dem Analogieschluss nicht schließen, ebenso nicht auf die Art des Schmerzes. Letzteres bzw. ob ein Pferd den Schmerz als bohrend oder stechend empfindet, wird uns wohl stets verschlossen bleiben. Schäden geben somit erste Informationen zu einem möglichen Schmerzgeschehen. Für eine präzise Schmerzdiagnostik sind die nachfolgenden Verhaltensmerkmale zu erfassen.

Hinweise über das optische Ausdrucksverhalten

Schwerpunkt bei der Schmerzdiagnostik ist die Beurteilung des optischen Ausdrucksverhaltens (Mimik, Körper- und Schweifhaltung, Gestik). Die wichtigsten Indikatoren, die auf akute Schmerzen hindeuten, sind in Tabelle 1 [1, 2, 3, 5, 7, 8] zusammengefasst. Hinweise auf Stärke und Dauer des schmerzhaften Prozesses gibt der Anspannungsgrad der Muskulatur. Eine länger andauernde Anspannung deutet in der Regel auf Schmerzen hin. Doch die so genannte „Verspannung“ ist lediglich ein Begleitsymptom und für sich alleine kein Schmerz­indikator. Eine Anspannung der Gesichts- und Körpermuskulatur ist auch bei Angst zu beobachten. Deswegen sind Kontextbezug und Situation sowie das Gesamtverhalten bei der Analyse hinsichtlich möglicher Schmerzen von größter Bedeutung. Darüber hinaus sollten sowohl bei der Mimik als auch bei der Körperhaltung gleichzeitig stets mehrere Kriterien am Pferd zu beobachten sein [1, 2, 3, 7].


Tab. 1 Optisches Ausdrucksverhalten des Pferdes bei Schmerzen durch Krankheit oder Verletzungen*) [1, 2, 4, 7, 8]

Chronische Schmerzen sind wegen der schleichenden Veränderung des Pferdes deutlich schwerer zu erkennen als die Akut­form. Hinweise sind: Abnahme des Appetits, Abmagerung, Muskelschwund, stumpf wirkendes Fell, veränderter Gesichtsausdruck (abwesend wirkender Blick, eingesunkene, „klein“ wirkende Augen, „Dösgesicht“), allmähliche Wesensveränderung (z.B. Abnahme der Bewegungsfreude, verändertes Liegeverhalten, Absondern von Artgenossen, Rangverlust) bis hin zur Teilnahmslosigkeit (Blickrichtung Wand, vermehrtes Stehen im Dunkeln) [1, 2, 3, 5].


Tab. 2 Verschiedene Ansätze zur objektiven Schmerzbestimmung

Hinweise über Verhaltensauffälligkeiten

Verhaltensauffälligkeiten sind zwar häufig unspezifisch für ein Schmerzgeschehen, doch für einige Krankheitsprozesse sind sie eindeutig – zumindest in der Regel. Beispiele hierfür sind: Verhaltensauffälligkeiten in Zusammenhang mit Kolikschmerzen (z.B. Treten gegen den eigenen Bauch, wiederholtes Niederlegen, Wälzen und Aufstehen ohne Schütteln), mit Schmerzen der Extremitäten einschließlich der Hufe (z.B. Entlas­tungshaltung, Lahmheit) sowie mit Zahnschmerzen (z.B. einseitige Kaubewegungen, Wickelkauen). Auch Abwehrreaktionen bei Berührung können aussagekräftige Indikatoren für Schmerzen sein. Die meisten Verhaltensauffälligkeiten sind jedoch relativ unspezifisch, d.h., sie können auf Schmerzen hinweisen, müssen es aber nicht [1, 2, 3]. Differenzialdiagnostisch kommen auch andere Ursachen wie Stressoren im Umfeld, erlerntes Verhalten oder Defizite in Haltung und Fütterung in Betracht. Z.B. könnte eine herabgesetzte Aktivität (Leis­tungsminderung, reduziertes Bewegungsverhalten oder Apathie) ein Hinweis auf ein Schmerzgeschehen sein. Doch kommen hierfür auch als Ursache Haltungs­defizite (u.a. Lichtmangel), Defizite in der Ernährung, Erkrankungen ohne Schmerzen (z.B. eines endokrinen Organs), körperliche Erschöpfung, Überforderung im Training oder eine reaktive Verhaltensstörung infrage. Unspezifische Verhaltensweisen dienen aus diesem Grund vor allem als Zusatzinformation bei der Abklärung eines Schmerzgeschehens. Die Palette der schmerzinduzierten Verhaltensauffälligkeiten reicht vom ängstlichen Meideverhalten bis hin zu erhöhter Aggressivität oder völliger Apathie. Verhaltensaufälligkeiten, die mit einer Angstsymptomatik einhergehen, sollten stets hinsichtlich eines möglichen Schmerzgeschehens überprüft werden.

Physiologische Schmerzindikatoren

In der tierärztlichen Praxis dienen bisher vor allem eine veränderte Herz- und Atemfrequenz sowie Körpertemperatur und ggf. Schweißausbruch als Zusatzinformationen. Diese Werte sind für sich alleine nur wenig aussagekräftig und sollten nur in Zusammenhang mit den oben genannten Schmerzindikatoren in die Bewertung mit einfließen. In Tabelle 2 sind die verschiedenen physiologischen oder/und ethologischen Parameter zusammengestellt, die zur möglichst objektiven Schmerzbestimmung beim Pferd geeignet sind.

Ansätze zur Quantifizierung von Schmerzen beim Pferd

Im Folgenden soll auf eine im Rahmen des AWIN-Projektes entwickelte Methode zur Schmerzquantifizierung anhand der Gesichtsmimik von Pferden näher eingegangen werden. Sie hat den Vorteil, dass sie nichtinvasiv, direkt am Pferd durchführbar, mit sofortigem Ergebnis und außerdem kos­tengünstig ist.

„Horse Grimace Scale“

„Grimace Scales“ werden nicht nur in der Humanmedizin zur Schmerzerkennung bei Patienten verwendet, mit denen eine verbale Kommunikation nicht möglich ist (z.B. Neugeborene, Kleinkinder, demente Patien­­ten), sondern auch bei Labortieren [10, 11, 12, 13]. Beim Pferd fehlte bisher eine standardisierte, objektive und wissenschaftlich überprüfte Methode, die nicht nur das Erkennen, sondern auch die Quantifizierung von Schmerzen ermöglicht. Der Horse Grimace Scale basiert zum einen auf den viel versprechenden Ergebnissen des Facial Expression Pain Scale (FEPS). Dieser beruht auf den für Pferde arttypischen, schmerz­assoziierten Veränderungen der Gesichtsmimik. Anhand einer Skala werden fünf Gesichtsbereiche (Ohren, Augen, Kaumuskulatur, Nüstern und Maul) unabhängig voneinander mit null bis drei Punkten beurteilt. Die so ermittelte Gesamtpunktzahl ist in der Lage, postoperativ auftretenden Schmerz bei kastrierten Hengsten widerzuspiegeln [7]. Zum anderen wurde für die Entwicklung des Horse Grimace Scales weitgehend die Methodik der „Grimace Scales“ für Ratten, Mäuse und Kaninchen zu Grunde gelegt [10,11,12,13].

Der Horse Grimace Scale setzt sich aus folgenden Einheiten (so genannten „action units“) zusammen:

// Rückwärts gerichtete Ohrstellung

// Verengter Lidspalt

// Muskelanspannung oberhalb der Augen

// Angespannte Kaumuskulatur

// Zusammengepresste Maulspalte mit hervortretendem „Kinn“

// Angespannte Nüstern mit Abflachung des Profils

Jede einzelne dieser „action units“ wird entsprechend der Ausprägung auf einer 3-Punkte-Skale mit null bis zwei Punkten beurteilt. Der Gesamtpunktwert ergibt sich durch Addition der Einzelwerte und liegt somit zwischen null und zwölf Punkten. Die Validierung der Methode erfolgte an einem klinischen Schmerzmodel anhand von Videoaufnahmen von kastrierten Hengsten (vor und acht Stunden nach OP) sowie einer Kontrollgruppe (Narkose ohne schmerzhaften Eingriff) durch mehrere verblindete Beobachter. Mit dem Horse Grimace Scale steht erstmals ein objektives, wenig zeitaufwändiges und leicht zu erlernendes Instrument zur Schmerzbeurteilung bei Pferden zur Verfügung, das sich durch eine ausgezeichnete Übereinstimmung zwischen verschiedenen Anwendern auszeichnet [8]. Die Validierung der Methode auch für andere Schmerzqualitäten und -intensitäten wie akutem und chronischem, orthopädischen Schmerz wird im Rahmen des AWIN-Projektes zurzeit an Pferden mit verschiedenen Stadien einer Hufrehe-Erkrankung fortgeführt.

take home

Das Erkennen von Schmerzen beim Pferd ist Voraussetzung für deren ­adäquate ­Behandlung und stellt hohe Anforderungen an den Tierarzt. Da Schmerz eine subjektive Empfindung ist, gestaltet sich dessen objektive Bestimmung schwierig. Grundlage der Schmerzdiagnostik sind beim Pferd Veränderungen der Mimik, Körperhaltung und Gestik sowie schmerzspezifische und -unspezifische Verhaltensauffälligkeiten, ergänzt durch die Erfassung physiologischer Indikatoren. Mit dem Horse Grimace Scale steht erstmals eine standardisierte, objektive und wissenschaftlich überprüfte Methode zur Verfügung, die es ermöglicht, Schmerzen anhand der Gesichtsmimik beim Pferd zu quantifizieren. Zu beachten ist, dass das Anzeigen von Schmerzen durch verschiedene Einflussfaktoren beeinträchtigt, völlig unterdrückt oder aber potenziert sein kann.

Literatur bei den Autoren

Foto: © istockphoto.com, RapidEye

Stichwörter:
Plattenepithelkarzinom, Zahnfleisch, Verspannung, Ausdrucksverhalten, Chronische Schmerzen, Abwehrreaktionen, Differenzialdiagnostisch, Apathie, Haltungs­defizite, Schmerzindikatoren,

HKP 5 / 2014

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 5 / 2014.
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Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.