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Ernährung von Pferden mit Equinem Metabolischen Syndrom

Ernährung von Pferden mit Equinem Metabolischen Syndrom

Dicke Pferde haben nichts zu lachen

Wie bei Menschen und anderen Tierarten nimmt auch beim Pferd die Fettleibigkeit immer mehr zu. Ihre Besitzer wollen es oft nicht wahrhaben. Doch allein ein „sportlich barocker“ Ernährungszustand reicht aus für ein hohes Hufreherisiko – ein potentieller wirtschaftlicher Totalschaden, den es zu vermeiden gilt. In diesem Artikel sind Erfahrungen, Tipps und Argumentationshilfen für die Pferdefahrpraxis zusammengestellt.

Ernährungszustand richtig beurteilen

Die 2008 in England durchgeführte Studie zur Einschätzung des Ernährungszustandes von den Besitzern dicker Pferde spricht Bände: 28 % der Besitzer schätzten ihre adipösen Tiere als normalgewichtig ein. Diese Ergebnisse lassen sich ohne weiteres auf Deutschland übertragen. Gerade in Betrieben, in denen alle Pferde übergewichtig sind, hat sich erfahrungsgemäß der Rahmen zur Beurteilung des Ernährungszustandes verschoben: Zu dicke Pferde gelten als normal. Bevor es zu einer Hufrehe kommt, setzt hier die qualifizierte tierärztliche Beratung an. Vielen Pferdehaltern ist der Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Hufrehe nicht bewusst. Oft wird noch immer ein Proteinüberschuss in der Ration als Ursache gesehen. Die gemeinsame, neutrale Beurteilung des Ernährungszustandes mit dem Pferdehalter anhand des seit 2004 veröffentlichten Body Condition Scores (BCS) hat zumeist mehr Einsicht zur Folge als die Aussage: „Ihr Pferd ist zu dick!“ Zusätzlich wurde drei Jahre später der „Cresty Neck Score“ (0=ohne Kammfett, 5=Mähnenkamm kippt zur Seite) veröffentlicht, der den Zusammenhang zwischen Kammfett und Hufreherisiko noch deutlicher veranschaulicht. Ein Cresty Neck Score > 3 bedeutet ein erhöhtes Risiko für weideassoziierte Hufrehe.

Pathophysiologie EMS, Diagnostik im Stall und Tierschutz

Mit der tastbaren Fettauflage außen am Pferd nehmen auch die Fettdepots in den Körperhöhlen zu. Vor allem das abdominale Fett produziert Hormone und andere Substanzen, die ohne Feedback ungebremst in den Stoffwechsel eingreifen. Die für das Equine Metabolische Syndrom (EMS) charakteristische Insulinresistenz resultiert aus einer Downregulation der Insulinsignalkaskade, beispielsweise durch Adipokine. Weiterhin vermittelt das Fettgewebe durch Entzündungsmediatoren Entzündungen an Gefäßen und Zellen des Hufes. Die Hyperinsulinämie selbst provoziert die gefürchtete Vasokonstriktion zu Beginn der Hufrehe. Aus diesen pathophysiologischen Zusammenhängen lassen sich Laborparameter zur Diagnostik ableiten. Während die Einzelbestimmung von Glucose im Blut als Momentaufnahme gewertet wird, hat ein nach nächtlicher Nüchternzeit (8 – 12 Stunden) gemessener Insulinspiegel am Morgen (zwischen 8 und 10 Uhr) diagnostischen Wert. Im Falle von EMS liegt er deutlich über der Norm. Allerdings ist zu beachten, dass Stress und Schmerz (durch Hufrehe) das Testergebnis beeinflussen. Begleitend sind Triglyceride und GGT erhöht. Im Unterschied zur Diagnostik bei Hund und Katze gibt es beim Pferd keine Korrelationen zwischen Glucose, Insulin und Fruktosaminwerten, so dass Fruktosamin aktuell nicht zur Diagnostik von EMS empfohlen wird. Wenn diese Diagnostik nicht eindeutig ist, sollte ein kombinierter GlucoseInsulinTest unter Klinikbedingungen angeraten werden. Vor Ort kann auch ein Eindruck des Fütterungsregimes gewonnen werden: Bei Sportpferden überwiegt die Ansicht der Futtermeister, dass Leistung nur mit Kraftfutter möglich ist. Dazu kommt die Überschätzung der Arbeitsbelastung der Pferde von den Reitern. Nur weil der Reiter geschwitzt hat, braucht das Pferd nicht gleich mehr Kraftfutter. Pferde sind enorm leistungsfähig und brauchen erfahrungsgemäß erst ab Leistungsklasse M deutlich mehr Kraftfutter. Berücksichtigt man die Fütterung von erfolgreichen Weltklasse- Distanzpferden, die im Training für 160 km-Ritte maximal 3 kg Kraftfutter täglich bekommen, stellt das die vielerorts eingesetzten Futtermengen im Turnierstall von 5 – 6 kg Kraftfutter pro Pferd und Tag deutlich in den Schatten. Anders im Freizeitbereich: Aus Angst vor Magenulcera bekommen viele leichtfuttrige Rassen Raufutter und/oder Weidegang ad libitum. In Gruppenhaltung verfetten nicht nur die ranghohen Tiere. Das Überangebot an Futter insgesamt führt zur Fettleibigkeit. Die Fettleibigkeit bei einem Hund führte bereits zu Gerichtsverhandlungen: Im Falle einer verfetteten Pekinesenhündin (19 kg statt rassetypisch maximal 6 kg) wurden die Halter in Augsburg wegen Tierquälerei angeklagt. Denn im Tierschutzgesetz §2 heißt es: „Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen …“ Neben den Schmerzen, die ein Pferd mit Hufrehe erleidet, sollte nicht zuletzt aus dieser Motivation heraus die Prophylaxe großgeschrieben werden.

EMS – Was nun?

Im Praxisalltag bei dichtgedrängtem Terminkalender mit dem nächsten Notfall im Nacken ist es für die Praktiker schwierig, genügend Zeit für die nötige längere Beratung mit dem Pferdehalter aufzubringen. Dazu kommt, dass auf der Stallgasse die Kombination diverser Ergänzungsfuttermittel nicht eingeschätzt werden kann. Mit computergestützter Rationsberechnung vom externen Spezialisten wird langfristig die Compliance erhöht. Denn gerade bei Hufrehe wird der Pferdebedarf eben nicht nur mit rationiertem Heu und Wasser erfüllt. Viele analysierte Heuqualitäten decken schon bei normaler Raufutterversorgung (mindestens 1,5 kg/100 kg Idealgewicht) den Pferdebedarf an Mineralien und Vitaminen nicht ab. Dies wird bei Routinekontrollen oft als Selen- und Zinkmangel deutlich. Die Spiegel der Mengenelemente im Blut sind aufgrund der starken körpereigenen Regulation nicht geeignet, die gefütterte Ration zu beurteilen. Gerade im Fall von Hufrehe ist das Pferd besonders darauf angewiesen, bedarfsgerecht versorgt zu werden, um neues Hufhorn produzieren zu können. Wird aus Gründen der Energiereduktion Stroh verwendet, sollte dieser Anteil nur maximal 1/3 des Raufutters ausmachen, da die Pferde sonst verstopfen können. Hier sollte deshalb eine hochwertige Proteinzulage in Form von Sojaextraktionsschrot, Leinkuchen oder Bierhefe erfolgen, denn Körperfett soll langfristig in Muskulatur umgewandelt werden. Gesundes Hufhorn braucht neben hochwertigem Eiweiß zur Keratinsynthese (mit den schwefelhaltigen Aminosäuren Methionin und Cystin) auch Calcium zur Stabilisierung der Keratinfibrillen, Zink und Biotin für einen stabilen Interzellularkit, Kupfer als Kofaktor eines Enzyms für Disulfidbrücken, Selen in Maßen (cave Schädigung der Keratinozyten) und Vitamin A als Epithelschutzvitamin. Ein Mineralfutter passend zu Heu/Getreide mit mindestens 12 % Calcium ist essentiell. Nichtmelassierte Rübenschnitzel liefern Pektine für eine stabile Darmflora und runden die Ration ab.

Weniger fressen und mehr Bewegung: Faustzahlen

Kurzfristig können Faustzahlen helfen, das bedarfsgerechte, moderate Abnehmen zu beginnen. Diese greifen aber nur, wenn das Körpergewicht sicher bestimmt werden kann. Daher sollte jede Möglichkeit, ein Pferd zu wiegen, unbedingt genutzt werden. Alternativ kann aus verschiedenen Körperumfangsmaßen das Pferdegewicht geschätzt werden. Die Formeln in der Übersicht eignen sich für alle Pferde abhängig vom Körperumfang. Ziel ist ein moderates Abnehmen von 1 % der Körpermasse pro Woche. Der Brustumfang nimmt so um ca. 1 – 2 cm pro Woche ab. Hier ist es wieder am Haustierarzt, mit dem Besitzer Kontakt zu halten und Hilfe anzubieten. Die begrenzte Raufuttermenge steht im Konflikt zur Mindestempfehlung zur tierartgerechten Raufutteraufnahme von 1,5 kg/ 100 kg Körpergewicht. Um die Fresszeit zu verlängern, kommen unterschiedliche Möglichkeiten zum Einsatz: Heunetze, Heutaschen, Fressgitter und Raufen mit Heunetz. Alle „Fressbremsen“ beinhalten ein Verletzungsrisiko für das Pferd. Eine Neuentwicklung in dieser Richtung stellt der Heubutler dar (www.heubutler.de). Diese mobile Heuraufe wird im Heulager mit der abgewogenen Tagesheumenge gefüllt und garantiert über das Gitter eine verlangsamte Heuaufnahme über den ganzen Tag bei physiologischer Fresshaltung des Pferdes. Neben diesen veränderten Fütterungsbedingungen muss auch die Haltung optimiert werden. Mit Weidegang ist kein Abnehmen möglich, weil die Futteraufnahme nicht kontrolliert werden kann. Eine Haltung im Auslauf mit sozialem Kontakt, nicht fressbarem Untergrund (Holzspäne), nicht fressbarer Umzäunung und etwas Raufutter mit Fresszeitverlängerung angeboten stellt die aktuelle Empfehlung dar. Neben „weniger fressen“ hilft „mehr Bewegung“, das Abnehmen schneller umzusetzen: Die Insulinresistenz nimmt messbar ab bei 30 min flottem Trab täglich (selbstverständlich nur bei Lahmfreiheit).

Ausblick

Abnehmen ist nur erfolgreich, wenn alle an einem Strang ziehen: Der Hoftierarzt, der den Verdacht bzw. die Diagnose EMS stellt (am besten vor der Hufrehe), der Futtermeister, der maßvoll füttert und seine Futtermengen abwiegt und kennt, und nicht zuletzt der Besitzer, der dieses „weniger“ akzeptiert und für mehr Bewegung des Pferdes sorgt. Die Erkrankung scheint reversibel zu sein. Doch werden Tiere, die leicht dick werden, immer leichtfuttrig bleiben. Vor allem nach erfolgtem Reheschub gilt es, leichtverdauliche Kohlenhydrate aus Kraftfutter bzw. Fruktane besonders aus Weidegras zu meiden. Gut gemeint und reichlich gefüttert ist eben oft nicht optimal ernährt.

take home

// Dicke Pferde werden oft nicht als dick eingeschätzt.

// BCS-Bestimmung und Labordiagnostik (Nüchtern-Insulin) untermauern den EMS- Verdacht.

// Übergewicht und drohende Hufrehe sind tierschutzrelevant.

// Weniger Fressen (am besten das Futter wiegen) und mehr Bewegung (30 min Trab täglich) sind wichtig.

// Rationsberechnung und -beratung unterstützen den Praktiker und seine Pferdepatienten beim bedarfsgerechten moderaten Abnehmen.

HKP 2 / 2013

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 2 / 2013.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
Prof. Dr. Arwid Daugschies, Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät – VMF
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Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.