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Unterschiede akute pyotraumatische Dermatitis und Follikulitis

„Hot spot“ – häufiger Notfall in warmen Jahreszeiten

„Hot spots“ gehören zu den seltenen dermatologischen Notfällen, die gerade in der warmen Jahreszeit im Notdienst häufig gesehen werden. Die binnen weniger Stunden entstehende, oft dramatisch aussehende Hautveränderung ruft großes Unbehagen beim Hund und große Besorgnis beim Besitzer hervor. Die klinisch sehr ähnlich aussehenden oberflächlchen und tiefen Formen sollte auch der nicht dermatologisch spezia lisierte Tierarzt zuverlässig unterscheiden können, denn sie werden ganz unterschiedlich therapiert. Die Suche nach dem Auslöser sollte keinesfalls vergessen werden, muss aber natürlich nicht unbedingt im Notdienst erfolgen.

Abb.1

Oberflächlicher „Hot spot“ bei einem Golden Retriever mit akuter Malassezien-Otitis; Primärerkrankung: atopische Dermatitis

Definitionen

Die pyotraumatische Dermatitis („oberflächlicher Hot spot“) gehört zu den Oberflächenpyodermien und ist ein lokalisierter, gut von der gesunden Haut abgegrenzter Bereich mit akuter Entzündung und Exsudation, der durch den Patienten stark traumatisiert wird (durch Lecken, Kratzen etc.). Die pyotraumatische Follikulitis („tiefer Hot spot“) gehört zu den tiefen Pyodermien und stellt eine lokalisierte tiefe Follikulitis / Furunkulose dar. Der Bereich ist weniger scharf demarkiert, und charakte ristisch sind u. a. die meist erst nach dem Ausscheren sichtbaren „Satelliteneffloreszenzen“ im Randbereich. Sie kann auch als Komplikation einer pyotraumatischen Dermatitis entstehen.

Ursachen / Auslöser

Lange Zeit ging man davon aus, dass „Hot spots“ ihre Ursache in verminderter Belüftung von Fell und Haut bei gleichzeitiger erhöhter Temperatur und eventueller Feuchtigkeit auf der Hautoberfläche haben. Das bevorzugte Auftreten in der warmen Jahres zeit vorwiegend bei Hunden mit dichtem, langem Fell spricht dafür. Mittlerweile sind allerdings zahlreiche andere Faktoren und Auslöser bekannt, die für die Entwicklung von „Hot spots“ prädestinieren und die ebenfalls Rassen / Individuen mit kurzem Fell betreffen.

Zu ihnen zählen:
//Allergische Reaktionen auf Ektoparasiten, v. a. Flöhe, seltener Cheyletiellen

//Besonders bei „Hot spots“ im Bereich von Rücken / Rückenende, Kruppe und im Bereich der Rute sollte an allergische Reaktionen auf Flohspeichel als Ursache gedacht werden – diese Lokalisationen stellen auch die Prädilektionsstellen für Veränderungen der flohallergischen Dermatitis dar.

// Insbesondere bei rezidivierenden und /oder multiplen „Hot spots“ in den genannten Bereichen ist diese Ursache die wahrscheinlichste.

Weniger häufig, aber häufig auch nicht diagnostiziert, ist eine allergische Reaktion auf Cheyletiellen als Ursache von (rezidivierenden) „Hot spots“. Der gesamte Rückenbereich, Kruppe und dorsaler Bereich der Rute sind hier bevorzugt betroffen (Abb. 5).


Abb.2: Nahaufnahme nach Ausscheren, hier ist sehr gut zu erkennen, wie gut abgegrenzt die Veränderung ist.


Abb.3: Tiefer „Hot spot“ bei einem Neufundländer mit Malassezien-Otitis. Die Veränderung ist Plaque-artig, verkrustet, erythematös und sehr viel schlechter abgegrenzt als die in Abb. 2


Abb.4: Nahaufnahme nach Ausscheren unter Sedation. Gut zu erkennen die „Satelliteneffloreszenzen“ in der Peripherie


Abb.5: Oberflächlicher „Hot spot“ im Rücken­bereich bei Cheyletiellose, noch nicht ausgeschoren. Sehr gut zu erkennen die zahlreichen Schuppen neben der Veränderung, die zusammen mit Pruritus und Lokalisation bereits den Verdacht auf diese Primärerkrankung lenken.


Abb.6: Oberflächlicher „Hot spot“ im Kruppen­bereich bei einem Mischling mit ­Flohallergie. Gut zu erkennen die mit der ­Veränderung
verklebten Haare


Abb.7: Nahaufnahme nach dem Ausscheren. Besonders der exsudative gelblich glänzende zentrale Bereich des „Hot spots“ ist gut sichtbar

Reaktion auf entzündliche, juckende oder schmerzhafte Prozesse in der unmittelbaren Nähe der Veränderung Dies sind bei „Hot spots“ im Bereich des Gesichts, insbesondere der Backe, vor allem eine akute oder chronischrezidivierende Otitis externa (häufig eine mit massivem Pruritus assoziierte Malassezien- Otitis; Abb. 1 – 4). Bei Veränderung im Bereich von Kruppe, Oberschenkeln und eventuell der Rute sollten unbedingt die Analbeutel auf Anschoppung, Entzündungen etc. untersucht werden. Bei „Hot spots“ im Bereich von Gliedmaßen sollten Knochen, Gelenke und Weichteile in der unmittelbaren Umgebung sorgfältig auf entzündliche oder schmerzhafte Veränderungen als Ursache untersucht werden.

Mechanisch-anatomische Probleme, Umgebungsfaktoren, Reizungen, Irritation Fremdkörper im Fell, Reste von Medikamenten einschließlich schlecht ausgespülter Shampoos sowie verschmutztes, verfilztes Fell können zu „Hot spots“ führen. Unter Plattenverfilzungen sind auch flächenhafte Formen möglich. Irritationen durch Scherköpfe o. Ä. sowie kleine Verletzungen wie Schürfwunden können ebenfalls das Entstehen von „Hot spots“ fördern. Bei Tieren mit dichtem Haarkleid und starkem Speichelfluss sowie bei Tieren, die viel schwimmen und lange Zeit zum Trocknen benötigen (Neufundländer, Golden Retriever etc.) finden sich insbesondere in der warmen Jahreszeit gehäuft „Hot spots“ im Bereich des Unterhalses. Ursache hierfür ist eine Mazeration der Haut durch die Feuchtigkeit in Kombination mit erhöhter Temperatur auf der Hautoberfläche.

Andere allergische Erkrankungen, insbesondere Futterunverträglichkeit /-allergie, sind mögliche, aber eher seltene Ursachen rezidivierender „Hot spots“ und auch unabhängig von der Jahreszeit.

Prädisponierte Rassen

Generell sind Hunde mit langem, dichtem Fell überdurchschnittlich oft von „Hot spots“ betroffen. Als prädisponierte Rassen gelten Labrador und Golden Retriever, Bernhardiner, Neufundländer, Rottweiler, Deutscher Schäferhund, Collie und Bobtail, wobei die fünf erstgenannten besonders zu den tiefen Verlaufsformen neigen.

Entstehung und klinisches Bild

Beim oberflächlichen „Hot spot“ steht die Selbsttraumatisierung im Vordergrund, Bakterien sind ursächlich meist nicht beteiligt. Eine bakterielle Sekundärinfektion entwickelt sich erst später, insbesondere bei länger bestehenden Veränderungen, da insbesondere S. pseudintermedius auf dem veränderten Bereich ideale Lebensbedingungen vorfindet. Meist entsteht binnen weniger Stunden ein ovaler bis runder, gut abgegrenzter, haarloser, nässender, in der Mitte oft gelblich glänzender Bezirk (durch Koagulation von Proteinen) mit erythematösem Randbereich, der mit den Haaren in der Umgebung verklebt ist (Abb. 6, 7). Seine Größe variiert von der eines 1-Euro-Stücks bis zu einer Handflächengröße. Bei der Palpation ist er meist wenig oder gar nicht schmerzhaft. Beim tiefen „Hot spot“ als lokalisierter tiefer Pyodermie spielen Bakterien eine zentrale Rolle. Initial sind Staphylococcus pseudintermedius, oft begleitet von kleinen Stäbchen, die bei tiefer Follikulitis und Furunkulose geeignete Lebensbedingungen finden. Die Veränderung ist etwa von gleicher Größe und Form wie die oberflächliche. Sie ist ebenfalls haarlos, aber sehr viel schlechter von der unveränderten Umgebung abgegrenzt, plaqueartig, erythematös mit Papeln, Pusteln und Krusten und eventuell Fistelbildung. Pusteln, Papeln und Krusten finden sich als „Satelliteneffloreszenzen“ auch in der Umgebung (Abb. 4). Pruritus fehlt oder ist minimal, der tiefe „Hot spot“ kann jedoch so schmerzhaft sein, dass der Hund eine genauere Untersuchung ohne Sedation nicht toleriert.

Diagnostik

Die Diagnostik besteht aus 2 Schritten:

// Differenzierung oberflächlicher / tiefer „Hot spot“ – meist ist das erst nach dem Ausscheren sicher zu unterscheiden – und eine Einleitung der entsprechenden Therapie.

// Identifikation und wenn möglich Therapie der Ursache bzw. des Auslösers.

Folgende Untersuchungen sollten erwogen werden (auch in Abhängigkeit von der Lokalisation, s.o.)

// Untersuchungen auf Flöhe und ggf. auf andere Ektoparasiten, v. a. Cheyletiellen (Flohkamm, Klebeband-Abklatsch, Hautgeschabsel, Anreicherungsverfahren etc.).

// Untersuchung auf Verfilzungen, Medikamentenreste, Fremdkörper etc. im Fell. uu Eingehende Untersuchung der Ohren (Otoskopie, Ohrabstrich mit zytologischer Untersuchung).

// Eingehende Untersuchung der Analbeutel.

// Untersuchung von benachbarten Knochen, Gelenken und Weichteilgewebe (durch bildgebende Verfahren) falls sich die Lokalisation im Bereich der Gliedmaßen befindet

// In rezidivierenden/atypischen Fällen: Abklärung anderer Allergien (v. a. Atopische Dermatitis,Futterunverträglichkeit/ allergie).

// Zytologische Untersuchung (Abklatsch) bei nicht mehr akuten oberflächlichen „Hot spots“, um eine eventuelle oberflächliche sekundäre Pyodermie zu diag nostizieren bzw. auszuschließen.

// Bei Fistelbildung: Kulturelle Untersuchung und Resistenztest (steriler Abstrich), um die beteiligten Keime zu identifizieren und ein möglichst geeignetes orales Antibiotikum auszuwählen.

Therapie

Grundsätzlich sollte bei beiden Formen nach dem Ausscheren eine milde antiseptische Lösung zur Reinigung verwendet werden, um verklebte Haare, Schmutz, Medikamentenreste etc. mit zu entfernen. Die Applikationsform ist bei der topischen Therapie entscheidend: Kontraindiziert sind okklusiv wirkende Salben oder dickflüssige Pasten etc., die durch ihre okklusive Wirkung den Zustand noch verschlimmern können. Wässrige Lösungen und Sprays, Lotionen, Gels u. Ä. sind gut geeignet, bei den tiefen Formen auch antibakteriell wirkende Shampoos. Beim oberflächlichen „Hot spot“ sind vorwiegend adstringierende und anti pru riginöse Inhaltsstoffe anzuraten, z. B. 3 – 5 %ige Aluminiumacetat-Mischungen, hamamelishaltige Sprays, Antibiotika-Glucocorticoid-Gels, Lotionen oder Sprays, evtl. auch in Kombinationen, die alle 3 – 4 Stunden angewendet werden. Zusätzlich muss der Patient an der weiteren Traumatisierung gehindert werden. Bei multiplen oder großflächigen Veränderungen, ungewöhnlich starkem Pruritus oder schlecht topisch therapierbaren Patienten können auch über einige Tage oral Kurzzeit Glucocorticoide in antipruriginöser oder antiinflammatorischer Dosierung eingesetzt werden (am gebräuchlichsten Prednisolon 0,5 – 1 mg/kg täglich initial, dann alle zwei Tage über insgesamt 3 – 10 Tage). Eine orale Antibiose ist nur in Ausnahmefällen erforderlich, sollte aber, wenn initiiert, wie bei anderen oberflächlichen Pyodermien über mindestens 21 Tage mit einem korrekt dosierten und gut „staphylokokkenwirksamen“ Antibiotikum erfolgen, auch wenn die Veränderung bei konsequenter Behandlung meist schon innerhalb von 4 – 10 Tage abheilen. Beim tiefen „Hot spot“ werden lokal antibakterielle Lösungen wie beispielsweise verdünnte Chlorhexidin-Lösung oder stark verdünnte PVPIod-Lösung (1:50 bis 1:100) eingesetzt, wenn möglich zumindest initial als Kompressen 2bis 3mal täglich für 10 – 15 Minuten angewendet, später können antibakterielle Shampoos verwendet werden. Eine systemische Antibiose nach den Regeln der Therapie einer tiefen Pyodermie ist unbedingt erforderlich, d. h. sie erfolgt mindestens zwei Wochen über das komplette klinische Abheilen hinweg (eine Behandlungsdauer von 4 – 6 Wochen ist keine Seltenheit). Da die oralen „staphylokokkenwirksamen“ Antibiotika verhältnismäßig teuer sind, sollte dies dem Tierhalter unbedingt genau erklärt werden – die häufigste Rezidivursache bei tiefen „Hot spots“ ist die inadäquate (unterdosierte, zu kurze) Antibiotikatherapie. Glucocorticoide sind beim tiefen „Hot spot“ wie bei allen tiefen Pyodermien kontraindiziert, sowohl lokal als auch systemisch. Die Primärursache sollte natürlich parallel mit den entsprechenden Mitteln therapiert werden (Flohoder Milbenbehandlung, Otitis-Therapie, Beseitigung von Plattenverfilzungen oder Fremdkörpern im Fell, Verbesserung von Fellpflege /hygiene etc.)

Prophylaxe

Empfehlenswert sind gerade bei Hunden mit dickem und dichtem Fell gute Fellpflege und hygiene insbesondere in der warmen Jahreszeit (langes Trocknen bei durchnässtem Fell vermeiden, evtl. Fell im Sommer kürzer schneiden, um eine bessere Belüftung zu ermöglichen), ferner gute Flohund Zeckenprophylaxe und regelmäßige Kontrolle von Ohren und Analbeuteln. Regelmäßige (am besten tägliche) Untersuchung auf beginnende Veränderungen und sofortiger Beginn einer entsprechenden Therapie insbesondere bei prädisponierten Hunden sind sinnvoll, damit sich ein „Hot spot“ möglichst nicht unbemerkt voll entwickeln oder sogar ausbreiten kann.

take home

// „Hot spots“ sind häufige „Notfälle“, insbesondere in der warmen Jahreszeit, die zahlreiche Ursachen haben können, obwohl sie klinisch identisch aussehen.

// Sie sollten nicht unterschätzt werden, da ein falsch behandelter „Hot spot“ erhebliche Probleme nach sich ziehen kann. Eine Differenzierung, oberflächliche oder tiefe Form, ist zwingend erforderlich – die bei der oberflächlichen Form indizierte Glucocorticoidgabe ist bei der tiefen kontraindiziert.

// Die Therapie sollte engmaschig kontrolliert werden. u Neben der Therapie der eigentlichen Veränderung darf die Identifikation und Korrektur des Auslösers nicht vergessen werden.

Literatur bei der Verfasserin.

Bild: PantherMedia / Michael Pettigrew

Stichwörter:
akute pyotraumatische Dermatitis, Follikulitis, Dr.Stefanie Peters, Hot Spots, Oberflächenpyodermien, pyotraumatische Follikulitis, Satelliteneffloreszenzen, Ektoparasiten, Cheyletiellen, massivem Pruritus, Zytologische Untersuchung, Fistelbildung, Glucocorticoide

HKP 5 / 2013

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 5 / 2013.
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