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Warum juckt es bloß ?

Juckreiz stellt eines der wichtigsten „Symptome“ nicht nur bei vielen Hauterkrankungen dar und ist sicher einer der häufigsten Gründe, weshalb Hunde in der Kleintiersprechstunde vorstellig werden. Dr. Martin Bucksch gibt Aufschluss über die Entstehung und Ursachen des Juckreizes beim Hund.

Wir wissen heute, dass nicht nur das von den Mastzellen gebildete Histamin, sondern eine Fülle verschiedener zellulärer Botenstoffe (Serotonin, Substanz P., Prostaglandine, Leukotriene, Thromboxane, Kinine, Bradykinin sowie proteolytische Substanzen und exogene Mediatoren) an der Entstehung von Juckreiz beteiligt sind. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass die Wirksamkeit von Antihistaminika bei Hunden und Katzen, verglichen mit dem Menschen, gering ist.
Ektoparasiten und „Allergien“ gehören zu den häufigsten und daher wahrscheinlichsten Ursachen für Juckreiz. Hinzu kommt jedoch eine nicht unerhebliche Anzahl weiterer Erkrankungen, die nicht immer auf den ersten Blick (wie z.B. ein starker Flohbefall) zu erkennen sind. Da die gegebenenfalls notwendige „symptomatische“, d.h., Juckreiz lindernde (Kortikosteroide, Antihistamine, Cyclosporin, Nahrungsergänzungen etc.,) sowie die „kausale“ Therapie (Antiparasitika, systemische Antibiotika, Antimykotika, div. topische Präparate, etc.) teilweise nicht nur unterschiedlich, sondern gegensätzlich sein können, ist es wichtig, die Ursache sorgfältig abzuklären und dementsprechend eine symptomatische und, falls möglich, gezielte kausale Behandlung der ursächlichen Erkrankung einzuleiten. Ein Beispiel: Die atopische Dermatitis kann die Behandlung mit Kortikosteroiden zumindest vorübergehend notwendig erscheinen lassen. Liegt jedoch ein Parasitenbefall vor (z.B. eine Demodikose, die im Fall sekundärer Hautinfektionen durchaus mit Juckreizeinhergehen kann), ist die Behandlung mit Kortikosteroiden nicht nur ungeeignet, sondern kontraindiziert. Nicht wenige Hauterkrankungen werden besonders in fortgeschrittenem Verlauf durch Hautinfektionen durch Bakterien und/oder Hefepilze der Gattung Malassezia verkompliziert. Derartige (in diesem Fall sekundäre) Hautinfektionen können zusätzlichen Juckreiz verursachen, der den bestehenden Juckreiz verschlimmern bzw. gegebenenfalls selbst über das „Wegfallen“ der primären Krankheitsursache (z.B. saisonale Allergene, Flohbefall) aufrechterhalten kann. Besonders infortgeschrittenen, chronischen Fällen juckender Dermatosen ist also das Erkennen nicht nur der „Primärerkrankung“ (z.B. atopische Dermatitis, Sarkoptesmilbenbefall etc.) essenziell, sondern auch die Diagnose womöglich bestehender Sekundärerkrankungen (Sekundärinfektionen), da letztere eben zum „perpetuierenden Faktor“ werden und zu Misserfolgen bei der Behandlung führen können.

Ursachen

Zu den häufigsten Ursachen für Juckreiz bei Hund und Katze zählen Ektoparasiten (Flöhe, Milben, Stechinsekten u.a.), allergische Erkrankungen wie die atopische Dermatitis (AD) (Umweltallergene, Nahrungsbestandteile) oder die Floh-allergische Dermatitis(FAD), primäre (seltener) sowie sekundäre Hautinfektionen durch Bakterien und Hefepilze der Gattung Malassezia, Kontaktallergien (selten) sowie Kontaktirritationen. Selbst einige Neoplasien wie beispielsweise Mastzelltumore oder Mastozytosen können durch Histeminfreisetzung lokalen oder systemischen Juckreiz auslösen. Auch Autoimmundermatosen wie z.B. ein Pemphigus Foliaceus können mit Juckreiz einhergehen, selbst Patienten mit an sich selten juckenden hormonellen Erkrankungen (Hypothyreose, Hyperadrenokortizismus) können aufgrund der kompromittierten Barrierefunktion der Haut sekundäre, juckende Hautinfektionen entwickeln. Psychische Erkrankungen können besonders bei Katzen, aber auch bei Hunden zunächst Juckreiz simulieren, durch Selbsttraumatisierung schließlich zu Hautschädigungen und sekundären, meist lokalen Infektionen führen, die ihrerseits Juckreiz verursachen. Die sichtbaren klinischen Hinweise für das Vorhandensein von Juckreiz beschränken sich in der Regel auf Hypotrichose, Alopezie und (vor allem) Exkoriationen, d.h. durch Selbsttraumatisierung entstehende, meist oberflächliche Hautabschürfungen und daraus gegebenenfalls resultierende Blutkrusten. Bräunliche Fellverfärbungen durch Speichel sind oft ein Indiz für intensives, wiederholtes Belecken einer Region. Papeln, Pusteln, Schuppenkränze, Lichenifikation, Hyperpigementierung etc. stehen meist für sekundäre Hautinfektionen, die sich in der Folge entwickeln.

Anamnestische Informationen & deren Bedeutung

Im Rahmen der allgemeinen sowie speziellen Anamneseerhebung spielen Signalment, Haltungsbedingungen und der klinische Vorbericht eine entscheidende Rolle. Oftmals lassen sich ihnen bereits entscheidende Hinweise entnehmen.
Einige Rassen zeigen ein gehäuftes Auftreten bestimmter Erkrankungen, was zumindest eine genetische Komponente bei ihrer Entstehung nahelegt. So treten beispielsweise die atopische Dermatitis, Demodikose, primäre Keratinisierungsstörungen, oberflächliche Pyodermien oder auch Mastzelltumore bei einigen Hunderassen gehäuft auf.
Das Alter des Tieres, besonders bei erstmaligem Auftreten einer juckenden Hauterkrankung, kann ebenfalls wichtige Hinweise liefern. Die atopische Dermatitis des Hundes tritt in der Regel (zumindest erstmalig) im Alter zwischen 6 Monaten und 4 Jahren auf. Allergien auf Nahrungsbestandteile können in jedem, besonders auch bereits in ganz jungem Alter auftreten. Ausnahmen bestätigen die Regel: Das Verbringen eines Tieres in eine neue geografische Region kann zu einer veränderten Allergenexposition führen, sodass eine bestehende allergische „Veranlagung“ auch in einem „späten“ Lebensabschnitt erstmals in Erscheinung treten kann.
Ebenfalls von Bedeutung können die Lebensumstände und Haltungsbedingungen des Tieres sein. Jagdhunde weisen ein erhöhtes Risiko einer Sarkoptesinfestation auf oder sind eher in der Situation, sich mit (eher selten Juckreiz verursachenden) bestimmten Dermatophyten zu infizieren. Hunde aus Zwingerhaltung laufen potenziell eher Gefahr, an juckenden (Podo)dermatitiden durch Hakenwurmlarven zu erkranken. „Vielschwimmer“ entwickeln gegebenenfalls Otitiden („Swimmers Otitis“) bzw. „versagen“ bei antiektoparasitären
Prophylaxemaßnahmen.

Sind getrennt lebende Eltern- oder Geschwistertiere ebenfalls erkrankt, kann dies einen Hinweis auf eine genetisch bedingte Erkrankung (atopische Dermatitis, granulomatöse Sebadenitis, primäre Seborrhoe etc.) bedeuten. Sind Kontakttiere ebenfalls betroffen,
handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine übertragbare Erkrankung (Flöhe, Sarkoptesmilben, Cheyletiellen, etc. Dermatophytosen). Sind in Kontakt lebende Menschen betroffen, sind Parasiten (Sarkoptes, Cheyletiellen, Flohbefall) oder wiederum Dermatophyten auf der Liste der Differenzialdiagnosen weit oben zu platzieren (Zoonosen).
Ferner von Bedeutung sind: Ist der Juckreiz zu bestimmten Tageszeiten (Pollen etc.), Jahreszeiten (Saisonalität=> Allergien, Ektoparasiten) im Haus („Indoor“allergene) oder im Freien („Outdoor“allergene) stärker ausgeprägt? Vorsicht bei der Beurteilung von Saisonalität ist jedoch geboten: eine atopische Dermatitis kann beispielsweise im Winter ausgeprägter in Erscheinung treten, weil Hunde mehr Zeit im Haus verbringen und die Aktivität von Milben durch die warme, beheizte Wohnungsluft gefördert wird. Zudem begünstigt trockene, warme Wohnungsluft den bestehenden Juckreiz. Tiere mit einer bestehenden Flohspeichelallergie (Floh-allergische Dermatitis, FAD) zeigen, u.a. begünstigt durch den Klimawandel, auch in unseren Breiten möglicherweise ganzjährigen Juckreiz. Sekundärinfektionen können dazu führen, dass zunächst saisonal auftretende Allergien besonders in fortgeschrittenen Fällen ebenfalls ganzjährig Probleme verursachen (aufrechterhaltende Faktoren). Außerdem ist zu bedenken, dass besonders Allergiepatienten oftmals nicht nur in eine Richtung immunologisch „fehlgesteuert“ sind. Unter „flare factors“ werden Umwelteinflüsse verstanden, die beispielsweise ein allergisch bedingtes Krankheitsgeschehen verschlechtern bzw. „Schübe“ auslösen können. Hierzu gehören Insektenstiche/Flohbisse, hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen (Sommer) etc..

Weiterhin spielen in der speziellen Anamneseerhebung Intensität, Entwicklung und Verteilungsmuster des Juckreizes eine informative Rolle. Hilfreich bei der Evaluierung der Intensität ist eine numerische Skalierung von 1 – 10, in der 0 die Abwesenheit von Juckreiz bedeutet, 10 für hochgradigen, Tag und Nacht andauernden, praktisch ununterbrochenen Juckreiz steht. Die meisten Autoren bevorzugen gegenüber einer sichtbar numerischen heute eine visuelle analoge Messskala zur Ermittlung des Juckreizlevels durch die Tierhalter. Plötzlich auftretender, hochgradiger Juckreiz kann für eine Sarkoptesinfestation sprechen. Oft kann es hilfreich sein, den Besitzer anzuhalten, ein tägliches Juckreizprotokoll anzulegen, besonders zur Kontrolle des Therapieerfolges. Wo am Körper wird gekratzt, geleckt oder „geknabbert“? Auch wenn diese Informationen nicht unbedingt patognomonische Hinweise liefern, können sie dennoch hilfreich sein.
Ein positiver auriculo-pedaler Reflex ist ein nicht ausschließliches (kann bei AD positiv sein), wenngleich starkes Indiz für das Vorliegen einer Sarkoptesinfestation. Noch bevor die eigentliche Untersuchung beginnt, sollte der Hund (z.B. während der Anamneseerhebung) sorgfältig beobachtet werden. So lässt sich sagen, ob tatsächlich unstillbarer, permanenter Juckreiz vorhanden ist, da die Wahrnehmung von Juckreiz durch den Tierhalter oftmals sehr subjektiv ist. Bei der eingehenden Untersuchung der Haut spielt auch das Verteilungsmuster der gegebenenfalls vorhandenen Effloreszenzen eine wichtige Rolle. Vorerkrankungen bzw. gleichzeitig auftretende Symptome können wichtige Hinweise liefern. Besonders den Verdauungstrakt betreffende Symptome können zusammen mit Juckreiz auf Nahrungsmittelallergien hinweisen.

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HKP 5 / 2009

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 5 / 2009.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
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