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Kardiologische Erkrankungen des Pferdes – Teil I: Vorkommen und Bedeutung

Kardiologische Erkrankungen des Pferdes – Teil I: Vorkommen und Bedeutung

Schwaches Herz

Die Aufdeckung einer Herzerkrankung sowie die Untersuchung und Beurteilung von Pferden mit Herzerkrankungen stellt immer wieder eine Herausforderung für den Tierarzt dar. Insbesondere die Beurteilung bei geringgradigen und mittelgradigen Befunden fällt dem Tierarzt häufig schwer, da viele Pferde sie ohne Leistungsbeeinträchtigung tolerieren.

Hinzu kommt, dass mithilfe der klinischen Untersuchung alleine meistens keine exakte Diagnose gestellt, sondern lediglich der Verdacht auf ein kardiologisches Problem geäußert werden kann, da Herzarrhythmien nicht grundsätzlich pathologisch sind und Herzgeräusche nicht immer eine Bedeutung für die Herzfunktion haben müssen. Deshalb sollten weiterführende Untersuchungen zur Abklärung der Ursache empfohlen werden. Dazu gehören das Ruhe-/ Belastungs- und Langzeit- EKG, die Echokardiografie, die Stressechokardiografie, evtl. die Herzkatheteruntersuchung sowie bei Bedarf spezielle Laboruntersuchungen. Neben einer guten Geräte­ausstattung ist für die weiterführenden kardiologischen Untersuchungen auch ein erfahrener Untersucher nötig. Der Tierarzt sollte zudem berücksichtigen, dass eine weitere Nutzung neben einer gesundheitlichen Gefährdung für das Pferd auch eine mögliche Gefahr für den Reiter darstellen kann. Je weiterführender die kardiologischen Untersuchungen sind, desto mehr Informationen stehen dem Tierarzt zur Erstellung einer Diagnose und Prognose zur Verfügung. Eine entsprechende Aufklärung der Besitzer über mögliche Untersuchungsmethoden und deren Aussagekraft ist deshalb empfehlenswert.


Abb.1 Farbdopplerechokardiografische ­Darstellung des pathologischen Blutflusses durch den Ventrikelseptumdefekt von dem ­linken in den rechten Ventrikel in der Systole.


Abb.2 Pathologisches Bild einer Endokardiose an der Mitralklappe.

Angeboren oder erworben?

Bei den Herzerkrankungen des Pferdes wird generell zwischen den angeborenen und den erworbenen Herzerkrankungen differenziert.

Angeborene Herzerkrankungen: Bei den angeborenen Herzerkrankungen ist der Ventrikelseptumdefekt beim Pferd der häufigste Befund. Klinisch ist ein typisches pan-systolisches Herzgeräusch mit Punktum maximum (P.M.) über der Trikuspidalklappe (rechte Thoraxseite, 4. Interkostalraum) hörbar. Die Diagnosestellung erfolgt mithilfe der Echokardiografie (Abb. 1). Eine Therapie erfolgt nur symptomatisch (s.u.).

Erworbene Herzerkrankungen: Bei den erworbenen Herzerkrankungen sind vor allem die Klappenerkrankungen in Form von Klappeninsuffizienzen häufig vertreten. Bei Pferden bis ca. 14 Jahre tritt besonders häufig die Mitralklappeninsuffizienz auf (systolisches Herzgeräusch mit P.M. über der ­Mitralklappe), bei älteren Pferden über 14 Jahre tritt dann die Aortenklappeninsuffizienz (diastolisches Herzgeräusch mit P.M. über der Aortenklappe) in den Vordergrund. Endokardentzündungen können nach bakteriellen und/oder viralen Infekten auftreten und im Verlaufe der Zeit zu fibrotischen Umbauprozessen an der Klappe und schlussendlich zu Klappeninsuffizienzen führen (Abb. 2). Eine Therapie erfolgt bei Herzklappenerkrankungen des Pferdes häufig erst bei klinischen Symptomen, die auf eine beginnende kardiale Dekompensation hinweisen. Die Therapie beinhaltet eine Entlastung des Herzens durch Gabe von Diuretika (z.B. Furosemid) und ACE- Hemmern (z.B. Enalapril) sowie eine Unterstützung des Herzmuskels durch Gabe von Digitalispräparaten (z.B. Digoxin).

Neben den Herzklappenerkrankungen gehören auch die Herzrhythmusstörungen zu der zweiten großen Gruppe der erworbenen Herzerkrankungen. Sie können mit oder ohne Herzklappen und/oder Myokardbefunden auftreten. Bei den pathologischen Herzarrhythmien sind besonders das Vorhofflimmern (Auskultationsbefund: totale Arrhythmie; EKG: Arrhythmie und Flimmerwellen, Abb. 3) und die atrialen Extrasystolen (Auskultationsbefund: partielle Arrhythmie) beim Pferd häufig aufzudecken. Eine Therapie kann durch die Gabe von Chinidinsulfat versucht werden. Neben den Herzklappen kann aber auch das Myokard oder das Perikard erkranken. Dies ist aber selten und tritt meist in Zusammenhang mit einer Allgemeinerkrankung auf.


Abb.3 EKG eines Pferdes mit Vorhofflimmern.


Abb.4 Pferd mit dekompensierter Herz­erkrankung und Lungenödem.


Abb.5 Pferd mit dekompensierter Herz­erkrankung und hochgradigem Unterbrust- /­Unterbauchödem.

Bedeutung von Herzerkrankungen

Treten kardiologische Befunde beim Pferd auf, wird der Tierarzt mit der Frage konfrontiert, ob das Pferd weiterhin im Rahmen seiner ursprünglichen Nutzung eingesetzt werden kann, ob und wann mit Leistungsbeeinträchtigungen zu rechnen ist und ob die weitere Nutzung eventuell sogar riskant sein kann. Obwohl mithilfe der modernen kardiologischen Untersuchungsmethoden der Status Präsens und die Bedeutung einzelner Befunde für die Herzfunktion weitestgehend aufgedeckt werden können, bleibt die Prognose für den Einzelfall schwierig. Insbesondere gering- bis mittelgradige Herzklappeninsuffizienzen, die beim Warmblutpferd am häufigsten im Bereich der Mitral- und Aortenklappe auftreten, sind prognostisch schwer einzuschätzen. Die bisher verfügbaren Untersuchungen haben gezeigt, dass sich z.T. signifikante Dimensionsvergrößerungen und Vergrößerungen des pathologischen Rückflussvolumens nicht zwangsläufig auf die Leistung auswirken müssen. Erst bei fehlender Kompensation wird der Einsatz als Freizeit- oder Sportpferd für den Reiter und das Pferd gefährlich.

Geringgradige Befunde: Verschiedene Studien haben gezeigt, dass geringgradig herzkranke Pferde in den meisten Fällen weiterhin im Rahmen der ursprünglichen Nutzungsart eingesetzt werden können. In Ruhe beeinflussen gering- bis mittelgradige kardiologische Befunde den Allgemeinzustand eines Pferdes häufig nicht. Bei einem Einsatz als Freizeitpferd zeigen Pferde mit geringgradigen Herzerkrankungen meistens keine gravierende Leistungsbeeinträchtigung. Bei Sporteinsätzen wie dem Distanz- oder dem Vielseitigkeitsreiten kann sich jedoch, insbesondere bei langen Distanzritten, eine Leistungsbeeinträchtigung deutlich bemerkbar machen.

Mittelgradige Befunde: Nach der Diagnose einer mittelgradigen Herzerkrankung mit Leistungsabfall werden viele Pferde vorsichtiger oder gar nicht mehr im Sport eingesetzt bzw. auf eine weniger intensive Leistungsanforderung umgestellt. Die Besitzer dieser Pferde sehen dann meist keine weitere Verschlechterung des Allgemeinbefindens und erkennen beim Einsatz als Freizeitpferd keine kardiologischen Symptome mehr. In einigen Fällen können Pferde trotz gering- bis mittelgradiger kardiologischer Befunde ohne Leistungsabfall über mehrere Jahre als Reitpferd weiter eingesetzt werden. Dabei sollte bei diesen Pferden allerdings eine kontinuierliche kardiologische Überwachung durch den Haustierarzt in Zusammenarbeit mit einer speziell ausgerüsteten Klinik gewährleistet sein.

Hochgradige Befunde: Dagegen muss bei hochgradig herzkranken Pferden in den meisten Fällen auf einen weiteren Einsatz als Reitpferd verzichtet werden. Pferde kompensieren Herzerkrankungen zunächst meist lange Zeit ohne Leistungseinschränkung. Tritt eine klinisch sichtbare Herzdekompensation ein, geschieht dies meist innerhalb weniger Wochen. Klinische Symptome sind zunehmende Leistungsinsuffizienz und Verschlechterung des Allgemeinbefindens mit peripheren und zentralen Ödembildungen (Abb.4+5). Selten kann sich eine kardiale Dekompensation auch plötzlich einstellen und so zu einer Gefahr werden (plötzlicher Sturz oder ­Niedergehen). Aus diesem Grunde ist eine kardiologische Untersuchung bei weiterer reiterlicher Nutzung aus Sicherheitsgründen empfehlenswert (regelmäßige, eng­maschige, kardiologische Nachuntersuchen ca. halbjährlich bis jährlich). Bei hochgradigen Herzbefunden sollten die Untersuchungsabstände entsprechend kürzer gefasst werden.

Forensische Aspekte

Kardiologische Befunde haben insbesondere im Rahmen der Kaufuntersuchung auch eine forensische Bedeutung (z.B. ­Befund nicht gehört, falsche Diagnose, ­falsche Beurteilung). Aber auch im Rahmen von Untersuchungen anderer Organ­sys­teme (z. B. bei Kolik oder bei Untersuchung der Atemwege etc.) oder im Rahmen von präoperativen Untersuchungen zur Evaluation der „Narkosetauglichkeit“ können ­kardio­logische „Zufallsbefunde“ (z.B. Herzgeräusche, Herzarrhythmien) auftreten und forensisch relevant werden (z.B. bei fehlender Risikoaufklärung des Besitzers).

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe Teil II: Untersuchungen des Herzens – Alt bewährtes und moderne Methoden

take home

Auskultationsbefunde am Pferde­herzen, wie Arrhythmien oder Herz­geräusche, werden häufig als ­Zufallsbefund im Rahmen von Rou­tine­­­­untersuchungen festgestellt. Die exakte Diagnose und die Einschätzung der Bedeutung der Befunde für die weitere Nutzung des Pferdes, sowie die Möglichkeit einer Behandlung sind meist erst nach weiterführenden Untersuchungen möglich. Insbesondere die Elektro- und die Echokardiographie stellen dabei die entscheidenden Untersuchungsschritte dar.

Foto: © panthermedia | Nataliya Korolevskaya

Stichwörter:
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HKP 7 / 2013

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 7 / 2013.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
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