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Risikofaktor Kutane Filariosen beim Hund und beim Menschen?

Risikofaktor Kutane Filariosen beim Hund und beim Menschen?

Neue Bedrohung

Dirofilaria repens, Erreger der kaninen kutanen Dirofilariose, breitet sich derzeit in Europa rasant aus und wird als eine neu aufkommende Zoonose eingestuft. Dr. Nikola Pantchev fordert, dass man der nicht leicht zu diagnostizierenden Filariose ein besonderes Augenmerk widmen sollte.

Warum sich derzeit in Europa Dirofilaria repens, nicht aber Dirofilaria immitis (Erreger der Herzwurmerkrankung beim Hund) ausbreitet, ist nicht ganz geklärt, jedoch ist die oft fehlende Klinik bei Hunden möglicherweise ein Grund dafür. Die Infektion bleibt so lange unentdeckt und solche Hunde stellen damit ein Reservoir für die Infektion von Stechmücken (im Unterschied zu Sandmücken in Deutschland reichlich vorhanden) über Jahre dar.

Dirofilaria repens Biologie und Verbreitung

D. repens parasitiert im subkutanen Bindegewebe bei Hund, Katze, Wildkarnivoren und Mensch. Diese Filarienart wird wie D. immitis durch Stechmücken (vor allem Culex- und Aedes-Arten) übertragen. D. repens ist in weiten Teilen Süd- und Osteuropas endemisch und Infektionen von Hunden mit D. repens waren in Deutschland bisher als eingeschleppte „Reisekrankheiten“ und bei importierten Hunden aus Endemiegebieten bekannt (Abb. 1). Die nördlichste Grenze des Vorkommens in Europa war bisher der 47. Breitengrad (etwa die Linie zwischen Tours/Frankreich, Aosta-Tal/Italien und Kanton Tessin/Schweiz), allerdings mehren sich in den letzten Jahren auch autochthone Fälle bei Hunden in der Slowakei, Tschechien, Österreich, Holland, Polen und auch Deutschland.

Dirofilaria repens gegenwärtige Situation bei Hunden in Deutschland

2006 wurde erstmals über eine autochthone Infektion mit D. repens bei einem Jagdhund in Deutschland (Region Mittlerer Oberrhein, Baden-Württemberg) berichtet, der im Sommer (Juli) 2004 beim Tierarzt vorstellig wurde. Der Patient zeigte ein dorsobulbäres konjuktivales Granulom von 5 x 3 mm Durchmesser im linken Auge. Aus dem Granulom konnte ein adultes Nematodenweibchen isoliert werden (Abb. 2). Anhand morphologischer Charakteristika und dem Nachweis spezifischer DNA mittels PCR wurde der Wurm als D. repens identifiziert. Der Hund war am Mittleren Oberrhein geboren worden und hatte seither Deutschland nie verlassen. Da einerseits diese Region eine der wärmsten Gegenden Deutschlands und andererseits sehr mückenreich ist, wurde diese Region in der Folge näher auf das Vorkommen von vektorübertragenen Erregern untersucht. Dazu wurden 44 jagdlich genutzte Hunde (14 Rassen) von insgesamt 36 Jägern vom Mittleren Oberrhein in Juni 2007 beprobt. Die Blutproben wurden mithilfe des Knott- Tests und des SNAP® 4Dx-Tests untersucht. Im Knott-Test konnten bei drei Hunden ohne Auslandsanamnese unbescheidete Mikrofilarien nachgewiesen werden (6,8 %), die mittels PCR als D. repens diagnostiziert wurden (Abb. 3). Die Seroprävalenz für Anaplasma phagocytophilum betrug 43,2 %, für Borrelia C6-Antigen dagegen nur 4,5 %. D. immitis-Antigen konnte in keiner Probe mnachgewiesen werden. Der Jagdhund mit der okulären Filariose 2004 (s.o.) nahm auch an der Studie 2007 teil und zeigte im Knott-Test keine Mikrofilarien. Derselbe Hund entwickelte allerdings laut Besitzerangaben im Mai 2008 eine Umfangsvermehrung am Rücken, aus dem der Besitzer ein wurmähnliches Gebilde ausdrücken konnte (Abb. 4). Diese Struktur entpuppte sich ebenfalls als ein adultes D. repens- Weibchen, das jedoch nicht fertil war (enthielt keine Mikrofilarien). Die Diagnose konnte per PCR bestätigt werden. Der Abstand von fast 4 Jahren zum ersten Befall im Auge (Juli 2004) und die Tatsache dass dieses Weibchen im Unterschied zum ersten nicht fertil war, deutet auf eine erneute Infektion des Jagdhundes mit D. repens in dieser Region hin. Zusätzlich zur Region „Mittlerer Oberrhein“ scheint sich D. repens weiter in Richtung Norden auszubreiten. In einem Schlittenhunderudel (n= 29) aus Havelland (Land Brandenburg) wurden im Rahmen einer Routineuntersuchung Mikrofilarien im Blutausstrich eines Huskys festgestellt, die als D. repens mittels PCR identifiziert werden konnten. Die folgende Untersuchung aller Hunde des Rudels ergab einen positiven Befund für D. repens-Mikrofilarien in Blutproben von vier weiteren Tieren (Knott- Test mit darauffolgender PCR-Differenzierung). Das Reiseprofil des Rudels deutet darauf hin, dass es sich möglicherweise um eine autochthone Infektion handeln könnte.

Diagnostik und Klinik sowie Therapie

Die Diagnostik von Filarien-Infektionen beim Hund sollte immer einen Herzwurmantigen- ELISA und einen Anreicherungstest für Mikrofilarien (Knott- oder Filtrationstest) (Abb. 5) einschließen. Der Nachweis von löslichem Antigen (stammt v.a. aus dem weiblichen Reproduktionstrakt adulter Würmer) ist spezifisch für D. immitis. Der direkte Blutausstrich (ca. 0.05 ml Blut) ermittelte 168 (80.9 %) von 204 im Knott-Test positive Hunde in einer Studie; die Sensitivität war 100 % bei Fällen mit mehr als 50 Mikrofilarien pro ml Blut, aber nur 44.3 % bei unter 50 Mikrofilarien/ml. Bei nachgewiesener Mikrofilarämie mit negativem Herzwurm (D. immitis)-Antigen-Ergebnissollten differenzialdiagnostisch D. repens, Acanthocheilonema reconditum oder Dipetalonema drancunculoides (bei Import aus dem asiatischen Raum etwa ist auch mit weiteren Arten zu rechnen) abgeklärt werden, deren Mikrofilarien mittels PCR differenziert werden können.
Die Symptome der kaninen kutanen Dirofilariose beim Hund schließen Juckreiz, Dermatitis oder knotige Umfangsvermehrungen ein (es kommt dabei oft zu Verwechslungen mit Tumoren; Abb.6), sie treten allerdings selten auf. Als Therapieansätze haben sich Moxidectin (als Advocate® Spot On, 3 x in monatlichen Abständen) oder Ivermectin s.c. (50 ?g/kg KM wöchentlich) in Kombination mit Doxycyclin p.o. (5 mg/kg KM täglich) für 6 Wochen bewährt. Aufgrund der Zulassungslage ist jedoch Moxidectin (Advocate ®) als erster Behandlungsansatz vorzuziehen.

Filariose durch D. repens beim Menschen

Im Gegensatz zu Tieren, die oft einen klinisch inapparenten Befall mit D. repens zeigen, spielen die mit D. repens assoziierten klinische Bilder beim Menschen eine wichtigere Rolle. D. repens ist als die wesentlich wichtigere Zoonose im Vergleich zu D. immitis einzustufen; 270 Fälle von humaner Dirofilariose in der EU waren bis 1995 beschrieben – die meisten davon durch D. repens (nur 10 durch D. immitis). Da in den darauffolgenden 5 Jahren allein etwa genau so viele Fälle beschrieben wurden, wird D. repens als eine „emerging zoonosis“ eingestuft. Große Schwierigkeiten bereitet dabei die korrekte Diagnose von subkutan, kutan, viszeral oder im Genitalbereich auftretenden Veränderungen, die oft mit Psychosen, Tumoren bis hin zu Tuberkulose verwechselt werden.

nikola-pantchev@idexx.com

HKP 6 / 2010

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 6 / 2010.
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