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Schon wieder Eisbergsalat!

Ernährungsbedingte Krankheiten gehören bei herbivoren Reptilien zu den häufigsten Vorstellungsgründen beim Tierarzt. Dr. Stefanie Heidbrink zeigt, dass eine ausführliche Beratung für einen dauerhaften Therapieerfolg ebenso wichtig ist wie die Behandlung selbst.

Da die Tiere oft monate- oder sogar jahrelang falsch ernährt werden, bis die Erkrankung für den Laienhalter sichtbar zu Tage tritt, ist die Einsicht des Besitzers häufig nur gering. Die Hauptprobleme falscher Ernährung sind der zu hohe Eiweißanteil und der geringe Vitamin- und Mineralstoffgehalt, sodass manche Tiere gleichzeitig verfettet und mangelernährt sind. Das proteinreiche Bartagame Futter führt zu einem schnellen Wachstum des Skelettes, wegen des fehlenden Kalziums wird aber ein weicher, schwacher Knochen gebildet, der sich auf Dauer entweder verbiegt oder als Reaktion des Körpers verdickt, um an Stabilität zu gewinnen. Solche Auftreibungen wurden früher irrtümlich für Anzeichen einer Vitamin D-Überdosierung gehalten oder auch als Knochentumor fehldiagnostiziert.
Deutliche Anzeichen sind bei Schildkröten ein höckeriger Panzer und ein schleppender Gang, bei dem der Panzer nicht mehr vom Boden abgehoben wird, weil die Knochen zu verbogen sind. Ein Blick auf den Bauchpanzer, der bei solchen Schildkröten im hinteren Bereich regelrecht abgeschliffen aussieht, gibt hier Aufschluss, wenn das Tier im Behandlungsraum nicht laufen möchte. Neben der sofortigen Ernährungsumstellung kann man durch Kalziuminjektionen und Vitamin D die Festigung der Knochen fördern. Sind die Tiere sehr weich, sollte auch ein Schmerzmittel gegeben werden. Außerdem dürfen die Besitzer nicht dauernd prüfend drücken, ob das Tier schon fester wird, weil das sehr schmerzhaft ist. Kann das Tier nicht mehr fressen, ist eine vorsichtige Zwangsfütterung mit Flüssignahrung möglich.
Oftmals entwickelt sich auch eine Gicht. Die Einlagerung von Gichtkristallen in den Gelenken ist sehr schmerzhaft und führt zu weiterer Bewegungsunlust. Ablagerungen in den inneren Organen führen zum Organversagen. Zur Unterscheidung von Abszessen wird ein Gelenk punktiert und der weiße Inhalt unter dem Mikroskop untersucht. Man kann Gichtkristalle leicht von Eiter unterscheiden. Ist das Tier groß genug für eine Blutentnahme, wird anhand des Harnsäurewertes eine Gicht diagnostiziert. Die Behandlung erfolgt mit Allopurinol. Wichtig ist ergänzend eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sowie eine eiweißreduzierte Fütterung. Die Prognose ist sowohl bei erweichten Knochen als auch bei der Gicht vorsichtig zu stellen.

Kotuntersuchung

Bei mangelndem Appetit sowie routinemäßig vor der Winterruhe lohnt sich die Untersuchung einer Kotprobe. Hierbei sollte immer eine frische Probe erbeten und ein Nativausstrich gemacht werden. Nur so lassen sich Hexamiten oder Hefen nachweisen. Zusätzlich wird eine Flotation angesetzt, um Wurmeier und Coccidien zu suchen. Die am häufigsten gefundenen Wurmeier sind Oxyuren. Entwurmt wird mit:

- Panacur® 10 % 0,5 ml/kg KG zweimal im Abstand von 10 – 14 Tagen.

- Molevac® 0,5 – 1 ml/kg KG zweimal im Abstand von 10 – 14 Tagen. Achtung, färbt den Kot rot!

- Welpan® 1 ml/kg KG zweimal im Abstand von 10 – 14 Tagen.

- Coccidien werden mit Baycox® (5 % 0,4 ml/ kg KG zweimal im Abstand von 10 – 14 Tagen. 2,5 %ig ist zur oralen Gabe ungeeignet, weil es die Maulschleimhäute verätzt) behandelt und Hefen mit Nystatingaben. Gegen Flagellaten wird Metronidazol gegeben.

Das Terrarium muss gründlich gereinigt und desinfiziert werden. Ideal sind dafür Dampfreiniger, weil sie ohne chemische Stoffe arbeiten. Kohlenhydratreiches Futter wie Getreide oder Obst fördert die Entstehung von Hefen und sollte deshalb vermieden werden. Liegt ein Befall mit Hefen vor, ist ohne Futterumstellung kein Therapieerfolg zu erzielen.

Compliance des Besitzers

Damit die Tiere solche Probleme nicht entwickeln, brauchen sie eine abwechslungsreiche und sorgfältig zusammengesetzte Ration. Dazu müssen die Besitzer motiviert werden, sich mit den verschiedenen Futterpflanzen auseinanderzusetzen. Wer im ländlichen Raum wohnt, kann dazu ermutigt werden, Futterpflanzen zu sammeln. Neben einer gewissen Bequemlichkeit ist es vor allem die Angst, etwas Giftiges zu verfüttern, was die Besitzer davon abhält, Wildkräuter zu suchen. Sind die Besitzer unsicher, was ihre botanischen Kenntnisseangeht, so ist ein gutes Bestimmungsbuch wichtig.

In Stadtgebieten ist es schwer, Futterpflanzen zu finden, die nicht durch Straßenverkehr oder Hunde vorbelastet sind. Hier sollten vor allem Pflanzen empfohlen werden, die im Handel erhältlich sind: Basilikum, Koriander, Zitronenmelisse, Petersilie, Kresse, Majoran, Thymian, Bohnenkraut, Kriechendes Schönpolster (Golliwog), Gänsekressen, Nachtkerzen, Malven, Glockenblumen, Tausendschön, Fette Henne, Frauenmantel, Hibiskus, Kapuzinerkresse, Margerite, Ringelblumen, Sonnenblumen, Stiefmütterchen, Vergissmeinnicht.
Bei Bartagamen und Grünen Leguanen kann auch etwas Gemüse gefüttert werden, z.B. Zucchini, Paprika, Chicorée oder Kohl. Bei Echsen kann man auch ergänzend Keimfutter selbst ziehen. Entsprechende Ansatzbehälter samt Keimgut und Anleitung gibt es in Bioläden. Für Schildkröten sind Gemüse und Keime zu eiweißreich. Hier lohnt sich ein Ansatz nicht, weil mehr als einige Sprossen am Tag schon zu viel wären. Schildkröten sollten zu dem Grünfutter stets Heu angeboten bekommen. Der hohe Rohfasergehalt fördert die Verdauung. Überbesorgte Besitzer, die unbedingt sehen wollen, dass das Tier täglich etwas frisst, haben meist schnell verwöhnte, verfettete Tiere, die bis auf den als Futter völlig ungeeigneten Eisbergsalat nichts anrühren. Hier ist die Ermutigung abzuwarten, auch wenn das gesunde Futter verschmäht wird, der Schüssel zum Erfolg. Eine gesunde Schildkröte kommt gut ein paar Tage ohne zu fressen aus.

drheidbrink@arcor.de

HKP 5 / 2009

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 5 / 2009.
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Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.