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Die Kaninchenimpfung bleibt aktuell

Schutzschirm für Langohren

Bekanntermaßen sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele Infektionskrankheiten unserer Haustiere durch eine gute Impfmoral stark zurückgegangen. So empfiehlt auch die Ständige Impfkommission Vet. (StIKo Vet.) grundsätzlich, viele Tiere einer Population zu impfen, das einzelne Tier aber zur Erhaltung einer ausreichenden Immunität so wenig wie eben möglich [1].

Die besondere Situation für die Spezies Kaninchen, die einerseits mit zunehmender Tendenz einzeln oder in Kleingruppen als Heimtiere gehalten werden, andererseits als Nutz- und Ausstellungstiere in großen Beständen leben, soll an dieser Stelle aktuell betrachtet werden.

Schutz vor bedeutsamen Infektionskrankheiten

Die viral bedingte Myxomatose hat sich seit 1952 von Frankreich aus schubweise europaweit verbreitet und ist zu einer bodenständigen Seuche geworden [2, 3]. Der wichtigste Übertragungsweg für das Myxomatosevirus ist der über Stechmücken. Auch über unbelebte Vektoren und den direkten Kontakt mit erkrankten Tieren kann eine Infektion erfolgen. Erste Symptome treten nach 3- bis 10-tägiger Inkubationszeit auf. Danach sind verschiedene Verlaufsformen vom hochakuten Infekt mit Nasenausfluss, Schwellung der Augenlider, Mund, Nase, Ohren und äußeren Geschlechtsorgane über milde Formen bis zur stummen Infektion möglich. Auch atypische Formen mit Störungen der Fruchtbarkeit kommen vor. Viele akut infizierte Tiere sterben nach ein bis zwei Wochen, während stumm infizierte Kaninchen als Erregerreservoir eine Gefahr für den Bestand darstellen [2,3].
Die Chinaseuche (=Rabbit Haemorrhagic Disease) ist eine durch ein Calicivirus hervorgerufene hochansteckende Kaninchenerkrankung mit großer Mortalität. Die Krankheit ist seit 1984 in China und seit 1988 auch bei uns in Europa aufgetreten. Das sehr umweltresistente RHD-Virus verursacht überwiegend perakute und akute, seltener milde Krankheitsformen mit blutigem Nasensekret, Fieber, Apathie, Atemnot bis zu Erstickungskrämpfen und Hepatitis [2, 3]. Die Virusübertragung erfolgt über den direkten Kontakt zu infizierten Tieren, aber auch indirekt über Kleidung, Futter und Arbeitsgeräte. Ein bedeutendes Erregerreservoir sind infizierte Wildkaninchen [2,3]. Sowohl die Myxomatose als auch die RHD stellen eine Gefahr für größere Kaninchenbestände wie auch für das einzeln gehaltene Heimtier dar.
Die Rhinitis contagiosa cuniculi, der so genannte ansteckende Kaninchenschnupfen, ist eine vorwiegend enzootisch vorkommende Infektion, verursacht durch Pasteurella multocida als Haupterreger. Häufig wird der Infekt durch Sekundärerreger wie Bordetella bronchiseptica, Staphylococcus aureus und Pseudomonas aeruginosa verkompliziert. Die Erkrankung ist eine klassische Faktorenkrankheit, das heißt, schlechtes Stallklima, überhöhte Besatzdichte, Futtermängel und weitere Faktoren fördern die Erkrankungshäufigkeit. Die Symptomatik reicht von Niesen, Nasenausfluss, Conjunctivitis, Otitis media und interna bis zur Bronchopneumonie. Todesfälle sind ebenfalls möglich [2,3].

Retrospektive Betrachtung des Impfverhaltens in Deutschland

In einer Analyse des eigenen Patientenguts über die Jahre 2007 bis 2011 zeigte sich eine weitestgehend konstante Zahl an durchgeführten RHD-Impfungen pro Jahr [4]. Ähnliche Aussagen findet man im Impfreport 2009, dem eine Analyse der Jahre 2005 bis 2008 zu Grunde liegt: Hier findet man einen Zuwachs von lediglich 1 % über einen Zeitraum von 3 Jahren, was man sicherlich auch mit Konstanz bezeichnen kann [5]. Die gleich bleibend hohe Impfbereitschaft der Kaninchenzüchter und -halter lässt sich einerseits mit einem beständig hohen Infektionsdruck, andererseits mit der vielfach bestehenden Impfpflicht auf Ausstellungen erklären. Beim Vergleich der jüngsten RHD-Meldungen aus den Jahren 2011 und 2012 [6, 7] fällt auf, dass kaum Unterschiede in den Verbreitungsgebieten der Chinaseuche, also auch kein weiterer Rückgang der Erkrankungshäufigkeiten, bestehen. Die Bedeutung der RHD-Schutzimpfung bleibt also aktuell!
Anders sieht es bei der Myxomatose aus: Von 2005 bis 2008 gab es eine Zunahme von 25 % bei den Myxomatoseschutzimpfungen (davon 46 % in westlichen, 11 % in östlichen Bundesländern) [5]. Auch im eigenen Patientengut gab es von 2007 auf 2008 eine sprunghafte Zunahme bei der Zahl der Impfungen, danach jedoch nur geringe Zuwächse [4]. Steigende Impfbereitschaft hat idealerweise sinkende Erkrankungszahlen zur Folge: So zeigten die Myxomatosemeldungen dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr 2011 massiv weniger gemeldete Erkrankungen [8, 9].

Die Impfuntersuchung

Die Voraussetzung für das Erreichen einer ausreichenden Immunität nach durchgeführter Schutzimpfung ist – unabhängig von der Spezies – immer die Impfwürdigkeit des Impflings [10]. Somit gilt es sowohl für das einzeln gehaltene Heimtierkaninchen als auch für große Bestände, eine gründliche Impfuntersuchung durchzuführen.
Bei der Bestandsuntersuchung ist neben der Begutachtung der Tiere die Überprüfung von Umwelt-, Haltungs- und Fütterungsbedingungen vordergründig; zu beurteilen sind Käfigstandorte, Stallklima (Ammoniak, Feuchtigkeit, Zugluft), Platzbedarf und Besatzdichte, Pflegemaßnahmen, Hygiene, Parasitenbekämpfung und nicht zuletzt die Futterqualität [10]. In einem ausführlichen Impfgespräch ist für den jeweiligen Bestand die Impfstrategie zu erörtern und festzulegen: Welcher Impfzeitpunkt ist der richtige (Ausstellungsbesuche, Zucht)? Werden alle Tiere eines Bestandes regelmäßig schutzgeimpft? Werden vor der Im pfung Maßnahmen zur Beseitigung von Endo- und Ektoparasiten durchgeführt?
Etwas anders gestaltet sich die Impf untersuchung des Einzeltieres. Diese stellt einen wichtigen 1- bis 2-mal jährlichen Kontrolltermin für den Tierhalter dar: Der Impfling wird einer gründlichen allgemeinen Untersuchung unterzogen. Dabei sollte routinemäßig auch eine Kontrolle des Gebisses erfolgen, die in vielen Fällen behandlungswürdige Zufallsbefunde erkennen lässt. Ein großer Teil der betroffenen Kaninchen zählt zu den Dauerpatienten, die anschließend regelmäßig zur Gebisskorrektur die Praxis aufsuchen. Oftmals stößt man auch auf Untersuchungsbefunde, die als Technopathien bezeichnet werden und auf Haltungsfehler zurückzuführen sind – allem voran die Pododermatitis!
Auch beim Heimtierkaninchen ist das Impfgespräch mit dem Tierbesitzer von großer Bedeutung; der Tierarzt ist wichtigster Berater für den Tierhalter in allen Fragen zur Gesunderhaltung, Pflege und artgerechten Unterbringung des geliebten Haustiers. Mit einem ausführlichen und umfangreichen 1- bis 2-mal jährlichen Vorsorgetermin sichert er die Bindung des Heimtierbesitzers an sich und seine Praxis.

Praxistipp

Bauen Sie den halbjährlichen bzw. jährlichen Impftermin Ihrer Heimtierpatienten zu einem feststehenden Ereignis für den Tierhalter aus und bieten Sie ein Rundum-sorglos-Paket: Untersuchung auf Impffähigkeit, regelmäßige Gebisskontrolle, Überprüfung von Fütterung und Haltung zu Prophylaxezwecken einschließlich Beratungsgespräch, Pflege und Kürzen der Krallen.
Nutzen Sie die Instrumente der Impferinnerung und protokollarischen Dokumentation der Impfuntersuchung (wie bei Hund und Katze üblich) zur Kundenbindung und vergessen Sie dabei die Kinder als große Gruppe der Heimtierkaninchenhalter nicht!

Literatur bei der Autorin

Foto: © Dr. Dorothee Nadol-Liedhegener

HKP 7 / 2012

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 7 / 2012.
Das komplette Heft zum kostenlosen Download finden Sie hier: zum Download

Der Autor:

Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
Prof. Dr. Arwid Daugschies, Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät – VMF
„hundkatzepferd serviert dem Leser den aktuellen Wissensstand in leicht verdaulicher Form. In Zeiten einer erdrückenden Informationsflut tut es gut, wenn solides Wissen auch in erfrischend entspannter Art angeboten wird.“
Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.