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HKP-2-2009 > Und allen geht’s gut

Und allen geht’s gut

Der Einsatz von Tieren in der Therapie und Pädagogik hat eine lange Tradition. Bereits am Ende des 18. Jahrhunderts wurden Tiere für therapeutische Zwecke verwendet [1]. Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde dieser Möglichkeit der Therapie verstärktes Augenmerk geschenkt und seither die praktischen Erfahrungen durch wissenschaftliche Studien untermauert.

In Österreich gründete Dr. Gerda Wittmann auf Grund ihrer Erfahrungen in Australien im Jahre 1987 einen Arbeitskreis „Tiere als Therapie“ (TAT), woraus 1991 der gleichnamige gemeinnützige Verein mit zur Zeit etwa 900 Mitgliedern entstand, Zweigstellen in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Slowenien und Ungarn hat, in dem über 250 ausgebildete Teams in verschiedenen Einrichtungen tätig sind und zusätzlich etwa 100 bei TAT ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer ihr eigenes Tier in ihrer Klasse regelmäßig einsetzen. Ein Team besteht jeweils aus einer Person und einem oder mehreren Tieren.

Verschiedene Aktivitäten

Die tiergestützten Aktivitäten (TGA) gliedern sich in drei verschiedene Bereiche: in tiergestützte Therapie, tiergestützte Pädagogik und tiergestützte Fördermaßnahmen. Unter tiergestützter Therapie versteht man alle Maßnahmen, bei denen durch den gezielten Einsatz eines Tieres positive Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten von Menschen erzielt werden. Das gilt für körperliche wie für seelische Erkrankungen. Es handelt sich also um eine spezifische Form der Therapie sowohl bei physischen als auch psychischen Erkrankungen. Die positiven Wirkungen bei Herz-Kreislauferkrankungen sind in mehreren Studien nachgewiesen, ebenso die günstige Beeinflussung der Grob- und Feinmotorik in der Rehabilitation nach Unfällen, bei Behinderten oder Patienten mit neurologischen Störungen sowie die Motivation zum körperlichen Training im geriatrischen Bereich. Die ursprüngliche therapeutische Verwendung von Tieren fand in der Psychiatrie statt, wo sie auch heute einen wichtigen Platz einnimmt. Die Erfolge bei depressiven Patienten, bei Parkinsonismus und Morbus Alzheimer sowie bei Drogenabhängigkeit sind unumstritten.
In der Heilpädagogik hat sich der Einsatz von Tieren bei verhaltensauffälligen Kindern, insbesondere bei hyperaktiven und autistischen Kindern bewährt. Neben der Heilpädagogik haben sich auch günstige Effekte in der normalen Pädagogik gezeigt, wobei zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer von einer Erhöhung der Aufmerksamkeit, einer Verbesserung der Motivation und Förderung des Sozialverhaltens der Schülerinnen und Schüler bei Anwesenheit eines Tieres in der Klasse berichten. Auch eine Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit wird durch die nonverbale Kommunikation mit Tieren erzielt. In der Salutogenese, der Erhaltung der Gesundheit, spielt der Kontakt mit Tieren eine bedeutende Rolle. Die positiven Einflüsse von Haustieren auf die Gesundheit des Menschen werden in mehreren Studien belegt, wobei auch die Einsparungen an Sozialausgaben teilweise quantifiziert werden. Die Verbesserung der Lebensqualität durch den Kontakt mit Tieren wird vor allem in der Betreuung von älteren Personen deutlich.

Hund, Katze, Pferd

Für den Einsatz eignen sich verschiedene Species (kleine Nager, Kaninchen, auch landwirtschaftliche Nutztiere), am häufigsten werden jedoch Hunde, Katzen und Pferde (Hippotherapie) für die tiergestützten Aktivitäten verwendet. Die Tiere müssen klinisch gesund, frei von Ekto- und Endoparasiten und von geeignetem Wesen sein und dürfen keine schmerzhaften Veränderungen des Bewegungsapparates aufweisen. Diese Voraussetzungen sind in regelmäßigen Abständen durch eine tierärztliche Untersuchung nachzuweisen. Aus Gründen des Tierschutzes muß sowohl die Ausbildung als auch der Einsatz möglichst stressarm sein.

Ausbildung

TAT befürwortet ein dreistufiges Ausbildungssystem: eine von TAT durchgeführte Basisausbildung, einen Universitätslehrgang, der von der Veterinärmedizinischen Universität Wien angeboten und von TAT initiiert, organisiert und betreut wird sowie ein eigenes interuniversitäres Studium „Mensch-Tier-Beziehung“.
Die Basisausbildung ist in detaillierten Ausbildungsrichtlinien geregelt. Die abschließende Prüfung besteht aus einem schriftlichen Test, aus einem praktischen Teil sowie aus mindestens fünf Assistenzbesuchen in verschiedenen Einrichtungen in Begleitung eines erfahrenen Teams. Das geprüfte Therapieteam erhält einen Ausweis, das Tier eine Kennzeichnung als Therapietier. Das Team wird von TAT einvernehmlich bestimmten Einrichtungen zugeteilt. Es ist durch den Verein versichert. Das Team hat sich einer jährlichen Nachkontrolle zu unterziehen. Mit Ausnahme einer geringfügigen Aufwandsentschädigung (Fahrtkosten) arbeitet das Team ehrenamtlich. Der berufsbegleitende vertiefende Universitätslehrgang „Tiergestützte Therapie und tiergestützte Fördermaßnahmen“ dauert vier Semester mit insgesamt 306 Unterrichtsstunden geblockt zu je vier Wochenenden pro Semester. Das Ziel ist die Qualifikation zur „akademisch geprüften Fachkraft für tiergestützte Therapie und tiergestützte Fördermaßnahmen“. Lehrgangsabsolventinnen und –absolventen sind qualifiziert für ein eigenverantwortliches tiergestütztes therapeutisches und gesundheitsförderndes Arbeiten im Rahmen von Institutionen oder in der freien Praxis. Voraussetzungen für den Abschluss sind Teilnahme an den Seminaren, Absolvierung von Praktika, Abgabe einer Hausarbeit, eine positive schriftliche Prüfung über theoretische Inhalte der verschiedenen Fachbereiche und eine 30-minütige Präsentation der Hausarbeit. Für das geplante interuniversitäre Studium „Mensch-Tier-Beziehung“ wurde ein Curriculum eines Bachelor- Studiums (6 Semester) ausgearbeitet. Es soll gemeinsam an der Universität Wien, der Medizinischen Universität Wien und der Veterinärmedizinischen Universität Wien eingerichtet werden.

Zukünftige Entwicklung

Ziel ist, die tiergestützte Therapie als anerkannte Therapieform zu etablieren und einen eigenen Berufsstand einzurichten. Diesbezügliche Verhandlungen mit den zuständigen Behörden sind im Gange. Voraussetzung hierfür ist eine hohe Qualität der Ausbildung. Um diese in den EU-Mitgliedsstaaten zu gewährleisten, wurde 2004 die European Society for Animal Assisted Therapie (ESAAT) gegründet. Diese Vereinigung soll auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit in Forschung und Lehre sowie die Weiterbildung international erleichtern. Aus verschiedenen Gründen gewinnt die Mensch-Tier-Beziehung an Bedeutung. Es sind daher verschiedene Berufsstände, insbesondere auch die Veterinärmediziner, aufgerufen, den tiergestützten Aktivitäten Aufmerksamkeit zu schenken und sich aktiv einzubringen.
Für alle, die sich weiter informieren wollen, sei auf www.tierealstherapie.org und www.esaat.org verwiesen.

josef.leibetseder@vu-wien.ac.at

Literatur
[1] Jurcik, W. (1986): Hund als Therapie. Österr. TierärztezeitungHeft 7/8, 2-10.

HKP 2 / 2009

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 2 / 2009.
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