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„Das Problem löst man nicht allein im Stall“

„Das Problem löst man nicht allein im Stall“

Antibiotikaresistenzen – ein gemeinsames Problem von Human- und Tiermedizin

Ist die Nutztiermedizin Schuld an Antibiotika­resistenzen beim Menschen? Manche Medienberichte und auch Politiker argumentieren so. Ein gemeinsames Symposium von Human- und Tiermedizin wird deshalb auf dem bpt-Kongress im Oktober in München die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Risikobewertung und öffentlicher Wahrnehmung zum Thema machen. Einer der Referenten ist Prof. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). hundkatzepferd hat vorab mit ihm gesprochen.

Herr Professor Hensel, Sie haben gesagt: „Das Problem der Antibiotikaresistenzen in der Human­medizin kann man nicht allein im Stall lösen.“ Warum nicht?

Antibiotikaresistenzen entstehen und verbreiten sich überall dort, wo antibiotisch wirkende Substanzen eingesetzt werden. Dabei spiegeln Bakterien die Situation in ihrem jeweiligen Umfeld wider. Bakterien aus dem Tierstall verdeutlichen die dortige Situation, also die Herkunft der Bakterien und das Ergebnis des im Tierstall herrschenden Selektionsdrucks. Im Krankenhaus ist das Bild ein anderes als im Stall. Es werden andere Antibiotika eingesetzt, die Eintragswege und Verschleppungswege sind andere, das Hygieneniveau ist höher. Infektionen stehen zum Teil im Zusammenhang mit medizinischen Eingriffen oder intensivmedizinischer Betreuung. Bakterien im Krankenhaus unterscheiden sich daher häufig von denen, die wir aus Tierställen isolieren können. Resistente Bakterien können aber auch außerhalb von Krankenhäusern und damit in der Allgemeinbevölkerung ein Problem darstellen. Auch hierfür gibt es viele Ursachen und Faktoren, die dazu beitragen, und nicht alles steht im Zusammenhang mit Tieren. Manchmal werden resistente Bakterien auch mit den Menschen in die Krankenhäuser eingetragen. Sei es, weil Menschen die Keime über den Kontakt mit Tieren erworben haben, wie dies häufig bei Tierärzten und Landwirten der Fall ist. Im Falle von Bakterien, die über Lebensmittel verbreitet werden können wie Salmonellen oder Campylobacter, aber auch E. coli, erfolgt der Eintrag solcher resistenter Keime ins Krankenhaus oft auch durch Menschen aus der Allgemeinpopulation. Das trägt dann zusätzlich zu den Problemen im Krankenhaus bei, ist aber nicht die Hauptursache.

Wo kann und muss man das Resistenzproblem dann lösen?

Für die Klinik beim Menschen sind die zuständigen Humanmediziner gefordert, durch entsprechende Maßnahmen die Resistenzbildung einzudämmen. In der Tierhaltung geht es darum, einerseits durch Zucht, Fütterung und Haltung robuste Tiere zu haben, die dann durch gute Hygiene- und Impfprogramme vor Infektionen geschützt werden. Durch diese Kombination können infektiöse Erkrankungen und damit die Notwendigkeit des Antibiotikaeinsatzes zur Behandlung erkrankter Tiere minimiert werden. Generell gilt, dass fast alle Maßnahmen, die zur Zoonosebekämpfung eingeleitet werden, letztlich auch einen die Antibiotikaresistenz minimierenden Effekt haben. Es lohnt sich daher, ganzheitliche Strategien zur Infektionsprophylaxe anzuwenden. Ein zweiter Ansatz kann darin bestehen, bestimmte, für die Humanmedizin besonders wichtige Antibiotika von der Verwendung im Tierstall auszuschließen. Weiterhin gilt es, entlang der ganzen Lebensmittelkette die Verbreitung resistenter Bakterien zu reduzieren. Das ist keine neue Forderung, denn auch andere, nicht resistente Keime sollen nicht vom Tier auf das Lebensmittel verschleppt werden. Es gibt keine keimfreie Tierhaltung, also müssen wir bei der Lebensmittelgewinnung dafür sorgen, dass die Bakterien aus dem Intestinaltrakt solcher Tiere nicht auf den Schlachtkörper gelangen.

Hat das BfR einen Überblick, wie sich Resistenzen in Deutschland entwickeln und vor allem, auf welchen Wegen sie sich vorrangig
verbreiten?

Wir haben durch das nationale Resistenzmonitoring, aber auch durch den engen Austausch mit den anderen EU-Mitgliedstaaten einen sehr guten Überblick über die in der Lebensmittelkette vorhandenen resistenten Keime. Wir wissen, dass unterschiedliche Bakterien spezifische Ausbreitungsmuster aufweisen. Beispielsweise können Salmonellen sehr gut über Lebensmittel verbreitet werden. Dagegen wird Staphylococcus aureus zwar regelmäßig von Lebensmitteln isoliert, dieser Ausbreitungspfad ist aber offenbar für den Menschen nicht von großer Relevanz. Für uns bedeutet das, dass die Schwerpunkte je nach Bakterienart und Wirtsspezies jeweils andere sind. Letztlich werden unsere Aktivitäten daran gemessen werden, ob es gelingt, dass die Übertragung resistenter Keime vom Tier auf den Menschen vermindert wird.

Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen: „Man muss das Resistenzproblem aus Sicht des Bakteriums betrachten?“

Die Ausbildung von Resistenzen ist eine Überlebensstrategie der Bakterien, der menschlichen Strategie der medikamentösen Bekämpfung von Infektionen zu entgehen. Da Resistenzen häufig auf hochmobilen und daher leicht zwischen Bakterien austauschbaren Genabschnitten liegen, können sie von solchen für uns harmlosen Bakterien jederzeit auf Krankheitserreger übertragen werden. Wir haben wohl zu lange die Resistenzproblematik allein mit dem Blick auf die krank machenden Bakterien betrachtet, quasi mit der klinischen Brille. Resistenzen entstehen und verbreiten sich aber auch horizontal zwischen allen anderen Bakterien, deshalb müssen diese in eine Überwachung und ein Monitoring mit einbezogen werden. Dies gilt nicht nur für Pathogene, sondern auch für sämtliche Kommensalen.

Konzentriert sich die öffentliche Debatte mit markigen Formulierungen – „Antibiotikaresistenzen sind eine tickende Zeitbombe“/„Wir steuern auf ein postantibiotisches Zeitalter zu“ – womöglich zu sehr auf die „Wirksamkeit des Medikamentes“ und nicht die „Verbreitung der Bakterien“?

Nein, das tut sie nicht. Die Wirksamkeit der Antibiotika ist ein hohes Gut, das vielen Menschen und Tieren viel Leid erspart. Das Problem scheint mir eher die omnipräsente, alltägliche und gleichzeitig preisgünstige Verfügbarkeit dieser Stoffklassen in der Therapie zu sein. Ein Blick auf die internationale Situation bei Mensch und Tier unter Berücksichtigung der Entwicklungs- und Schwellenländer mit ihren ständig steigenden Resistenzraten zeigt uns, dass dieses Problem mittlerweile eine globale Dimension angenommen hat. Der internationale Handel, der Warenverkehr und auch der Tourismus tragen das ihre dazu bei. Wir haben uns als Menschheit schlicht daran gewöhnt, dass bakterielle Infektionen behandelbar sind und wir haben uns deshalb auch zu wenig um die Vorbeugung gekümmert, weder im Krankenhaus noch im Tierstall. Die einzige Möglichkeit, langfristig die Wirksamkeit dieser Mittel zu erhalten, ist, sie möglichst selten einzusetzen, nämlich nur dann, wenn es unbedingt nötig ist.

Herr Professor Hensel, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Foto: © istockphoto.com | Marc Dufresne

HKP 6 / 2015

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 6 / 2015.
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