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Gesundheitsgefahr aus dem „Untergrund“

Krankheitserreger und Fliegen im Güllekanal

Trotz penibler Reinigung des Schweinestalls mit Hochdruckreiniger, hochwirksamen Reinigungsmitteln und einer abschließenden Oberflächendesinfektion kehren nach der Neuaufstallung der Ferkel die alten Probleme zurück: Durchfallerkrankungen wie die Dysenterie und eine nicht
enden wollende Fliegenplage. Nicht nur der Landwirt stellt hier die Frage nach den Ursachen – Hans-Jürgen Klasse geht diesen auf den Grund und erläutert Bedeutung und Maßnahmen einer umfassenden Stallhygiene.

Die Restgülle – ein unterschätztes Erregerpotenzial

Aus arbeitswirtschaftlichen Gründen ist es in der Praxis nur selten möglich, bei der Stallreinigung auch die Güllekanäle unter dem Spaltenboden restlos zu entleeren, zu reinigen und zu desinfizieren. Doch die bei der Oberflächendesinfektion eingesetzten Wirkstoffe bleiben in der Gülle weitgehend wirkungslos. Die im Stall verbleibende Restgülle stellt somit für Krankheitserreger und Stallfliegen ein geradezu ideales Medium dar, um die Zeit bis zur Ankunft neuer Schweine zu überbrücken. So können die Erreger der Dysenterie, die Brachyspiren, die im Kot bei Stalltemperatur nur eine Überlebensdauer von etwa zwei Wochen haben, in der Gülle dank des anaeroben Milieus bis zu acht Monaten lang infektiös bleiben [1]. Zusätzliche Brisanz erhält die Restgülle als Infektionsquelle durch das verstärkte Auftreten antibiotikaresistenter Brachyspiren [2]. Das bedeutet, dass nach einer Medikation die verbliebenen Erreger Resistenzen aufweisen können und daher vor der Aufstallung neuer Tiere nach Möglichkeit eliminiert werden sollten.
Als Vektoren für die Brachyspiren und andere Erreger in den Fäkalien fungieren vor allem die aus der Gülle in Massen schlüpfenden Fliegen. Sie tragen die Erreger „aus dem Untergrund“ wieder nach oben in den Aufenthaltsbereich der Schweine und lösen dort neue Infektionen aus. Dabei sollte man bedenken, dass 80 % bis 85 % der Individuen einer Fliegenpopulation sich stets im Ei- oder Larvenstadium befinden. Die Fliegenbekämpfung muss sich daher immer auf sämtliche Entwicklungsstadien erstrecken, sonst kappt man immer nur „die Spitze des Eisbergs“. Im gereinigten Stall ist die Restgülle das wichtigste Reservoir an Fliegeneiern und -larven. Gelingt es, neben den adulten Fliegen gleichzeitig auch die Fliegenbrut in der Gülle auszuschalten, bricht die Population zusammen und es dauert dementsprechend lange, bis sich eine neue Population aufgebaut hat.

Ganzheitliches Hygienekonzept ist gefragt

Ein umfassendes Hygienekonzept fängt nicht erst bei der Stallreinigung an und hört auch nicht mit der Oberflächendesinfektion auf. Eine wichtige Grundvoraussetzung ist die konsequente Einhaltung des „Rein-Raus-Verfahrens“. Das bedeutet, dass stalloder abteilweise wirklich alle Tiere gleich- zeitig ein- bzw. ausgestallt werden. Nur so kann die direkte Erreger-Übertragung von einer Tiergruppe auf die nächste vermieden werden. Als Krankheitsüberträger fungieren auch Ratten und Mäuse, die Brachyspiren in sich tragen und ausscheiden, ohne selbst zu erkranken. Die Bekämpfung dieser Schadnager sollte daher schon einige Wochen vor der geplanten Neuaufstallung einsetzen, damit diese Vektoren rechtzeitig ausgeschaltet werden können. Wenn die Stallhygiene nicht nur „oberflächlich“ betrieben werden soll, muss nach der Stallreinigung auch die unter dem Spaltenboden verbliebene Restgülle hygienisiert werden. Dazu wird die Gülle zunächst so weit wie möglich abgepumpt, damit der zu behandelnde Rest möglichst gering ist. Der verbleibende Güllerest ist zu homogenisieren, d.h. Schwimmschichten und mögliche „Futterberge“ unter den Trogbereichen sind zu zerstören, so dass die Gülle eine ebene, gleichmäßige Oberfläche aufweist.

Dysenterie-Erreger und Fliegen in der Restgülle bekämpfen

Die Behandlung der Restgülle erfolgt mit dem Biozid Alzogur. Dieses wird nach der Stallreinigung mit der Gießkanne oder einem Dosierwagen über dem Spaltenboden verteilt und nach einer kurzen Wartezeit mit viel Wasser sorgfältig in den Güllekanal gespült. Durch die intensive
Blaufärbung des Produktes ist sichergestellt, dass dabei keine Reste übersehen werden. Es vernichtet auf der Unterseite des Bodens und im Güllekanal die Dysenterie-Erreger [3] und sorgt dafür, dass sich in der Gülle keine Fliegenlarven mehr entwickeln können. So werden nicht nur die Dysenterie-Erreger selbst sondern zugleich auch deren Überträger ausgeschaltet.
Der zum Einsatz kommende Wirkstoff ist Cyanamid, das seit Jahrzehnten gegen die Dysenterie-Erreger eingesetzt wird. Doch erst vor kurzem veröffentlichte Forschungsergebnisse zeigten, dass diese Verbindung auch in der Natur vorkommt [4]. So bilden verschiedene Wickenarten und Robinien in ihren Blättern gewisse Konzentrationen an Cyanamid, was ihnen vermutlich eine bessere Resistenz gegenüber Fraßfeinden und Schadpilzen verleiht. Denn in den Zellen zahlreicher Organismen hemmt Cyanamid bestimmte Enzyme, welche die Zellentgiftung bewerkstelligen. Die Aufnahme von Cyanamid führt daher zu einer Anreicherung schädlicher Stoffwechselprodukte. Da das Cyanamid im anaeroben Milieu der Gülle nur langsam abgebaut wird, bleibt die Wirkung gegen Fliegen und Brachyspiren über mehrere Wochen erhalten.

hans-juergen.klasse@alzchem.com

Literatur
[1] Hellwig, E.-G. (2000): Kommt mit der Kälte der Durchfall? Bauernzeitung, 46/2000, 44-45
[2] Vangroenweghe, F. (2010): Recent antimicrobial sensitivity data of Brachyspira hyodysenteriae in Belgium: An analysis of evolution, 2nd European Symposium on Porcine Health Management (2nd ESPHM), 26.–28. Mai 2010, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
[3] Schließer, T. & Rübsamen, S. (1981): Zur Empfindlichkeit des Erregers der Schweinedysenterie Treponema hyodysenteria gegenüber Alzogur. Tierärztliche Umschau, 36, 848-850.
[4] Kamo, T. et al. (2009): Biosynthetic origin of the nitrogen atom in cyanamide in Vicia villosa. Soil Science and Plant Nutrition (Richmond, Australia) 55(2), 235-242.

Foto: © Evgeni Hecht - Fotolia.com

HKP 4 / 2010

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 4 / 2010.
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