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Kolik beim Pferd – Klinik oder konservativ

Magen & Darm

„Kolik“ ist ein Wort, das jeder Pferdebesitzer fürchtet. Unglücklicherweise leiden fast alle Pferde im Laufe ihres Lebens einmal daran. Auch für den praktisch arbeitenden Tierarzt ist die Behandlung von „Kolikern“ immer eine Herausforderung. Besonders für den Berufsanfänger ist es oft schwierig, das große theoretische Wissen mit der Praxis zu vereinbaren.

Die für alle Beteiligten wichtigste Frage ist: Kann eine Kolik vor Ort im Stall behandelt werden oder muss das Pferd umgehend in eine Tierklinik überwiesen werden und ggf. chirurgisch behandelt werden? Im Folgenden werden Erfahrungen beschrieben, die bei einer Entscheidung helfen können.

Kolik ist, wenn der Patientenbesitzer Kolik sagt

In unserer Praxis wird jeder Auftrag als Notfall behandelt, sobald der Kunde das Wort Kolik in den Mund nimmt. So erachten wir es als wichtig, um ein so genanntes Übernahmeverschulden zu vermeiden, sobald wie möglich zu entscheiden, ob eine Kolik vorliegt und wenn ja, wie damit zu verfahren ist. Ein Übernahmeverschulden liegt vor, wenn ein Arzt und/oder eine Klinik bei Übernahme einer Behandlung erkennen musste, dass er/sie die Grenzen des jeweiligen Fachbereichs, der persönlichen Fähigkeiten, der technisch-apparativen Ausstattung oder der Organisationsstruktur überschreitet.

Entscheidungsfindung

Ziele der ersten Beurteilung

// Bewertung des Schweregrades des Schmerzes und des Grades der
Kreislaufbeteiligung

// Suche nach möglichen Kolikursachen (Ätiologie)

// Entscheidung, ob konservativ vorgegangen werden kann oder ob möglicherweise chirurgisch vorgegangen werden muss.

Achtung

// Neubeurteilung bei moderaten Koliken mind. alle zwei Stunden, sodass eine Entscheidung für eine chirurgische
Versorgung eher zu früh als zu spät
getroffen werden kann. Sind die Schmerzsymptome unter Kontrolle, kann der Besitzer regelmäßig kontrollieren.

// Eine frühe und genaue Diagnose von gastrointestinalen Störungen verbessert die Prognose von Kolikoperationen
erheblich [1].

Initiale Untersuchung

// Sind Zeichen für Schmerzen im Bauchraum schon adspektorisch zu
erkennen? (z.B. autoauskultatorische Haltung, „unter den Bauch treten“,
sich wälzen etc.)

// Vitalitätskriterien prüfen (Atmung, Temperatur, Puls, Kapillarrückfüllungszeit, Schleimhäute etc.)

// Auskultation von Herz, Lunge und Abdomen

// Transrektale Untersuchung

// Anwenden der Nasenschlundsonde

// Führt man die initiale Untersuchung gewissenhaft durch, hat man mind. fünf Kriterien, die helfen, eine Entscheidung zu treffen. Sollte eine Untersuchung kein eindeutiges Ergebnis erbringen, helfen die ­anderen bei der Beurteilung.

Notwendige Sorgfalt

Neben der rein medizinischen Heran­gehensweise an das Problem muss sich der praktische Tierarzt auch mit den forensischen Gesichtspunkten der Kolikunter­suchung und -behandlung auseinandersetzen. Hierzu ist es ratsam, den Ratschlägen der Gesellschaft für Pferdemedizin zu folgen, die in ihrer „Auswahl aktueller Leit­fäden zu häufigen tierärztlichen Tätigkeiten in der Pferdepraxis“ den „Standard“ definieren:

So sind folgende Maßnahmen zur Sorgfalt bei der Kolik des Pferdes essenziell:

// Anamnese (kolikassoziierte Informa­tionen)

// Klinische Untersuchung (ggf. verkürzter Untersuchungsgang)

// Transrektale Untersuchung

// Magensondierung (Anwenden der Nasenschlundsonde)

// Ergänzende Untersuchungen wenn nötig

Das Abweichen von der Norm wie z.B. das Auslassen der transrektalen Untersuchung aufgrund der Gefährdung der Gesundheit des Untersuchers, des Besitzers oder des Pferdes ist möglich. Dies ist aber in jedem Falle zu dokumentieren und der Besitzer ist über die daraus evtl. entstehenden Folgen aufzuklären. Das Gleiche gilt für das Nichtanwenden der Nasenschlundsonde bei wehrhaften Patienten oder fehlendem Hilfspersonal.

Tab. 1 Indikationen für eine fortgesetzte medikamentöse Behandlung

// Milde Schmerzsymptomatik

// Gutes Ansprechen auf Analgetika

// Herzfrequenz < 60 Schläge pro Minute

// Negative Rektalbefunde

// Kein Reflux

// Gute oder verbesserte Darmmotilität

// Schleimhäute und Kapillarrückfüllungszeit normal

// Ggf. gute Laborparameter

Tab. 2 Indikationen für eine sofortige ­Verbringung in eine Tierklinik und ggf. ­chirurgische Versorgung

// Mittelgradige bis hochgradige Schmerzsymptomatik

// Kein oder nur kurzzeitiges Ansprechen auf Analgetika

// Herzfrequenz > 60 Schläge pro Minute

// Beginnendes Kreislaufversagen

// Injizierte oder zyanotische Schleimhäute

// Positive Rektalbefunde (z.B. fühlbar aufgegaste Dünndarmschlingen)

// Magenreflux

// Keine oder stark abnehmende Darmmotilität

// Ggf. schlechte Laborparameter (z.B. HKT > 40% und TPP > 75–85g/l)

Kommunikation

Die Kommunikation mit dem Besitzer oder seinem Vertreter ist in jedem Falle von entscheidender Bedeutung und ist nicht selten für die Reputation des Tierarztes wichtiger als der therapeutische Erfolg. Selbst ein maximal negativer Ausgang einer Kolik, die in einer Euthanasie endet, kann für die Reputation des Tierarztes positiv sein, solange der Besitzer zu jeder Zeit informiert und in den Entscheidungsprozess ein­gebunden war. Auch für den Besitzer ist die Überwachung eines Kolikpatienten in Abwesenheit eines Tierarztes eine echte Herausforderung, der er nicht in jedem Falle nachkommen kann oder will. So ist es auch zu überlegen, ob eine Überweisung des Patienten in eine Tierklinik nicht auch ohne Indikation zur chirurgischen Versorgung oder Erlaubnis zur Operation durch den Besitzer angezeigt ist. Für den Tierarzt stellt sich die Frage, ob er in seinem Praxis­ablauf, mit seinem Personal, seiner Ausrüstung und nicht zuletzt mit seinem Wissen in der Lage ist, der jeweiligen Aufgabenstellung nachzukommen.

Vorbereitung zum Transport

Sollte eine Verbringung in eine Tierklinik notwendig sein, gilt es, den Patienten vorzubereiten. Besonders bei unklarer Diag­nose sollte wenn möglich auf die Anwendung von hochpotenten und langanhaltend wirksamen Analgetika verzichtet werden. So wird keine Symptomatik verfälscht. Ist ein Transport aber aufgrund der starken Koliksymptome ohne eine potente Schmerz­ausschaltung nicht verantwortbar oder liegt eine klare Indikation zur Operation vor, ist die analgetische Behandlung nicht mehr kontraindiziert. Bei bestimmten Befunden (z.B. hgr. Reflux) kann es sinnvoll sein, eine Magensonde auch während des Transports im Pferd fixiert zu belassen, um eine sekundäre Magenüberladung zu vermeiden. Die Sedierung eines renitenten Pferdes zum Transport bedarf der Aufklärung ­gegenüber dem Besitzer (Gefahr des Niedergehens etc.). Die Überweisung an die Tierklinik wird möglichst persönlich vorgenommen und sollte nicht dem Besitzer überlassen werden. Der aufgeregte Besitzer als „Nichtfachmann“ ist ggf. nicht in der Lage, alle Befunde korrekt wiederzugeben und bereits angewendete Medikamente richtig zu benennen. Zusätzlich stellt man so in der Regel eine persönliche Rücküberweisung durch die Klinik sicher, was wiederum dem Haustierarzt zugutekommt.

take home

Die Kolikdiagnostik verliert ihren Schrecken, wenn man sorgfältig und strukturiert vorgeht. Vor allem bei unklarer rektaler Diagnose helfen weitere Befunde, die richtige Entscheidung zu treffen.

Literatur:
[1] Ms Roberta Baxter, Prof. Jonathan Naylor, Dr. Chris Whitton Abdomen: pain- adult Vetstream Equis ISSN 1757 – 8272

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HKP 3 / 2014

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 3 / 2014.
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Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
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Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.