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Rehabilitation – aber richtig!

Im Bereich der Physiotherapie finden wir eine Reihe therapeutischer Maßnahmen, mit denen die Schul - und Komplementärmedizin unterstützt werden kann. Das Ziel ist die rasche und vollständige Rehabilitation der Pferde. Dr. Sabine Mai, MAS, Msc, stellt einige einfache Therapieformen anhand ihrer physikalischen Eigenschaften, ihrer Wirkung auf das Gewebe und auf die Zellstrukturen vor.

Thermotherapie

Sowohl Kälte, die meist in Form von Kaltwasserangüssen zur Verfügung steht, als auch Wärme in Form von Solarien und Wärmebandagen gehören schon lange zur Pferdepflege beim Sportpferd. Wie bei vielen alltäglichen Verrichtungen kann man diese sehr wirkungsvollen Therapieformen jedoch deutlich wirksamer und natürlich auch deutlich differenzierter einsetzen.

Kälte

Unter lokaler Kälteeinwirkung kommt es zu einer Herabsetzung der Stoffwechselaktivität. Die Blutgefäße verengen sich – allerdings nur bis ca. 20 Minuten Einwirkzeit –, danach kommt es zu einer reaktiven Weitstellung der Blutgefäße. Durch die Vasokonstriktion entsteht ein stark schmerzstillender Effekt: Es werden weniger Entzündungsmediatoren in das schmerzende Gewebe transportiert, es kommt zur Druckentlastung der Nociceptoren und durch den Berührungsschmerz mit dem kalten Medium werden Endorphine ausgeschüttet. Kälteanwendungen kommen immer dann zum Einsatz, wenn es sich um akute muskulo- skelettäre Erkrankungen, um akute Schübe chronischer Erkrankungen, um Blutungen, um Wundschmerzen oder um Überbelastung handelt. Kälteanwendung steht beim Pferd in den unterschiedlichsten Formen zur Verfügung: der Wasserschlauch, der Kübel voll mit Eiswasser, Cool Packs, Schnee etc. Es ist darauf zu achten, dass durch genügend lange Einwirkzeit und genügend große Oberfläche auch tiefer liegende Strukturen abgekühlt werden. Die optimale Anwendung von Kälte nach einem akuten Trauma sieht demnach so aus: Zuerst wird die Extremität mit einer Stoffunterlage abgepolstert, dann werden die Coolpacks aus der Tiefkühltruhe aufgelegt und mit einer Bandage befestigt. Diese Kältepackung bleibt für 15 Minuten am Bein und wird in 2-Stunden-Abständen beliebig oft wiederholt. Kälteanwendungen sind bei Durchblutungsstörungen und Verminderung der Sensibilität kontraindiziert.

Wärme

Die Anwendung von Wärme erhöht den Metabolismus des Zellstoffwechsels, erhöht den Sauerstoffbedarf der Zelle, vermehrt die Durchblutung und beseitigt Stoffwechselendprodukte Auf schmerzende Areale wirkt Wärme durch die vermehrte Durchblutung und den damit einhergehenden Abtransportalgogener Substanzen schmerzlindernd
und krampflösend, Entzündungsprozesse werden beschleunigt, die Nervenleitgeschwindigkeit wird erhöht. Wärmetherapie wird bei chronischen Erkrankungen, Steifigkeit, bei Arthrosen, chronischer Tendinitis und Tendovaginitis und bei Abszessen empfohlen – hier wollen wir die akute Entzündung und damit die Abszessreifung beschleunigen.
In den Ablauf einer physiotherapeutischen Behandlung lässt sich die Anwendung von Wärme als Vorbereitung auf die Bewegungsübungen hervorragend einbauen. Bei Einschränkung der Beweglichkeit der Gelenke oder bei verkürzten, fibrinös verklebten Gewebe erreicht man durch sorgfältiges Anwärmen und anschließendes Mobilisieren deutlich verbesserte Elastizität der Strukturen und damit eine vergrößerte Range of Motion. Die oberflächliche Anwendung von Wärme in Form von warmen Umschlägen, hyperämisierenden Einreibungen, Infrarotbestrahlungen, warmen Bädern oder Hotpacks dient also nur der Behandlung der oberflächlichen Gewebeschichten bis maximal 1,5 cm Tiefe. Wenn tiefer liegende Strukturen gezielt erwärmt werden sollen, steht dafür der therapeutische Ultraschall zur Verfügung.

Therapeutischer Ultraschall

Hierbei handelt es sich um die medizinische Anwendung von Schallwellen mit mehr als 20 kHz. Die mechanische Wirkung des Ultraschalls besteht aus drei verschiedenen Tatsachen: der Mikromassage der Zellen, der Kavitation und dem Mikrostreaming, wobei es durch Sog- und Wirbelbildungen zur kurzfristigen Destabilisierung der Zellwände kommt und damit die Permeabilität der Zellwände kurzfristig erhöht wird. Die thermische Wirkung des Ultraschalls entsteht durch die schnellen Schwingungen im Gewebe, wobei „Reibungswärme“ freigesetzt wird. Die Eindringtiefe beträgt bis zu 5 cm – abhängig von der gewählten Behandlungsfrequenz. Therapeutischer Ultraschall wird zur tiefen Gewebserwärmung vor Mobilisation und Dehnung, zur Schmerzbehandlung, Narbenbehandlung
und zur Behandlung von Wundheilungsstörungen eingesetzt.

TENS

TENS bedeutet transkutane elektrische Nervenstimulation. Hierbei handelt es sich um eine elektrotherapeutische Maßnahme zur Schmerzbekämpfung, die durch immer wieder kehrende Stimulation der dicken A-Fasern die Schmerzleitung über die dünnen D-Fasern überlagert und damit die Schmerzwahrnehmung blockiert – Gate Control Theory – und außerdem zur Endorphinausschüttung führt. Pferde reagieren mit einer ausgeprägten Aktivierung des Parasympathikus und daraus resultierender Entspannung – sowohl muskulär als auch mental. Die Elektroden werden entweder lokal (auf Schmerzpunkte) oder parallel zur Wirbelsäule im entsprechenden Segment angelegt. Die Einstellungen an den Geräten werden folgendermaßen gewählt: möglichst hohe Frequenz und gut erträgliche Intensität. Die Pferde sollen uns signalisieren, dass sie die Stromanwendung unter den Elektroden wahrnehmen – meist mit Hautzucken oder Anheben der Extremitäten –, aber keine Schmerzen äußern. TENS wirkt schmerzstillend, fördert die lokale Durchblutung, fördert die Wundheilung und kann den Abtransport von Ödemen unterstützen. Daher kann TENS bei muskulären Verspannungen vor und nach der Arbeit eingesetzt werden, bei degenerativen Erkrankungen des Stützapparates zur Schmerzstillung und unterstützend bei Lymphödemen und Wundheilungsstörungen. Empfohlen wird zweimal täglich die Applikation von TENS für ca. 15 Minuten, die Anschaffung von mehreren Leihgeräten und die sorgfältige Schulung der Pferdebesitzer.

Hydrotherapie

In verstärktem Maß stehen die Möglichkeiten der Hydrotherapie zur Verfügung. Hier lassen sich mehrere Therapieformen kombinieren: Kältetherapie mit Massage (Gegendruck des Wassers) und aktive Bewegungstherapie, wobei der verstellbare Wasserpegel im Unterwasserlaufband den Auftrieb so steuert, dass nur die gewünschte Belastung auf die Gliedmaßen gelangt, während beim Schwimmen gar keine Belastung für den Stützapparat gegeben ist. Je höher der Wasserstand, desto höher der Wasserwiderstand, die Atmungs- und Kreislaufbelastung und das Training für die Muskulatur. Da die Pferde oft versuchen, aus dem Wasser herauszutreten, kommt es durch die hohe Aktion zu einer maximalen Beugung der distalen Gelenke. Die Hydrotherapie bedeutet für die Rehabilitation der
Pferde eine immense Verkürzung der belastungsfreien Zeit und damit eine schnellere Widereinsetzbarkeit. Weiterhin können Massage und Bewegungsübungen (passiv und aktiv) therapeutisch und präventiv eingesetzt werden.

physiovet@gmx.at

HKP 5 / 2010

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 5 / 2010.
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„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
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„hundkatzepferd serviert dem Leser den aktuellen Wissensstand in leicht verdaulicher Form. In Zeiten einer erdrückenden Informationsflut tut es gut, wenn solides Wissen auch in erfrischend entspannter Art angeboten wird.“
Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.