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Otitis media bei Hund und Katze – Teil II: Ohrreinigung und Therapie

Ran ans Ohr

Im ersten Teil des Artikels (erschienen in der hundkatzepferd Vet 01.15) sind die Autoren auf die Besonderheiten des Gehörganges beim Kleintier eingegangen und haben die Ursachen für eine Otitis media bei Hund und Katze aufgezeigt. Der zweite Teil des Artikels thema­tisiert ­Ohrreinigung und Therapieoptionen.

Myringotomie

Eine Myringotomie lässt sich über den Abfluss des Sekrets aus dem ­Mittelohr zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken anwenden. Es kommt so zu einer schnellen lindernden Druckentlastung im Mittelohr. Außerdem wird Material zur Untersuchung gewonnen und die Instillation von Medikamenten direkt in die Bulla ist gegeben. Voraussetzung ist ein gut einsehbares TF und ein gründlich gespülter äußerer Gehörgang. Hierfür ist eine Inhalationsnarkose zwingend nötig, damit eine Kontamination der Lunge mit Spüllösung und pathogenen Mikroorganismen über die eustachische Röhre verhindert wird. Eine ausreichende Analgesie – einem chirurgischen Eingriff entsprechend – muss gewährleistet sein. Ebenso wichtig ist die Versorgung des Patienten mit befeuchtenden Augensalben, da eine Gehörgangspülung mit Myringotomie und Mittelohrspülung einige Zeit in Anspruch nehmen kann. Abbildung 1 zeigt die Lagerung mit Intubation und Neigung der Nase nach unten. Das Instrumentarium für die Ohrreinigung wird in Abbildung 2 vorgestellt. Die Myringotomie wird mit geeigneten Kathetern vorgenommen. Auch Spinalnadeln sind geeignet, wie Abbildung 3 zeigt. Es gibt verschiedene Schnittführungen (Abb. 4). Zirkuläre Schnittführung und Parazentese schaffen gute Verhältnisse für eine nachfolgende Endoskopie, allerdings müssen die räumlichen Verhältnisse – wie oben bereits erwähnt – übersichtlich sein. Unter www.ganz-ohr.net/myringotomie kann die Durchführung einer Myringotomie angeschaut werden.


Abb.1 Lagerung eines Patienten zur Gehörgangspülung/Myringotomie
Bild: © C. Bouassiba


Abb.2 Instrumentarium zur Gehörgang­spülung (v. l. n. r.): Ballspritze, Fremdkörperfasszange (Fa. Karl Storz), Storz-Ohrküretten (Fa. Karl Storz), Ohrbürstchen (Fa. Karl Storz), Rüschkatheter, Katerharnkatheter, Dreiwegehahn, Spritzen verschiedener Volumina, ­Videootoskop inkl. Aufsatz mit Arbeitskanal
(Fa. Dr. Fritz).
Bild: © C. Bouassiba


Abb.3 Myringotome (von oben nach unten): Myringotom (Fa. Karl Storz); Spinalkanüle; ­Tränen-Nasen-Kanal-Spülkatheter (Fa. Dr. Fritz).
Bild: © C. Bouassiba


Abb.4 a und b Myringotomie, Inzisionsstellen beim Hund (a) und der Katze (b), Sicht auf das rechte Trommelfell.
Bild: © C. Bouassiba

Werden nach Myringotomie etwa 0,5?ml sterile Kochsalzlösung ins ­Mittelohr verbracht, kann durch Absaugen Material für die Zytologie und für bakteriologische Untersuchungen/Resis­tenz­tests gewonnen werden. Anschließend wird die Bulla sorgfältig unter Schonung sensibler Strukturen im mediodorsalen Bereich mit physio­logischer Kochsalz- oder Ringer­lösungen gespült. So erreicht man neben Druckentlastung auch eine Minimierung der mikrobiellen Belastung. Voraussetzung für den Erfolg einer vorgesehenen Therapie ist die gründliche Spülung, die bis zu einer Stunde Zeitaufwand pro Ohr erfordern kann. Das Einbringen von Ohrreinigern unterschiedlicher pH-Werte in die Bulla mit nach­fol­gendem sorgfältigen Ausspülen erhöht nach eigener Erfahrung den Therapieerfolg über lokale antimikrobielle Wirkung und Potenzierung der Antibiotika. Je nach Schweregrad des Befun­des müssen die Spülungen wiederholt werden. Manche Autoren empfehlen den wöchentlichen Abstand; unter anderem bevorzugen die Autoren aufgrund der besseren Akzeptanz beim Tier­besitzer ein 10- bis 14-tägiges Intervall. Für die medikamentelle Lokaltherapie der OM sind verschiedene Vorgehensweisen beschrieben, Tab.1 nach LINEK (2012) gibt verträgliche Wirkstoffe und deren Konzentrationen zur Anwendung bei der Mittelohrspülung an.


Tab.1 Linek, Otitis media, Diagnostik, ­Video­otoskopie, Proc. Ganz Ohr 1.0 (57-71, Mönchengladbach 2012).

Konservative Therapie

Im akuten Fall wird die medikamentelle Therapie nach Spülung von Gehörgang und Mittelohr zum Erfolg führen. Diese führen wir analog der Vorgehensweise in der Humanmedizin durch (WACKER, 2013) und kombinieren ein systemisch anzuwendendes Antibiotikum nach Antibiogramm und Ototoxizität, alternativ Clindamycin (zugelassen) oder Azithromycin über vier bis sechs Wochen mit einem Kortison, z.B. Pre­dnisolon oral in entzündungshemmender Dosierung. Wichtig ist zudem die orale Gabe eines Sekretolytikums, das den Schleim verflüssigt, damit der Sekretabgang durch die eustachische Röhre wieder stattfindet. In der Veterinärmedizin muss immer die gleichzeitig vorliegende OE lokaltherapeutisch behandelt werden. Auch hier ist auf die Ototoxizität der eingesetzten Phar­maka zu achten.

Ototoxizität

Wenn man Medikamente im Mittelohr anwendet, steht immer die Frage der Toxizität für Hör- und Gleichgewichtsorgan im Raum. Viele Medikamente zur Anwendung am äußeren Ohr setzen ein intaktes TF voraus, weil die potenziell ototoxische Nebenwirkung insbesondere im Mittelohr ein erhebliches Risiko darstellt. Aber auch systemisch verabreichte Medikamente können ototoxisch sein oder die Wirkung von Lokal­therapeutika potenzieren. Als Beispiel seien hier nur Aminoglycoside, antineoplastische Wirkstoffe, Schleifendiuretika und einige Desinfek­tionsmittel wie Essigsäure, Benzalkoniumchlorid und Chlorhexidin genannt. Wenn man also große Vorsicht walten lässt, wird man sich Terhaar (2013) anschließen können, der die in der Tabelle 2 aufgeführten Medikamente als sehr sicher beschreibt.


Tab.2 Nicht ototoxische Medikamente zur Gehörgangspülung (TerHaar, Ototoxicity, Proc. Ganz Ohr 2.0, Mönchengladbach 2013).

Chirurgische Therapie

Ist eine Otitis media konservativ auch über mehrfache gründliche Mittelohrspülungen mit Instillation von Medikamenten in die Bulla nicht kontrollierbar, liegen irreversible pathologische Veränderungen des äußeren Gehörganges/Mittel­ohres oder Neoplasien vor, dann wird eine chirurgische Intervention unumgänglich. Da es sich um einen sehr invasiven Eingriff handelt, sind die Patienten sorgfältig auszuwählen. Es bestehen je nach Befund zwei verschiedene chirurgische Optionen:

// Ventrale Bullaosteotomie (VBO)

// Ablation des äußeren Gehörganges mit ­lateraler Bullaosteotomie (TECA-LBO)

Bei der VBO wird ohne Intervention am äußeren Gehörgang die Bulla nach Zugang von ­ventral (zunächst das Hypotympanikum, dann durch Eröffnen des Septums der Katze auch das Mesotympanikum) eröffnet, eventuelle Polypen entfernt, gespült, kürettiert und nach Einbringen von lokal verträglichen Medikamenten und einer Drainage (Penrose) bei septischer OM verschlossen. Eine bestehende Otitis externa stellt die wichtigste Kontraindikation der ventralen Bullaosteotomie dar, weshalb die VBO eher bei der Katze durchgeführt wird. Sind bei der Katze Ohrpolypen nur aus dem lateralen Teil der Bulla (Mesotympanikum) zu entfernen, kann auch ein lateraler Zugang über Inzision des vertikalen äußeren Gehörganges mit Traktion/Avulsion des Polypen erfolgen. Die TECA-LBO stellt die chirur­gische Option bei gleichzeitiger Otitis externa oder den äußeren Gehörgang involvierenden Neoplasien dar. Hier werden der gesamte vertikale und horizontale äußere Gehörgang und ventrolaterale Teile der Bulla unter Schonung sensibler Strukturen, insbesondere der aus dem Foramen stylomastoideum kommende, ventrocaudal verlaufende N. facials, aber auch die Blutversorgung, entfernt. Die sorgfältige Kürettage der Bulla ist für einen dauerhaften Therapieerfolg von ­immenser Bedeutung. Instillation von verträglichen Medikamenten, Einlegen einer Drainage (Penrose) und mehrschichtiger Wundverschluss erfolgen analog der VBO.

take home

Die Otitis media ist ein diagnostisch und therapeutisch schwierig anzugehender, häufiger perpetuierender Faktor einer chro­nischen Otitis externa. Eine sorgfältige Mittelohrspülung, gegebenenfalls nach Myringotomie, ist neben lokaler und systemischer Medikation für den Thera­pie­er­folg essenziell. Dabei muss auf potenzielle Ototoxizität geachtet werden. Ist die Otitis media konservativ nicht erfolgreich zu therapieren, steht als letzte Option die chirurgische Intervention zur Ver­fügung, um dem Patienten eine gute Lebensqualität zurückzugeben.

Bild: © istockphoto.com| pipalana

HKP 2 / 2015

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 2 / 2015.
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