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Reproduktionsmedizin – mehr als nur Kastration

Heiße Katzen

Während sich vor wenigen Jahren die Reproduktionsmedizin bei der Katze fast nur mit der Kastration beschäftigt hat, nimmt dieser Bereich der Veterinärmedizin mittlerweile eine wichtige Stellung ein und erfordert vom Tierarzt fundiertes Wissen.

Die Katze gehört zu den saisonal polyöstrischen Tieren und wird zu den long-day-breedern gezählt. Ihre sexuelle Aktivität setzt mit zunehmender Tageslichtlänge ein und wird durch abnehmende Tageslichtlängen herabgesetzt. In der nördlichen Hemisphäre erstreckt sich die Phase der sexuellen Aktivität in der Regel von Januar bis Juli bzw. August. Der Eintritt der Geschlechtsreife ist im Alter von 4 bis 21 Monaten zu erwarten, wobei Rassezugehörigkeit, Geburtsdatum und Körperkondition einen Einfluss haben. Der Zyklus der Katze ist in Proöstrus, Östrus, Diöstrus, Interöstrus und Anöstrus zu unterteilen und hat in der Fortpflanzungssaison eine durchschnittliche Länge von 18,1 + 0,9 Tagen. Zudem kann zwischen einem anovulatorischen Zyklus, einem pseudograviden und graviden Zyklus unterschieden werden. Eine Besonderheit der Katze ist die induzierte Ovulation. Durch den koitalen Stimulus des Deckaktes kommt es zu einer LH-Ausschüttung, wodurch die Ovulationen ausgelöst werden. Jedoch sind auch spontane Ovulationen bei der Katze beschrieben. Bleiben die Ovulationen aus, atresieren die Follikel. Entwickelt sich nach den Ovulationen keine Gravidität, kommt es zur Ausbildung einer Pseudogravidität. Ist die Bedeckung dagegen fertil, muss mit einer Trächtigkeitsdauer von durchschnittlich 66 Tagen gerechnet werden.

Rolligkeitsunterdrückung

Bei Zuchttieren, die nur für eine gewisse Zeit aus der Zucht genommen werden sollen, ist häufig eine temporäre Unterdrückung der Fruchtbarkeit erwünscht. Auch bei Katzen, die aufgrund anderer Erkrankungen nicht narkosefähig sind, ist eine Alternative zur chirurgischen Kastration notwendig. Als therapeutische Möglichkeit steht im Moment die Anwendung von Gestagenen, Melatonin- sowie GnRH-Implantaten zur Verfügung. Weitere Alternativen, wie die Immunisierung gegen endogenes GnRH sowie LH sind in der Literatur beschrieben, aber in der Praxis noch nicht erprobt. Auch die Verabreichung von Androgenen ist möglich, spielt in Deutschland aufgrund eines fehlenden Präparats jedoch keine Rolle. Aufgrund der fehlenden praktischen Relevanz, wird auf diese Möglichkeiten nicht weiter eingegangen.

Mithilfe von Gestagenen sind eine Kurzzeit- sowie eine Langzeitunterdrückung des Zyklus möglich. Die Grundlage dieser Methode der Fortpflanzungsunterdrückung beruht auf der Hemmung der GnRH-Ausschüttung. Dies führt zur Reduktion der LH- und FSH-Freisetzung und damit zur Unterdrückung des Zyklus. Als die wichtigsten Vertreter dieser Gruppe in Deutschland sind Medroxyprogesteronactetat sowie Proligeston zu nennen. Werden Gestagene zu einem Zeitpunkt eingesetzt, in dem eine endogene Östrogenproduktion bereits vorhanden ist, besteht die Gefahr der Entstehung einer Pyometra. Aus diesem Grund ist zu einem Behandlungsbeginn im Anöstrus zu raten. Vor allem bei einer langfristigen Anwendung mit Gestagenen ist das Entstehen weiterer Nebenwirkungen zu bedenken. So ist die Gefahr der Induktion einer glandulär-zystischen Hyperplasie des Endometriums, der felinen Fibroadenomatose, des Wachstums von Mammatumoren sowie die Entstehung von Diabetes mellitus zu nennen.

Eine weitere Möglichkeit ist eine Langzeitunterdrückung des Zyklus mithilfe eines GnRH-Implantats. Der Wirkmechanismus beruht auf der kontinuierlichen GnRH-Ausschüttung. Endogenes GnRH wird pulsatil freigesetzt, weshalb eine kontinuierliche Ausschüttung zwar kurzfristig zu einer vermehrten Ausschüttung von LH und FSH führt, danach jedoch kommt es aufgrund des negativen Feedbacks zu einer Herab­regulierung der Gonadotropin-Ausschüttung. Aufgrund dieses Wirkmechanismus kann es nach der Implantation zu einer kurzzeitigen Rolligkeitsinduktion kommen, bevor die Suppression des Zyklus einsetzt. Die Wirkdauer ist mit 483 bis 1.025 Tagen sehr variabel. Diese hohe Variabilität kann bei Zuchtkatzen, die zu einem festgelegten Zeitpunkt wieder in die Zucht gehen sollen, zu Problemen führen. Aus diesem Grund ist die Applikation des Implantates im Bereich des Nabels zu empfehlen. Dort besteht die Möglichkeit, das Implantat zu entfernen und so die Zyklusunterdrückung zu beenden. Nach Beenden der Wirkung zeigen die Katzen eine normale Fertilität. Im Moment ist kein GnRH-Implantat für die Anwendung bei der Katze zugelassen, was die Umwidmung des für den Rüden zugelassenen Medikamentes erforderlich macht.

Als letzte Möglichkeit zur Rolligkeitsunterdrückung ist die Applikation von Melatonin zu nennen. Die Katze gehört zu den long-day-breedern. Bei abnehmender Tages­lichtlänge wird endogenes Melatonin ausgeschüttet und die sexuelle Aktivität nimmt ab. Durch die Applikation von Melatonin wird eine verkürzte Lichteinstrahlung simuliert. Das Verabreichen von Melatonin-­Tabletten ist möglich, jedoch nicht praktikabel. Eine weitere Option besteht in der Gabe eines Melatonin-Implantats. In Studien konnte eine Wirkdauer von drei bis vier Monaten festgestellt werden. Vorteile des Implantats sind die vollständige Reversibilität sowie die geringen Nebenwirkungen. Jedoch ist im Moment kein Melatonin-Implantat in Deutschland zugelassen, sodass es aus dem Ausland bezogen werden muss.

Rolligkeitsinduktion

Bei Katzen, die nicht rollig werden, jedoch zur Zucht verwendet werden sollen, müssen verschiedene Differenzialdiagnosen in Betracht gezogen werden. So sollte anhand des Alters sowie der körperlichen Kondi­tion kontrolliert werden, ob das Tier schon die Geschlechtsreife erreicht hat. Allgemeinerkrankungen, Haltungs- und Ernährungsmängel sowie progesteron-produzierende Zysten und persistierende Corpora lutea können den Zyklus unterdrücken. Sind diese Erkrankungen ausgeschlossen, kann eine Rolligkeitsinduktion mithilfe von 100 IE equinem Choriongonadotropin (eCG), intramuskulär verabreicht, durchgeführt werden. An Tag 2 der Rolligkeit sollte eine Injektion von 100 IE humanem Chorion­gonadotropin (hCG) intramuskulär erfolgen, woraufhin die Katze gedeckt werden kann.

Ovulationsinduktion

Bei Katzen mit Dauerrolligkeit sowie bei der Durchführung von künstlichen Besamungen ist eine Induktion der Ovulationen indiziert. Die Ovulationen können durch die intramuskuläre Applikation von 100 IE hCG ausgelöst werden. Eine weitere Möglichkeit ist das Auslösen eines LH-Peaks durch das vorsichtige Reiben eines Watte­tupfers an der vaginalen Schleimhaut. Um ausreichend hohe LH-Werte für die Induktion der Ovulationen zu erreichen, ist meist eine Wiederholung dieser Behandlung notwendig.

Trächtigkeitsabbruch

Gründe für einen Trächtigkeitsabbruch können vielfältig sein. Wird die Katze direkt nach dem ungewollten Deckakt vorgestellt, kann eine Nidationsverhütung vorgenommen werden. Ist die Trächtigkeit schon vorangeschritten, ist es möglich, diese mithilfe eines Antigestagens zu beenden. Der Einsatz von Östrogenen sowie von PGF2 ist aufgrund der Nebenwirkungen nicht mehr zu empfehlen. Das Antigestagen Aglepriston, das für den Trächtigkeitsabbruch bei der Hündin zugelassen ist, kann auch bei der Katze angewandt werden und zeigt deutlich weniger Nebenwirkungen, als bei der Anwendung von Östrogenen und PGF2 zu erwarten sind. Es empfiehlt sich, bei Katzen eine Dosierung von 15mg/kg einzusetzen. Zur Nidationsverhütung sollte die Applikation von Aglepriston am 5. und 6. Tag nach der Bedeckung erfolgen. Eine frühere Behandlung führt häufig nicht zum Erfolg, weil sich die Embryonen im Zeitraum der antigestagenen Wirkung noch im Eileiter befinden. Die sonografische Kontrolle des Uterus empfiehlt sich am 25. Tag der vermuteten Trächtigkeit, da zu diesem Zeitpunkt in der Regel eine eindeutige sonografische Diagnose gestellt werden kann. Handelt es sich um einen Trächtigkeitsabbruch, werden nach positiver Trächtigkeitsuntersuchung zwei Injektionen ­Aglepriston im Abstand von 24 Stunden verabreicht. Am 7. Tag nach Erstinjektion sollte eine sonografische Untersuchung der Gebärmutter durchgeführt werden, um den Erfolg der Therapie zu kontrollieren. Gegebenenfalls kann eine erneute Injektion von Aglepriston erfolgen. Je früher die Therapie in der Trächtigkeit beginnt, umso höher sind die Erfolgschancen.

take home

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es neben der chirurgischen Kas­tration inzwischen verschiedene Möglichkeiten zur Zyklusunterdrückung gibt. Zudem ist die Beeinflussung des Zyklus nicht nur in Form der Suppression möglich, sondern auch die Rolligkeits- und Ovulationsinduktion spielen eine Rolle. Zur Nidationsverhütung sowie zum Trächtigkeitsabbruch steht mit dem Antigestagen Aglepriston eine relativ sichere und nebenwirkungsarme Möglichkeit zur Verfügung.

Foto: © Katze: svendopp

Stichwörter:
Medroxyprogesteronactetat, Melatonin-Implantats, Melatonin, Rolligkeitsinduktion, Differenzialdiagnosen, Choriongonadotropin, Ovulationsinduktion, Nidationsverhütung, ­Aglepriston,

HKP 4 / 2014

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 4 / 2014.
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