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Biomechanik des Reitpferdes – wie das Fluchttier zum Athleten wird

Harmonische Balance

Die Ausbildung des jungen Pferdes zu einem Reitpferd bedeutet seine Umformung vom Lauftier zum trainierten Sportler. Ein gut gerittenes Pferd befindet sich in natürlicher Balance mit dem Reiter. Der moderne Pferdesport in Deutschland basiert auf ethischen Grundsätzen, die den Umgang mit Pferden und deren Haltung auf eine tiergerechte Basis stellen. Dr. Gerd Heuschmann beleuchtet die biomechanischen Prinzipen, auf denen eine Reitlehre beruht, für die sowohl Tiergesundheit als auch Tierschutz die Grundlagen bilden.

Entwicklung der Richtlinien

In den letzten Jahrhunderten hat sich, je nach geografischer Lage, eine Gebrauchs- oder Militärreiterei entwickelt. Überlieferungen aus den beiden letzten Jahrhunderten liegen unserer „klassischen Reitlehre“ zu Grunde. Die Auffassung hinter der Dressur und der Gymnastizierung eines modernen Sportpferdes unserer Zeit basiert auf den Erfahrungen des Militärs des 19. und 20. Jahrhunderts. Verschiedene Nationen mit ihren Erfahrungen nahmen Einfluss auf die Entstehung der HDV 12, der Mutter der Richtlinien für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) in Warendorf. Unsere Richtlinien basieren also auf alten Erfahrungen, die einerseits die Leistungsbereitschaft, die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit des Pferdes im Fokus haben. Die klassische Reitlehre ist logisch und lässt sich bis ins kleinste Detail biomechanisch erklären. Leider ist in den letzten Jahrzehnten eine
Abkehr von diesen pferdegerechten Leitlinien zu erkennen. In allen Disziplinen und auf allen Ebenen wie auch in der Freizeitreiterei werden die Kernsätze zwar noch gelehrt, man bekommt allerdings den Eindruck, dass sie letztlich nur noch eine Alibifunktion haben. Wirklich ernst nimmt sie niemand mehr. Diese Entwicklung stellt eine große Gefahr für die gesamte Reiterei bzw. Pferdewelt dar, insbesondere unter Tierschutzaspekten. Als Beispiele hierzu sind zu nennen:

- alle Methoden, ein Pferd zwanghaft und unnatürlich beizuzäumen (Rollkur, Schlaufzügelnutzung zur Beizäumung usw.), was sowohl im Spitzen- wie im ländlichen als auch im Freizeitsport zu finden ist,

- alle anderen groben Einwirkungen, die nicht einmalig sind oder in einer Notsituation nötig werden,

- große Unwissenheit im Freizeitsegment im Hinblick auf Pferdehaltung und Reiten (dort wird teilweise aus Unwissenheit gequält).

Biomechanik

Hals und Rumpf

Der Körperbau des Pferdes gibt seinen Ausbildungsweg vor! Dieser Satz beschreibt die Logik, die sich hinter den Ausbildungsrichtlinien verbirgt. Eine zentrale Forderung dieser Philosophie ist der langsame Umformungsprozess eines Lauf- und Fluchttieres zu einem Reitpferd, einem Athleten. Das Lauftier Pferd wird auf einem sehr klar definierten Weg umgeformt und zu einem Athleten entwickelt. Dieser Prozess dauert am Anfang der Laufbahn eines jungen Pferdes relativ lang und ist auch wenig spektakulär! Der Kopf und der Hals des Pferdes spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Das junge Pferd, die Remonte, braucht den Hals in nahezu unbeeinflusster natürlicher Haltung, um das durch den Reiter gestörte Gleichgewicht wiederzufinden. Die horizontal verlaufende Brust- und Lendenwirbelsäule wird durch das Rumpf- und Reitergewicht vertikal belastet und bekommt damit eine völlig neue Bedeutung. Überlässt man dem Rumpf des Pferdes die Tragearbeit, indem man den Hals des Pferdes mechanisch verkürzt (mechanischer Zügelanzug), wird sich dieser verspannen. Die größten Fehler aus biomechanischer Sicht sind hierbei, dass der Reiter zu früh und vor allem aktiv versucht, den Hals mit der Hand zu formen (am Zügel ziehen) oder einen sich selbst einrollenden Hals zu akzeptieren.
Aus einer verspannten Rumpf- und speziell der Rückenmuskulatur entstehen neben den zahlreichen reiterlichen Schwierigkeiten (Anlehnungsprobleme, nicht sitzen können, Verwerfen im Genick, Taktstörungen usw.) auch viele Symptome, die wir Tierärzte häufig mit Lahmheiten verwechseln.

Rücken als Bewegungszentrale

1959 beschreibt Udo Bürger den Begriff der Zügellahmheit sehr genau. Eine durch falsche reiterliche Einwirkung entstandene Bewegungsstörung ist sehr leicht mit einer Lahmheit zu verwechseln. In diesem Zusammenhang spielt auch die natürliche Schiefe (Händigkeit) eines jeden Pferdes eine große Rolle. Der falsche Umgang eines Ausbilders/Reiters mit dieser Schiefe führt sehr häufig zu zumindest taktgestörten oder zügellahmen Pferden. Im Vordergrund der Betrachtung steht der Rücken als Bewegungszentrale. Ist ein Ausbilder nicht in der Lage, den Rücken unverspannt zu erhalten, werden immer zumindest Rittigkeitsprobleme entstehen. Reiter sagen, das Pferd schwingt im Rücken. Da die Rückenmuskulatur, die beiden Stränge des M. Longissimus Dorsi, durch die breite Rückenfaszie mit dem M. Glutaeus Medius und den langen Sitzbeinmuskeln verbunden sind, werden deren positive wie negative Spannungszustände in die Bewegungsmuskulatur der Hintergliedmaßen transportiert.
Ein im Rücken verspanntes Pferd kann weder untertreten noch sich in den Hanken beugen. Die unkorrekte oder nicht vorhandene Fähigkeit eines Pferdes, sich in den Hanken zu beugen, spielt bei der Entstehung des schon fast zur Berufskrankheit gewordenen Fesselträgerschadens die entscheidende Rolle.
Ein lehrekonform ausgebildetes Pferd kann sich nach einigen Jahren guten Trainings versammeln, in den Hanken beugen. Das bedeutet, dass ein Pferd im Moment der Gewichtaufnahme sich in den großen Gelenken der Hintergliedmaßen passiv beugen kann, es lässt sich einsinken. Es kann also alle Gelenke vom Lumbo- und Ileosakralgelenk bis zur Fessel als Feder benutzen.
Die Feder wird gespannt, die Kruppe sinkt ab, um dann im Moment des Abfußens mit vorgespannter „Feder“ mehr Dynamik und Energie in seine Bewegungen legen zu können. Die Bewegungen des Pferdes werden erhabener und ausdrucksvoll. Das entscheidende Kriterium ist, dass der geschmeidige Rücken es gestattet, alle Gelenke an der „Federvorspannung“ zu beteiligen. Bei einem Schenkelgänger (Holleuffer 1896) oder einem Spannrückengänger (Pferde in der Hyperflexions- oder Rollkurposition), einem Pferd also, das mit durchhängendem oder überspanntem Rücken gearbeitet wird, entsteht ein verspannter Rücken. Diese Verspannung wird über die Rückenfaszie in die Hintergliedmaße transportiert. Die verspannte Kruppen- und Sitzbeinmuskulatur verhindert, dass sich ein Pferd bei abgefragter Hankenbeugung, in der Versammlung oder einer Trab- und Galoppverstärkungen in den Gelenken der Hintergliedmaßen passiv beugen kann.
Alle muskulär bestimmten Gelenkwinkel bleiben offen, die Kruppe bleibt hoch, das Hinterbein beim Unterfußen zurück, die einzige verbleibende „Federeinrichtung“, die Fessel, wird extrem belastet – überlastet! Der Fesselträger stellt die einzige Struktur dar, die ein Nachgeben der Gliedmaße im Moment der Gewichtsaufnahme noch leisten kann. Bildlich gesprochen wird die gesamte Federleistung, die sonst von einer großen Spiralfeder (jedes Gelenk der Hintergliedmaße stellt eine Federwindung dar) umgesetzt wird, nur noch von einer, der untersten Windung vollbracht. Die tragenden Strukturen des Fesselkopfes sind der Fesselträger und die distalen Gleichbeinbänder. Und die brechen bei entsprechend rücksichtslosen Ausbildungsmethoden früher oder später fast immer nieder! Ein ebenso großer Fehler entsteht durch einen falschen Sitz.
Am häufigsten sieht man heute verklemmte Schiebesitze, mit denen die Reiter das Bewegungszentrum ihrer Pferde, den Rücken, verspannen.

Aktiver Tierschutz

Das biomechanische Grundverständnis baut immer auf der natürlichen Balance des Pferdes auf. Bei einem gut gerittenen Pferd verschmelzen Pferd und Reiter zu einem harmonischen Ganzen in Balance! Die klassische Reitlehre ist aktiver Tierschutz! Der Rücken ist geschmeidig, das Genick und Kiefergelenk losgelassen und die Hinterhand aktiv. Die Lehre von der Biomechanik macht den physikalischen körperlichen Teil der klassischen Reitlehre zu einem einleuchtenden, für jedermann nachvollziehbaren Leitfaden. Biomechanische Zusammenhänge machen es einfacher, möglicherweise unlogisch klingende Forderungen nachvollziehen zu können. Die biomechanischen Zusammenhänge beschreiben, wie der Umformungsprozess eines Lauf- und Fluchttieres zu einem Reitpferd vonstattengeht, ohne das Pferd psychisch und physisch negativ zu beeinflussen oder gar zu schädigen. Das Harmonieprinzip sollte, wie ein befreundeter Ausbilder immer wieder konstatiert, immer an erster Stelle stehen. Die Leistungsabfrage steht an zweiter Stelle!

kontakt@gerdheuschmann.de

Abb. 1: Rückengänger
In der relativen Aufrichtung ist das Nackenband von untergeordneter Bedeutung. Die hier nicht dargestellte Muskulatur im Oberh

Abb. 2: Schenkelgänger
Diese Kopf-Hals-Position (häufig bei Dressurpferden) schaltet sowohl die Wirkung des Nackenband als auch die Oberhalsmuskulatur aus. Die Tragearbeit muss deshalb von der Rückenmuskulatur übernommen werden, was zum Verlust der Verbindung zur Hinterhand mit allen entprechenden Folgeschäden führt.

Abb. 3: Spannrückengänger
Diese auch als Hyperflexion oder Rollkur bezeichnete Kopf-Hals-Position überspannt das Oberhalssystem extrem und hebt über den Wideristhebel
den Rücken extrem an. Das Pferd verliert an Dynamik, die Hinterhand und sein Schwerpunkt verlagert sich auf die Vorhand.

Abbildungen: Kaja Möbius, Aus „Finger in der Wunde“, von
Dr. Gerd Heuschmann, WU WEI Verlag, ISBN 978-3-930953-20-2

HKP 6 / 2010

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 6 / 2010.
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„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
Prof. Dr. Arwid Daugschies, Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät – VMF
„hundkatzepferd serviert dem Leser den aktuellen Wissensstand in leicht verdaulicher Form. In Zeiten einer erdrückenden Informationsflut tut es gut, wenn solides Wissen auch in erfrischend entspannter Art angeboten wird.“
Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.