22.10.2018 08:32 - Über uns - Mediadaten - Impressum & Kontakt - succidia AG - Partner
Veterinärmedizin RSS > Kardiologie RSS > Kardiologische Erkrankungen des Pferdes – Teil II: Diagnostik

Kardiologische Erkrankungen des Pferdes – Teil II: Diagnostik

Aufs Herz geschaut

Die Möglichkeiten zur diagnostischen Abklärung des Herz-Kreislauf-Systems beim Pferd haben in den letzten Jahren einen großen technischen Fortschritt erfahren, insbesondere auf dem Gebiet der Echokardiografie.

Spezielle weiterführende Untersuchungen wie die Gewebedoppler-Echokardiografie oder die Herzkatheter- untersuchung sowie spezielle elektro- und echokardio- grafische Untersuchungen unter Belastung ermöglichen meist die prognostische Einschätzung der Bedeutung eines Herzbefundes für die Leistungsfähigkeit eines Pferdes und die Einschätzung des Risikos bei reiterlicher Nutzung. Aber auch dem Allgemeinpraktiker bieten sich durch eine ausführliche klinische Untersuchung in Ruhe und unter Belastung ausreichend Möglichkeiten, zumindest Hinweise auf eine kardiologische Erkrankung zu bekommen. Zudem sollten dem Allgemeinpraktiker die weiterführenden diagnostischen Möglichkeiten bei kardialen Erkrankungen des Pferdes bekannt sein, um eine erforderliche Aufklärung über weiterführende Untersuchungsmethoden leisten zu können.

Klinische Allgemeinunter­suchung – die Grundlage

Die klinische Allgemeinuntersuchung stellt die Grundlage jeder kardiologischen Untersuchung dar. Häufig wird ein veränderter Herzbefund auch erst zufällig bei einer routinemäßigen Allgemeinuntersuchung aufgedeckt. Neben der Adspektion der Schleimhäute sollten bei der klinischen Allgemeinuntersuchung auch die kapilläre Füllungszeit, der Puls (Frequenz, Qualität, Rhythmus, Gleichmäßigkeit und Gefäßfüllung und -spannung) überprüft werden (Abb.1). Liegt z.B. ein Pulsdefizit im Zusammenhang mit einer Herzarrhythmie vor, so kann der Verdacht auf Vorhofflimmern (Reizbildungsstörung des Herzens) gestellt werden. Neben der Beurteilung des arteriellen Pulses kann die Untersuchung der Venae jugularis beim Vorliegen eines positiven Venenpulses schon klinisch den Verdacht auf eine Trikuspidalklappeninsuffizienz aufkommen lassen. Kardiale periphere Ödeme in Unterbrust und Unterbauch­bereich sind dagegen erst im fortgeschrittenen Stadium einer Klappenerkrankung und im Rahmen generalisierter kardialer Dekompensationen zu finden. Die wichtigste klini­sche Untersuchungsmethode ist dabei die Auskultation des Herzens.


Abb.1 Pulspalpation an der A. fazialis

Auskultation

Die Auskultation in Ruhe stellt nach wie einen wichtigen diagnostischen Schritt dar. Bei der Auskultation von Herzgeräuschen und/oder Herzarrhythmien sollte zunächst abgeklärt werden, ob es sich um physio­logische (bzw. unbedeutende) oder pathologische (bzw. bedeutende) Befunde handelt. Beispiele für physiologische Herz­arrhythmien sind der partielle AV-Block 1. und 2. Grades, der sinuatriale Block und die Sinusarrhythmie. Diese Arrhythmien sind dann nicht pathologisch, wenn sie nach Bewegung (z.B. Vortraben an der Hand) verschwinden. Die Abgrenzung der physiologischen von den pathologischen Herzarrhythmien des Pferdes (z.B. ventrikuläre und atriale Extrasystole, Vorhofflimmern, totaler AV-Block) ist manchmal auch erst mithilfe einer elektrokardiografischen Untersuchung sicher möglich. Die Bewertung von Herzgeräuschen, die bereits in Ruhe oder aber auch erst nach Belastung auftreten können, stellt sich dagegen in der Praxis schwierig dar. Im Gegensatz zu früher wird heute der Lautstärke von Herz­geräuschen nur ein geringer diagnostischer Wert beigemessen. So bedeutet z.B. ein leises Herzgeräusch nicht automatisch, dass es sich um einen unbedeutenden Befund handelt und umgekehrt. Erst die echokardio­grafische Untersuchung als diagnostische Methode der Wahl liefert Klarheit über Ursprung, Ausmaß und Bedeutung eines Herzgeräusches. Diese Untersuchung ist jedoch in der Praxis häufig nicht durchführbar, sodass sie speziell ausgerüsteten Kliniken vorbehalten bleibt.

Klinische Belastungsuntersuchung

Zu einer vollständigen klinischen Herzuntersuchung gehören auch die Belastungsuntersuchung mit nachfolgender Auskultation sowie die Erhebung der Beruhigungswerte, um eventuell in Ruhe inapparente Befunde zu demaskieren. So können bspw. Arrhythmien oder Herzgeräusche, die erst bei hohen Herzfrequenzen auftreten, aufgedeckt werden. Im Gegensatz zu früher wird heute der Veränderung der Lautstärke von Herzgeräuschen nach Belastung im Vergleich zur Ruheuntersuchung kein diagnostischer Wert mehr beigemessen. So bedeutet eine Zunahme der Lautstärke nach Belastung nicht grundsätzlich einen Hinweis für eine eingeschränkte Herzfunktion. Dagegen kann ein Herzgeräusch, dessen Lautstärke nach Belastung unverändert bleibt oder sogar leiser wird, mit einer funktionell bedeutsamen Veränderung der Hämodynamik einhergehen. Stellen sich nach Belastung Verzögerungen der Herzfrequenzberuhigung (über 20min.) oder eine stark schwankende Pulsfrequenz in der Erholungsphase dar oder treten erst nach Belastung Arrhythmien auf, die nicht physiologisch (vagus­bedingt) sind, müssen kardiovaskuläre Ursachen (z.B. Beginn einer Dekompensation) in Betracht gezogen werden.

Weiterführende Diagnostik

Neben der klinischen Untersuchung, die weiterhin einen hohen Stellenwert bei der kardiologischen Untersuchung hat, dienen insbesondere die echo- und elektrokardiografischen Untersuchungen der exakten Herzdiagnostik. Auch Labor- und Herz­katheteruntersuchungen können wichtige Informationen liefern, werden aber nur bei gezielten Fragestellungen eingesetzt.


Abb.2 Ultrasonografisches B-Mode-Bild eines Pferdeherzens im Längsschnitt, geschallt von der rechten Thoraxseite im 4. Interkostalraum (linke Bildseite: B-Mode, rechte Bildseite: M-Mode).


Abb.3 Der linke Ventrikel im Querschnitt im Farbgewebedopplermodus dargestellt (blau = Myokardbewegungen vom Schallkopf weg;
rot = Myokardbewegungen auf den Schallkopf zu).

Elektrokardiografie

Treten bei der klinischen Untersuchung ­pathologische Arrhythmien auf bzw. ist eine Arrhythmie nicht eindeutig als physiologisch (z.B. AV-Block Grad II) einzustufen, sollte eine elektrokardiografische Untersuchung durchgeführt werden. In der Kardio­logie des Pferdes stellt sie somit einen wichtigen Bestandteil der weiterführenden Diagnostik dar. Das Elektrokardiogramm kann Auskunft über die Herzlage, die Herzfrequenz, den Erregungsrhythmus und dessen Ursprung sowie über die Impulsausbreitung, die Erregungsrückbildung und deren Störungen geben. Bewährt hat sich die elektrokardiografische Untersuchung beim Pferd v.a. zur Rhythmusdiagnostik. Dabei sind für das Pferd neben dem Stand­ard-Ruhe-EKG auch das Langzeit-EKG und das Belastungs- EKG etabliert worden.

Weiterführende EKG-Untersuchungen

Mithilfe des Standard-EKGs oder der elektro­kardiografischen Langzeituntersuchung kann (neben Rhythmus, Durchschnitts-, Minimal- und Maximalfrequenz) auch die Herzfrequenzvariabilität (=HRV; Synonym: Herzfrequenzvarianz) oder der Erhohlungspuls (HRR=heart rate recovery) mit speziellen Analyseprogrammen bestimmt werden.

Herzultraschall

Die echokardiografischen Untersuchungen werden zur Beurteilung und Vermessung der Herzdimensionen (Herzhöhlen und Herzmuskulatur) sowie der Echogenität und der Bewegungsmuster einzelner Herzstrukturen (Herzklappen und Muskulatur) in verschiedenen Anschallpositionen in der B- und M-Mode Technik durchgeführt (Abb.2). Zusätzlich erfolgt mit der so genannten Farbdopplertechnik die Darstellung und Vermessung normaler und pathologischer Blutflüsse (z.B. bei Klappeninsuffizienzen, Herzwanddefekten) im Herzen. Durch Untersuchung der Klappen werden dabei z.B. Insuffizienzen aufgrund einer Endokardiose in ihrer maximalen Ausdehnung und die Durchtrittsstellen durch die defekte Klappe dargestellt. Neben der Vermessung des Klappendefektes kann auch das zurückfließende Blutvolumen errechnet werden. Neben der sicheren Diagnose eines Herzklappendefektes oder eines Myokardschadens ist für die Schwere­gradbeurteilung die Ermittlung des Insuf­fizienz- bzw. des Herzminutenvolumens (zur Beurteilung der Myokardfunktion) erforderlich.

Die Gewebedopplertechnik ermöglicht darüber hinaus die Vermessung regionaler und globaler Myokardgeschwindigkeiten und -verformungen, wodurch Bewegungsstörungen des Myokards aufgedeckt werden können. Es werden beim Gewebedoppler zwei Darstellungstechniken unterschieden, der gepulste oder Spektral-Gewebedoppler und der Farbgewebedoppler, die jeweils ein unterschiedliches Spektrum an Mess­parametern ermöglichen (Abb.3).


Abb.4 Schematische Darstellung der Herz­katheteruntersuchung beim Pferd (Einführen des Rechtsherzkatheters über die Jugularvene, über die rechte Herzseite bis in das ­Lungenkapillargebiet).

Stressechokardiografie

Wie die elektrokardiografische ist auch die echokardiografische Belastungs- untersuchung inzwischen als Stressechokardiografie (Belastungsechokardiografie) etabliert. Da nicht wenige Herzerkrankungen, die mit einer für den Besitzer erkennbaren Leistungseinbuße einhergehen, in der Ruheuntersuchung ohne Befunde bleiben, gewinnt sie dabei weiter an Bedeutung.

Labordiagnostik

In der Pferdekardiologie werden verschiedene herzmuskelspezifische Proteine wie z.B. das Troponin-T und -I zur Aufdeckung akuter Herzmuskelschädigungen eingesetzt. Auch andere kardiale Biomarker wie z.B. das ANP (atriales natriuretisches Peptid) oder Aldosteron wurden bereits bei Pferden mit Herzerkrankungen untersucht und können Hinweise auf intrakardiale Druckveränderungen liefern.

Herzkatheteruntersuchung

Bei einigen Pferden kann es eventuell indiziert sein, als Ergänzung zur echokardiografischen Untersuchung eine invasive Herzkatheteruntersuchung durchzuführen, um somit Druckveränderungen im Herzen und in den herznahen Gefäßen frühzeitig zu erfassen. Bei der Herzkatheteruntersuchung wird der Katheter zur Druckmessung über die Jugularvene eingeführt und kann über die rechte Herzseite bis in das Lungenkapillargebiet vorgeschoben werden (Abb. 4). Sie ist aufgrund des hohen Aufwandes jedoch spezialisierten Pferdekliniken vorbehalten.

take home

Bei dem Verdacht auf das Vorliegen einer Herzerkrankung kann der Praktiker durch eine sorgfältige klinische Untersuchung mit einer Herzauskultation in Ruhe und nach Belastung ­bereits wichtige Informationen gewinnen bzw. zu einer Verdachtsdiagnose kommen. In den meisten Fällen werden jedoch weiterführende Untersuchungen zur exakten Diagnosefindung erforderlich sein.

Foto: © istockphoto.com, mikedabell

Stichwörter:
kardiologische Erkrankung, Allgemeinunter­suchung, Auskultation, Weiterführende Diagnostik, Herzfrequenzberuhigung, Herzdiagnostik, Elektrokardiografie, Herzultraschall, Labordiagnostik, Stressechokardiografie, Herzkatheteruntersuchung,

HKP 1 / 2014

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 1 / 2014.
Das komplette Heft zum kostenlosen Download finden Sie hier: zum Download

Der Autor:

Weitere Artikel online lesen

Dr. Birte Reinhold, ICHTHYOL-GESELLSCHAFT
„Endlich hat sich hundkatzepferd zum Fachmagazin für den Tierarzt entwickelt. In der Ausgabe 03/12 fielen neben informativen Neuigkeiten aus dem Praxisbereich und den lustigen Nachrichten aus der Tierwelt viele anspruchsvolle und praxisrelevante Fachartikel in einem ungewöhnlich anschaulichen und erfrischenden Design auf. Auch ein Fachmagazin kann unterhaltsam sein und taugt somit auch nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zur Feierabendlektüre im Gartenstuhl. Gefällt mir!“
Prof. Dr. Arwid Daugschies, Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät – VMF
„hundkatzepferd serviert dem Leser den aktuellen Wissensstand in leicht verdaulicher Form. In Zeiten einer erdrückenden Informationsflut tut es gut, wenn solides Wissen auch in erfrischend entspannter Art angeboten wird.“
Dr. Anja Stahn ( Leitung der Geschäftseinheit VET in Europa und Middle East bei der Alere )
Die hundkatzepferd begleitet mich nun schon seit einigen Jahren. Nach wie vor begeistern mich
die Aufmachung, der fachliche und informative Inhalt sowie und die beeindruckenden Fotos des
Fachmagazins. Ganz deutlich ist seit einigen Monaten eine noch stärkere Ausrichtung auf die Belange
und Interessen der Tierärzteschaft zu erkennen. Dies ist sehr erfreulich. Das Magazin gehört in jede
Praxis und sollte unterhaltsame „Pflichtlektüre“ für das ganze Praxisteam sein.