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Hufrehe – eine Zivilisationserkrankung des Pferdes

Ausgebremst

Bei der Hufrehe (Laminitits) handelt sich um eine aseptische diffuse ­Entzündung der Huflederhaut mit ­konsekutiver Zusammenhangs­trennung von Hufbein (P3) und ­innerer Hufwand ­(lamellae), die durch unterschiedliche Faktoren ausgelöst werden kann.

In extremen Fällen kommt es innerhalb von 48 Stunden zur Ablösung des Kronsaumes und zum Absinken des P3 durch die Sohle.

Ätiologie

Im gesunden Huf sind die Erneuerungs­prozesse, die gewährleisten, dass kontinuierlich Horn­material am P3 herunterwachsen kann, streng reguliert. Bei Störun­gen dieser Regulation kann Hufrehe entstehen. In der Folge kommt es zur Lysis der Basalmembran und mechanischer Defor­mation der dermalen/epidermalen Verbindung. Ursächlich sind verschiedene Faktoren beteiligt:

// Entzündung/Toxine: insbesondere Endo­toxämie im Rahmen schwerer ­systemischer Erkrankungen (z.B. Colitis, Pneumonie, ­Plazentaverhaltung), ­Giftpflanzen, ­Chemikalien oder auch ­übermäßige ­Kohlenhydratzufuhr.

// Metabolische Erkrankungen: Equine ­Metabolic Syndrome, EMS; Pituitary Pars Intermedia ­Dysfunction, PPID/Cushing, ­besonders bei Kleinpferderassen und Ponys.

// Überlastung: harter Untergrund, Schonung der kontralateralen Gliedmaße ­(Verletzung).

Anzeichen und Symptome

Das Pferd zeigt einen sägebockartigen Stand, bewegt sich unwillig und fußt auf dem Ballen mit deutlichem Wendeschmerz. Pulsation der Mittelfuß- und Zehenarterien ist festzustellen. Die Zangenprobe ist positiv (Abb.1). Gewebsver­änderungen und lamellare Separation beginnen vor dem Anzeichen klinischer Symptome. Es kann zu schleichenden Prozessen oder insbesondere im Falle einer schweren systemischen Erkrankung zu rapiden Veränderungen im Gewebe kommen. In der akuten Phase werden Schmerzen und Lahmheit beobachtet und es kann zu Rotation oder Absenkung von P3 kommen. Die chronische Phase ist von variabler Dauer. Es kann andauernde, geringgradige Lahm­heit bis zu hochgradigem Schmerz und Kronsaumseparation beobachtet werden. Schwere, akute Fälle können sich innerhalb von Stunden gravierend verschlechtern, dies ist insbesondere bei entzünd­licher/toxischer Genese der Fall. Chronische Fälle resultieren aus wiederholten Hufreheschüben über Monate bis Jahre.


Abb.1 Pferd mit EMS und akutem Reheschub.

Diagnose

Die Diagnose wird durch das typische klinische Bild und die Röntgenuntersuchung gestellt.

Klinische Untersuchung

Neben dem klassischen Gangbild ist ein ver­stärk­ter Puls der Digitalarterien auffällig. Eine Depression des Saumbandes ist häufig tastbar, insbesondere bei einer Hufbeinabsenkung. Die Hufzangenuntersuchung zeigt Schmerzen, insbesondere im Sohlenbereich.

Röntgen

Durch das Röntgenbild (90°Zehe) kann eine Radiolus­zenz zwischen Hornwand und Sohle und P3 (Entzündungsprodukte, Gas und nekrotische Lamellen) aufgezeigt werden. Veränderun­gen der Knochendichte (Lyse/Sklerose) sind besonders im Bereich der Hufbeinspitze erkennbar. Rotation des Hufbeines führt zum Verlust der Parallelität zwischen Hufwand und Hufbein. Der normale palmare Trachtenwinkel ist <4°. Je größer der Grad der Rotation ist, desto schlechter ist die Prognose (Abb.2). Die Absenkung von P3 führt zur distalen Verlagerung des Hufbeines innerhalb der Hufkapsel mit oder ­ohne Rotation. Eine Trennung im Kronsaum­bereich kann entstehen.


Abb.2 Laterale Aufnahme der Zehe mit ­deutlicher Rotation des Hufbeins.

In chronischen Fällen ist die Hufwand im dorsalen Bereich auf bis zu 15–17mm verdickt. Weitere Veränderungen sind Radioluzenz, knöcherne Umbildung P3, eine konvexe Sohle, Hufabzesse mit Gas/Flüssigkeitstaschen oder Osteitis der Hufbeinspitze.

Weitere bildgebende Verfahren

Untersuchungen im MRT ermöglichen die Identifizierung der zerstörten Laminae, aber auch die genaue Abmessung des Grades der Absenkung von P3 und des Abstandes zur dorsalen Hufwand. Die Szintigraphie (Weichteilphase) dient der Evaluierung der digitalen Perfusion. Computertomographische Untersuchungen werden kaum durchgeführt.

Digitale Venogramme

Ein digitales Venogramm ist mit etwas Erfahrung einfach anzufertigen. Es zeigt Perfusionsstörun­gen im Hufwandbereich auf und ist informativer als normale Röntgenbilder, besonders bei wiederholten Untersuchungen. Andere Techniken zur Ermittlung des Schweregrades (z.B. Laser-Doppler-Durchflussmetrie oder Near Infrarot Spectroscopy, Co-Oximetry und Thermographie) werden in wissenschaftlichen Untersuchungen erprobt.

Chronische Hufrehe

Bei der chronischen Hufrehe weisen Deforma­tionen und Ringe, die parallel zum Kronsaum eng aneinander in der Zehenregion – divergierend zum Ballen hin – verlaufen, auf eine langwährendes Geschehen hin. Die Sohle des klassischen Rehehufes „slipper foot“ ist konvex, mit Ulzeration und/oder Nekrosen und vorgefallener Dermis. Ebenso besteht eine epidermale Hyperplasie im Bereich der Zehe mit einer verbreiterten weißen Linie in der Sohlenwand („Seedy Toe“; Abb.3). Endgültig wird die Diagnose his­topathologisch bestätigt, hierbei fallen Mikrothromben, Ödeme und ischämische Areale auf.


Abb.3 Chronischer Rehehuf mit deutlichen Veränderungen im Bereich des Kronsaums.

Therapie

Die Therapie ist in der Regel symptomatisch, es werden vor allem Analgetika, Vasodilatatoren und Antiphlogistika eingesetzt. Viele Therapien sind wissenschaftlich nicht belegt, bei vielen Behandlungsstrategien gibt es aber anekdotische Erfolgsberichte. Orthopädische Korrekturmaßnahmen sind wichtig. Dauerhaftes Kühlen der Gliedmaße mit Eiswasser oder Crushed-Eis ist in den ersten 48 Stunden entscheidend. Diese Sofortmaßnahme führt zu Vasokonstriktion und zur Absenkung des lokalen Stoffwechsels und kann die Entwicklung in akuten Fällen verhindern oder stoppen. Diese Therapie wird insbesondere bei infektiösen/toxischen Patienten angewendet (Abb.4). Analgetika der Wahl sind Phenylbutazon und Flunixin. Dabei ist es wichtig, besonders die gastrointestinalen Nebenwirkungen zu beachten. In schwerwiegenderen Fällen ist der Einsatz von Opioiden oder eine Epiduralanästhesie angezeigt. Auch Fentanylpflaster oder Dauerinfusionen mit verschiedenen Medikamenten (z.B. Lidocain, Opioide, a2-Agonisten) werden mit Erfolg eingesetzt. Sobald klinische Symptome einer Rehe sichtbar werden, ist es in der Regel zu spät, um viele der patholo­gischen Prozesse aufzuhalten. Therapieversuche werden beispielsweise mit Vasodilatoren (Acepromazine, Nitroglycerin) oder rheologisch aktiven Substanzen (Isoxsuprin, Pento­xyphyllin) und DMSO unternommen. Antithrombotische The­rapie (Heparin, ASS) sollte innerhalb der ers­ten zwölf Stunden nach Beginn der ersten Sym­ptome begonnen werden und bis zu sechs Wochen weitergeführt werden. Andere neuere The­rapieformen wurden mit erstem Erfolg eingesetzt, z.B. Fibrinantagonisten und Dihydropyridine.

Ein Hochstellen des Hufes im Trachtenbereich (z.B. Gips, Soft Ride Boots) kann zu einer kurzfristigen Schmerzreduzierung führen und damit weitere Lamellendestruktion und Rotation des Hufbeines vermeiden. Das Einfräsen der Hufwand im Bereich der Eckstreben soll die Kompression im Korium des Saumbandes lösen. Die dorsale Hufwand wird somit von dem ungleichen Wachstum der Trachten getrennt, die sonst zur Rotation beiträgt. Das reduziert den Schmerz und vermeidet weitere Ablösung an der dorsalen Hufwand. Absolute Boxenruhe ist unerlässlich, wenn möglich, kann ein Swinglifter eingesetzt werden, um die Gliedmaßen zu entlasten (Abb.5). Ein Rehebeschlag mit Steg und Sohleneinlagen aus weichem Material im kaudalen Bereich der Sohle sollte angebracht werden, sobald die akuten Anzeichen nach­lassen. Ein zehenoffenes Eisen, z.B. das Denoix-Eisen umgekehrt (nach Kröhnert), oder ein Eisen mit Steg werden in der Praxis eingesetzt. Die Therapie der chronischen Rehe basiert hauptsächlich auf dem Korrekturbeschlag, um Deformationen zu korrigieren. Ziel ist, die Paral­lelität zwischen Hufbein und der dorsalen Hufwand wieder herzustellen. Die Durchtrennung des unteren Unterstützungsbandes der tiefen Beuge­sehne kann in Einzelfällen eine deutliche Symptomverbesserung bei chronisch aktiver ­Rehe erzielen. Bei Kontraktur der tiefen Beugesehne mit Fußung auf der Zehenspitze kann die tiefe Beugesehne, tenotomiert werden – auch am stehenden Pferd. Im Verlauf sollten klinische und röntgenologische Untersuchungen regelmäßig wiederholt werden. Der schlechteste Huf wird für den Rehegrad herangezogen. Dieser bestimmt die Prognose. Eventuelle metabolische Erkrankungen (EMS, PPID) sollten nach Abklingen der akuten Symptome abgeklärt werden.


Abb.4 Icing der distalen Gliedmaße mit Softride-Stiefeln bei einem toxischen Patienten als Prophylaxemaßnahme und mögliche ­Therapie.


Abb.5 Nutzung des Swinglifters, um eine Entlastung der Gliedmaßen zu ermöglichen.

Fütterung

Eine restriktive Fütterung mit Rücksicht auf mög­liche andere Erkrankungen wird empfohlen. Zu­sätzlich wird die Supplementierung mit einem guten Mineral- und Vitaminzusatzfutter angeraten. Die Prognose ist stark abhängig von der Ursache, dem Pferdetyp und insbesondere dem Rotations- bzw. Absenkungsgrad.

Bei Absenkung und hochgradiger Rotation kann nur in 20% der Fälle eine deutliche Besserung erzielt werden. Bei systemischen Erkrankun­gen mit Endotoxämie ist die Prognose deutlich verschlechtert. Kann keine andauernde Stabilisation und Schmerzlinderung erzielt werden, sollte aus Tierschutzüberlegungen die Euthanasie in Erwägung gezogen werden.

take home

Hufrehe ist immer ein Notfall und bedarf immer einer sofortigen aggressiven Therapie.

Bild: © istockphoto.com | Saminaleo

HKP 2 / 2015

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe HKP 2 / 2015.
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